Vor dem Skispringen in Willingen: Die meisten Schanzen in Hessen verrotten irgendwo im Wald

Die vergessenen Skisprung-Schanzen von Hessen 02:28 Min. Verfügbar bis 21.01.2022

Vor dem Weltcupspringen in Willingen

Vor dem Skispringen in Willingen: Die meisten Schanzen in Hessen verrotten irgendwo im Wald

Von Jonas Schulte

Ende Januar stürzen sich Karl Geiger, Kamil Stoch und Co. in Willingen wieder von der Mühlenkopfschanze. Steht in Willingen eigentlich die einzige Skischanze in Hessen? Weit gefehlt. Doch den meisten der rund 20 Schanzen geht es nicht gut.

Der Grasberg in Poppenhausen (Fulda), fünf Kilometer Luftlinie entfernt von der Wasserkuppe, ist ein beliebtes Ziel für Wanderer. Der Weg führt über den Steilhang, der dicht bewachsen ist mit hohen Tannen. Mitten im Wald tauchen auf einmal ein Betonblock und ein verfallenes Holzgerüst auf. "Was bitte ist das?", werden sich einige Spaziergänger fragen.

"Das sind die Reste der Grasbergschanze. Der Betonblock war der Schanzentisch, auf dem Holzgerüst standen die Punktrichter", erklärt Thomas Bub aus Poppenhausen. Der Rentner gehörte in den 60er, 70er und 80er Jahren zu den besten Skispringern in Hessen, wurde mehrfach Hessenmeister. Die Grasbergschanze war seine sportliche Heimat.

Wo heute alles mit Tannen zugewachsen ist, haben sich Bub und viele andere Skispringer früher wagemutig den Hang hinuntergestürzt. Der ewige Schanzenrekord liegt bei 29 Metern. Klingt verglichen mit heutigen Weiten nach nicht so viel, aber wenn man als unbedarfter Mensch am Hang steht, bekommt man schon Respekt.

Partystimmung schon damals an der Schanze

"Skispringen, das war früher immer ein Fest hier bei uns in der Rhön", erinnert sich Bub. "Wenn wir Wettkämpfe hatten, dann standen unten im Auslauf hunderte Zuschauer, es lief Musik über eine Lautsprecheranlage, es wurde gegrillt und getrunken. Es waren tolle Sonntagnachmittage." Nicht nur auf dem Grasberg wird schnell klar: Hessen hat eine lange Skisprung-Tradition.

Heute geht beim Skispringen nichts ohne die Hightech-Ausrüstung. Hochwertige Neopren-Anzüge und perfekt abgestimmte Sprungskier gehören zum Standard bei den Athleten. Früher in der Rhön war alles etwas bescheidener. "Anfangs hatten wir sogar nur ein einziges paar Skier mit denen wir alles gemacht haben. Von der Abfahrt über den Langlauf bis hin zum Springen."

Mit der Zipfelmütze von der Schanze

Schutzausrüstung war damals eher Mangelware. "Wir sind mit Trainingshose und Zipfelmütze die Hänge runter gesegelt. Irgendwann hatten wir dann mal so eine Art Sturzhelm, der aber eigentlich nur aus Leder bestand und höchstens die Ohren warm gehalten hat", erzählt Bub.

Auch der Sprungstil von damals hat mit den Fernsehbildern von heute nur noch wenig gemeinsam. "In der Anlaufhocke hatten wir die Hände vor dem Körper. Erst beim Absprung haben wir sie nach hinten an den Körper angelegt. Außerdem kannten wir den V-Stil noch nicht und hatten die Skier im Flug parallel und ganz gerade nach vorne gerichtet", so Bub.

Die Rhön-Vierschanzen-Tournee

Trotz spartanischer Ausrüstung gab es ab den 1960er Jahren einen regelrechten Skisprung-Boom in der Rhön. "Wir waren mehr als 20 Springer alleine hier aus Poppenhausen." Später gab es sogar eine eigene Vierschanzentournee in der Rhön - auf den Skisprungschanzen in Poppenhausen, Wüstensachsen, Haselbach und Oberweißenbrunn. Unter den Springern aus den Dörfern herrschte eine freundliche Rivalität.

"Wir haben uns untereinander gut verstanden. Aber in den Wettkämpfen haben wir uns nichts geschenkt", sagt Bub. "Wenn auf der Grasbergschanze bei uns hier in Poppenhausen Wettkampf war, dann haben unsere Weitenrichter den Springern aus dem eigenen Dorf auch schon mal einen halben Meter extra aufgeschrieben." Das aber hätten die Weitenrichter in den jeweils anderen Orten auch getan.

Ski-Schanzen sogar in den Großstädten

Nicht nur in der Rhön wurden Skisprung-Wettkämpfe ausgetragen. Die Rhöner Springer sind zwischen Dezember und Februar auch zu den Hessenmeisterschaften gefahren. In fast allen Landesteilen gab es damals nämlich Skisprungschanzen, insgesamt rund 20 Stück.

Von Retterode in der Nähe des Hohen Meißner (Werra-Meißner-Kreis) bis nach Grasellenbach im Odenwald. Von der Rhön im Osten bis ins Lahn-Dill-Bergland im Westen. Sogar in Städten, wie Wiesbaden, Darmstadt und Kassel hat es einst Skisprungschanzen gegeben.

Milde Winter machten dem Skiprung-Sport ein Ende

Die Zeit dieser teils imposanten Anlagen ist aber seit teilweise mehr als 40 Jahren vorbei. "Die Winter wurden ab Ende der 80er Jahre immer milder. Der Schnee hat es seitdem nicht mehr verlässlich bis in unsere Mittelgebirgslagen geschafft", schaut Bub wehmütig zurück. Die Schanzen zu präparieren wurde immer aufwändiger. "Bis hin zu dem Punkt, an dem viele Skiclubs gesagt haben: Das lohnt sich nicht mehr."

Die Schanzen wurden vielerorts einfach zurückgelassen. Die Natur erobert sich die Schanzentische, Anläufe, Kampfrichtertürme und Hänge nach und nach zurück. Bis auf die Schanze in Willingen sind inzwischen alle hessischen Skisprunganlagen außer Betrieb und stehen als Ruinen in der Landschaft herum. Bis auf eine Ausnahme.

Der Sprung ins Glück an der Schanze im Vogelsbergkreis

Die alte Skisprungschanze auf dem "Höllerich" in Bermuthshain im Vogelsbergkreis steht noch. Die imposante Holzkonstruktion wurde 1970 von den Bermuthshainern in Zusammenarbeit mit den britischen Besatzungs-Soldaten gebaut, weil die vormalige Schanze auf dem Hoherodskopf einem Funkmasten weichen musste.

Andreas Däsch ist einer der letzten Bermuthshainer, die dort hinuntergesprungen sind. Ein Sturm hat die Schanze Ende der 80er Jahre beschädigt. Auch hier wurde der Sprung-Betrieb wegen des Schneemangels schließlich aufgegeben. Aber Däsch hatte eine Idee, was mit dem zwar baufälligen aber immer noch beeindruckenden Bauwerk anfangen kann.

"Heute bin ich ja Gastronom im Ort und veranstalte vor allem Hochzeiten. Vor vier Jahren hatten wir gemeinsam mit dem Grebenhainer Bürgermeister die Idee, hier am Schanzentisch ein Standesamt einzurichten", erzählt Däsch. Seitdem können Verliebte hier den Bund fürs Leben schließen. Man kann also nur hoffen, dass die Ehen länger halten, als der Skisprung-Boom in Hessen.

HR | Stand: 21.01.2021, 13:46

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