Vor 30 Jahren: Als der TV Lützellinden Handball-Europacupsieger wurde

Zeitreise: Lützellinden holt den Europapokal der Landesmeisterinnen 14:38 Min. Verfügbar bis 13.05.2022

Vor 30 Jahren

Vor 30 Jahren: Als der TV Lützellinden Handball-Europacupsieger wurde

Vor genau 30 Jahren schaffte der TV Lützellinden die große Sensation und gewann den Cup der Landesmeister. Renate Wolf war damals Kapitänin – und zehrt noch heute von ihrer Zeit in Hessen.

Schon knapp drei Minuten vor Spielende weiß Renate Wolf vom größten Erfolg ihrer Spielerinnenkarriere. Wolf liegt mit ihrem TV Lützellinden gegen den großen Favoriten Hypo Niederösterreich Wien zwar mit einem Tor zurück, aber weil die Hessinnen das Final-Hinspiel im Landesmeistercup mit 21:15 gewonnen haben, sickert die Erkenntnis langsam durch, dass der Klub aus dem beschaulichen 2000-Seelen-Örtchen am Ende des Abends den europäischen Handball-Thron besteigen wird.

Und so kommt es dann auch, am 11. Mai 1991 holt der TV Lützellinden als letzte deutsche Mannschaft den Europapokal der Landesmeister der Frauen, ausgelassener Jubel und Sektdusche inklusive. "Das war schon ein Highlight", sagt Wolf heute. "Ich bekomme Gänsehaut und Herzklopfen, wenn ich dran denke. Wir haben Geschichte geschrieben."

Vom Aufsteiger zum Europacupsieger

Der Triumph im Landesmeistercup, er ist die vorläufige Krönung eines Handballmärchens inmitten der hessischen Provinz. Wolf wechselt 1990 zum kleinen TV, der sich unter Dr. Jürgen Gerlach zu einem Spitzenclub gemausert hat. Erst 1985 steigt der Klub unter dem eigenwilligen Coach in die Bundesliga auf, wird 1988 erstmals Meister und dann direkt dreimal in Folge. "Ohne den 'Doc' hätte es den TV Lützellinden so nicht gegeben", sagt Wolf.

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Der "Doc" holt auch Wolf nach Hessen, Führungsspielerin und Leistungsträgerin, die zentraler Bestandteil der Landesmeistercup-Elf wird. Mit einem Trick, wie sich Wolf erinnert. "Der Doc lud mich zu einem Gespräch ein – aber zu meiner Überraschung war es ein öffentliches Training, bei dem er mich in einer vollen Halle als Neuzugang präsentierte. Da hatte ich keine Wahl mehr", lacht Wolf.

"Zu einigen Fans habe ich heute noch Kontakt"

Sie hat auch deshalb keine Wahl mehr, weil sie in Lützellinden das vorfindet, was ihr zuvor in Leverkusen gefehlt hat; denn Club und Dorf mögen klein sein, die Begeisterung aber ist groß. "Leverkusen war damals Vorreiter mit sehr professionellen Strukturen. Ich hatte eine sehr erfolgreiche Zeit, wir gewannen acht Meisterschaften. Aber was Leverkusen damals nicht hatte, waren Fans", so Wolf, die von der Leidenschaft und dem Zusammenhalt im kleinen Lützellinden noch 30 Jahre später hörbar beeindruckt ist.

"Für mich war Lützellinden zunächst ein Dorf: Friedhof, Telefonzelle, Sporthalle, Lebensmittelladen – das war's. Aber ich merkte schnell, dass der Bezug zu den Fans von ganz besonderer Bedeutung war. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt", so Wolf.

"Die Bauern gaben mir Lebensmittel mit"

Der Zusammenhalt wird in Lützellinden gelebt, geht weit über die übliche Spieler-Fan-Beziehung hinaus. "Donnerstags wurde im Vereinsheim gemeinsam mit den Fans gegessen", erinnert sich Wolf. "Und wenn ich zurück nach Leverkusen fuhr, wo ich arbeitete, gaben mir die Bauern einmal pro Woche Lebensmittel mit, Brot, Wurst, Eier. So etwas vergisst man nicht, und für diese Erfahrung bin ich heute noch sehr dankbar."

Ein kleines gallisches Dorf eben, das in den Neunzigern zur Handball-Hochburg mutiert – und selbst die ganz Großen schlagen kann. Etwa Hypo Niederösterreich Wien, die den Cup in den zwei Jahren zuvor und den vier Jahren danach gewinnen. Und deren Trainer 1991 nach dem verlorenen Hinspiel noch vollmundig ankündigt, die Hessinnen mit zehn Toren Unterschied aus der Halle zu schicken.

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"Wir waren im Flow"

Allein: Es kommt anders. "Wir waren an dem Tag alle sehr fokussiert, der Trainer hat einen guten Job gemacht, die Leistungsträgerinnen hatten einen guten Tag, wir waren im Flow", so Wolf. Mit dem Ergebnis, am Ende den Pokal in die Höhe stemmen zu können.

Es ist eine bittersüße Note, dass ausgerechnet der Tod von Gerlach, der vor kurzem erst verstarb, dafür sorgte, dass die Spielerinnen von damals wieder vermehrt Kontakt haben. Das Begräbnis war dabei für viele ein Wiedersehen, mittlerweile gibt es eine Whatsapp-Gruppe. In der sicher bald auch, wenn es die Pandemie wieder zulässt, über eine Jubiläumsfeier gesprochen wird. Schließlich haben die Frauen des TV Lützellinden 1991 nicht weniger als Geschichte geschrieben.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 13.05.2021, 19:30 Uhr

HR | Stand: 13.05.2021, 20:59

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