Wie Mario Götze bei der Eintracht funktionieren kann Wie Mario Götze bei Eintracht Frankfurt funktionieren kann

Stand: 29.06.2022 07:33 Uhr

Mario Götze galt als unnahbar und nachlässig. An seinen ersten Tagen in Frankfurt geht er aber direkt auf die Fans zu. Das Riesentalent von 2011 wird die Eintracht nicht bekommen - aber vielleicht ist das ganz gut so.

Von Ron Ulrich

"Helmut, erzähl nomma dat Tor" haben sie in der Stammkneipe von Helmut Rahn in Essen angeblich immer wieder gesagt. Und so musste Deutschlands Siegtorschütze aus dem WM-Finale 1954 immer wieder ansetzen, wie er denn nun jenes berühmte 3:2 erzielt hatte. Mario Götze, der Schütze des "goldenen Tores" der WM 2014, musste am Dienstag bei seiner Vorstellung als neuer Spieler von Eintracht Frankfurt zwar nicht "nomma dat Tor" erzählen.

Doch irgendwie kreist es wie eine Drohne über dem mittlerweile 30-Jährigen - ob er will oder nicht. Der ehemalige Kommentator Marcel Reif sagte einmal treffend, dass Götze kontinuierlich gegen diesen Treffer anspielen müsse. Und wahrscheinlich kann er nicht mal vor dem Supermarkt rückwärts einparken, ohne dass irgendeiner ruft "Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götze - das ist doch Wahnsinn!" Der Hype ist nun auch in Frankfurt angekommen, vom "Jahrhunderttalent" und "Wunderkind" war wieder die Rede, der Boulevard machte gleich mal damit auf, wie rätselhaft oft Götze grinste. Selbst sein Lächeln ist noch immer eine Meldung wert.

Die Aufregung überrascht ihn noch immer

Götze war nach eigenen Angaben überrascht über die Aufregung, obwohl er die Überreizung der Branche zu Genüge kennenlernen musste. "Es ist eine Form von Wertschätzung und eine positive Sache. Mein Fokus liegt jetzt aber auf dem Verein, auf der Liga, auf den Challenges - das ist das, was mich als Athlet auch reizt", beschwichtigte er. Das Wort "Athlet" benutzte er in der Vorstellungs-PK häufig, auch viele Anglizismen aus seinen zwei Jahren in den Niederlanden hatte er im Repertoire: "Challenges", "Impact", "meine Performance", "meine Learnings aus den letzten zwei Jahren". Er habe einen anderen View auf die Sache bekommen.Tatsächlich machte er beim Arbeitsbeginn in Frankfurt einen aufgeräumten, reflektierten Eindruck.

Ein Lautsprecher war er auch noch nie gewesen, doch hatte oft mit ungelenken Schritten das Publikum erzürnt. Bei seiner Vorstellung in München 2013 erschien Götze im Shirt des privaten Sponsors. In Dortmund ahmte er seinen Trainer Lucien Favre einmal auf der Bank nach. Auf viele Menschen wirkte er lange unnahbar und entfernt. Wenn er mitunter teilnahmslos über den Rasen joggte oder zu korpulent wirkte, polterten Fans wie Robert de Niro im Film "In den Straßen der Bronx": "Das Traurigste auf der Welt ist verschwendetes Talent."

An seinen ersten Tagen machte er die richtigen Schritte

Nun in Frankfurt trug er schon einmal das richtige Shirt zur Vorstellung und ging auch sonst die "richtigen" Schritte. Direkt nach seiner ersten Einheit lief er als einer der ersten Spieler auf die Fans zu und gab minutenlang Autogramme. Nach seiner Unterschrift unter den Vertrag in der vergangenen Woche schaute er im Osthafen auf einem Bolzplatz vorbei. "Es war relativ spontan, ich habe auch Freunde hier, wir sind dann nach dem Medical und Signing auf dem Rückweg in die Stadt einfach mal vorbeigefahren", erklärte er. Götze wirkt austrainierter, zwei Jahre Gegenpressing-Powerfußball unter Roger Schmidt lassen sich selbst in der niederländischen Liga eben nur mit Idealgewicht durchhalten.

Und ähnlich wie Schmidt verlangt Frankfurts Trainer Oliver Glasner Hingabe beim Erobern der Bälle und Handlungsschnelligkeit. Der Coach schätzt zwar technische Künstler wie Daichi Kamada, doch bei Nachlässigkeiten kann er böse werden (nach dem Spiel in Köln schimpfte er noch auf dem Platz lange auf den Japaner ein). Auch für Götze will Glasner keine Sonderrolle reservieren, wie er am Montag klarmachte. Und, so scheint es, der Star selbst will sie auch nicht beanspruchen: "Ich will ein Puzzleteil für die Mannschaft sein", sagte er in aller Bescheidenheit.

"Ich muss nur mir selbst etwas beweisen"

Eine Erkenntnis wird sich auch in Hessen durchsetzen müssen: Es ist nicht der Mario Götze von 2011, der da nach Frankfurt kommt. Jener Götze, der damals Brasilien schwindelig spielte wie vorher vielleicht nur Bernd Schneider (man googele mal "Mario Götze skills vs Brazil"). Jener Götze, der es mit Lionel Messi aufnehmen sollte.

Doch vielleicht ist es auch ganz gut für die Eintracht, den Mario Götze von 2022 zu bekommen. Einen 30-Jährigen, der Jungspunden wie Jesper Lindström viel erzählen kann über die hellen und dunklen Momente einer Karriere. Einer, der jede Trainingseinheit (und sei es auf dem Bolzplatz) momentan wertschätzt. Der nun weiß, dass er Bälle nicht frei Haus geliefert bekommt, sondern sie sich mitunter wie in Eindhoven erlaufen muss. "Ich muss nur mir selbst etwas beweisen", hat Götze am Dienstag gesagt.

Oliver Glasner wie Robert de Niro

Beim Training flitzte er zum Ende des Spiels hinter die Verteidiger und legte den Ball gekonnt in den Rücken der Abwehr. Sein Gefühl für den Raum, sein Auge auch in engen Situationen und seine herausragende Technik wird er wohl nie verlieren. Was er zur Entfaltung braucht, sind Fitness und die Zuneigung von Trainer und Rängen. Genau das könnte er in Frankfurt bekommen. Glasner redete nach der Einheit minutenlang mit Götze. Auch der Trainer weiß, wie es de Niro im Film ausdrückte: "Du kannst noch so viel Talent haben, aber wenn du es falsch einsetzt, geht es keinen Schritt weiter. Aber wenn du es richtig einsetzt, na rate mal, dann passieren die tollsten Dinge."