SV Darmstadt 98: Wie Torwarttrainer Wache neu laufen lernen musste

Die lange Leidenszeit von Dimo Wache 02:33 Min. Verfügbar bis 13.10.2022

Nach 35 Operationen

SV Darmstadt 98: Wie Torwarttrainer Wache neu laufen lernen musste

Von Stephan Reich

Dimo Wache ist ein Bär von einem Mann. Aber 35 Operationen haben den Körper des Lilien-Torwarttrainers so zermürbt, dass er zuletzt neu laufen lernen musste. Ein ganz bestimmter Fußball-Geruch hat ihm durch zweieinhalb Jahre Verletzung geholfen.

Wenn Dimo Wache den Raum betritt, wirkt nichts an ihm irgendwie verletzlich. Das Kreuz breit wie ein Kühlschrank, Hände wie Bratpfannen, der Gang entspannt und der Händedruck fest – man kann sich gut vorstellen, wie die Stürmer früher am einstigen Bundesligatorhüter zerschellten. Aber dass Wache die Treppen zum Interviewraum überhaupt problemlos hochgekommen ist, grenzt an ein medizinisches Wunder.

Wache, 47 Jahre, Torwarttrainer beim SV Darmstadt 98, ist so etwas wie sein eigener Kollateralschaden. 18 Jahre stand er als Profifußballer im Tor, als junger Ersatzmann gewann er 1995 den DFB-Pokal, Celtic Glasgow wollte ihn ebenso verpflichten wie Borussia Dortmund, beim 1. FSV Mainz machte er 406 Pflichtspiele und wurde zur Vereinslegende. Aber der Job war zugleich Raubbau am eigenen Körper, Wache musste Zeit seines Lebens 35-mal operiert werden, zuletzt fehlte er zweieinhalb Jahre am Stück. "Es waren jetzt die Folgen zu beseitigen, die eine Profikarriere manchmal mit sich bringt. Die Verletzungen, die die OPs notwendig machten, waren letzten Endes Arbeitsunfälle."

"Das tägliche Gehen wäre problematisch geworden"

Wache spricht ruhig und gelassen über zweieinhalb Jahre Hölle, die er hinter sich hat. Denn nach Beendigung seiner Karriere hörte Waches Verletzungspech nicht auf, vielmehr haben die vielen Blessuren und OPs diverse Folgeschäden hinterlassen. 2016 bekam Wache ein neues Kniegelenk im rechten Knie, 2020 machte das linke Knie auch schlapp, ebenso wie das Sprunggelenk. "Ich hatte keine Wahl. Es mussten zwei Operationen innerhalb eines Jahres durchgeführt werden, weil mir klipp und klar gesagt wurde, dass das tägliche Gehen, der Alltag problematisch geworden wären", so Wache. Einer der konsultierten Ärzte prognostizierte gar, Wache werde nur noch am Rollator gehen können, wenn nicht schnell eingegriffen wird. "Es ist wie beim Hausbau", sagt Wache. "Wenn das Fundament fehlt, ..."

Sie werden das nicht schaffen, heißt es seitens der Ärzte. Wache versucht es trotzdem, was bleibt ihm auch anderes übrig. Er ist zwar nicht mehr aktiv, arbeitet bei den Lilien aber seit 2013 als Torwarttrainer, ist dem Fußball treu geblieben, wie es so schön heißt. Und das mit Erfolg: Christian Mathenia, Michael Esser, Daniel Heuer Fernandes sind seine Entdeckungen, Wache hat sich ein eigenes Statistik-Tool gebastelt, um Potential zu sehen, das anderen verborgen bleibt.

"Das war kaum zu schaffen"

Aber mit der alltäglichen Arbeit ist es erst einmal vorbei, wie insgesamt mit dem Alltag. Im Februar 2020 wird das linke Kniegelenk eingesetzt, im Oktober muss das rechte Sprunggelenk versteift werden. "Dass die eine OP links und die andere rechts war, war ein riesiges Problem. Ich hatte die Reha für das neue Kniegelenk noch nicht zu hundert Prozent abgeschlossen und musste dann nach der Sprunggelenks-OP die komplette Belastung für drei, vier Monate trotzdem auf das Knie legen. Und ich wiege keine 65 Kilo, sondern etwas mehr", so Wache.

Mit der Folge, dass Wache zeitweise die Wohnung kaum verlassen kann, nach der Sprunggelenks-OP muss er drei Monate lang einen Therapieschuh tragen und darf nicht auftreten. "Ich war komplett eingeschränkt. Im Haus sind sehr viele Treppen, ich war auf einer Ebene gefangen", so Wache. Der ehemalige Leistungssportler ist plötzlich am Rande der Invalidität, das zehrt nicht nur am Körper, das geht auch an die Seele. "Die Zeit nach der Reha des linken Knies, mit dem Wissen, es geht weiter und wird schlimmer, weil das Knie noch nicht austherapiert ist, das war kaum zu schaffen. Es kam das ein oder andere Mal der Gedanke: warum?"

"Ich habe zwanzigmal zu Kloppo gesagt, dass er einen Vogel hat"

Wobei die Frage nach dem Warum ja recht einfach zu beantworten ist. Als Torwart schont sich Wache keinen Tag, nach Verletzungen steigt er zu früh wieder ein, "ich könnte Storys erzählen", sagt er lächelnd, winkt ab, und erzählt dann doch eine. Als er mit Mainz einmal im Abstiegskampf steckt, verletzt er sich schwer an der Schulter, "Totalschaden", so Wache. Im Kreise der Familie guckt er das Spiel seiner Mannschaft, als sich sein Stellvertreter Christian Wetklo ebenfalls verletzt. "Ich habe gesagt: Zehn Minuten nach dem Spiel ruft Kloppo an. Es hat dann nur fünf Minuten gedauert."

Der damalige FSV-Trainer Jürgen Klopp bittet Wache, früher wieder ins Tor zurückzukehren und am Wochenende auf dem Platz zu stehen. "Ich habe in der Woche zwanzigmal zu Kloppo gesagt, dass er einen Vogel hat. Und ich ebenfalls. Meine Physiotherapeutin hat kein Wort mehr mit mir gesprochen." Die Mainzer brauchen einen Punkt für den Klassenerhalt, und mit Wache im Tor holen sie ihn. Sportlich ein Erfolg, für den Körper aber ein bleibender Schaden. "Die Schulter ist jetzt genauso kaputt wie alles andere", sagt Wache lapidar.

"Die ersten drei Monate waren für mich die Hölle"

In der Reha nach der Sprunggelenksverletzung macht Wache kleine Fortschritte, aber der Kampf um ein normales Leben wird zum Abnutzungskampf. Zuhause wird er ungenießbar, die Langeweile, das ungewohnt inaktive Leben, das der Sportler schlecht erträgt. Und will seine Frau ihn mal ins Auto setzen, um wegzufahren und auf andere Gedanken zu kommen, muss sie ihn mitunter im Rollstuhl zum Auto schieben. "Die ersten drei Monate nach der zweiten OP waren für mich die Hölle. Ich bin ein aktiver Mensch, aber ich konnte nichts machen", so Wache. "Und ich war nicht so einfach zu meiner Familie. Der Alltag ist unangenehm, es wird einem schnell langweilig, man wird griesgrämig. Aber meine Frau und meine Tochter wissen, wie das mit mir und den Verletzungen ist und standen oft über den Dingen. Ich bin auf sehr viel Verständnis gestoßen."

Paradoxerweise wird der Auslöser der ganzen Misere – das Leistungssportlerdenken – zum Weg aus ihr heraus. In der Reha muss Wache neu laufen lernen, die Statik des Körpers und die Bewegungen auf die neuen Gelenke anpassen. "Wenn man solche Eingriffe gemacht bekommt, ist nichts mehr wie früher. Ich musste meine Schrittlänge komplett verkürzen", so Wache. "Wenn man aber als fast 50-Jähriger normal läuft und auch gar nicht drüber nachdenkt, wie man läuft, ist es nicht so einfach, vier, fünf Zentimeter Schritt wegzunehmen."

"Ich wollte diesen Geruch wieder in die Nase bekommen"

Doch mit dem Ehrgeiz, der ihm die Profikarriere ermöglichte, zieht er die Reha durch, in Gedanken immer bei der großen Belohnung, die wartet: "Der Geruch des Rasens. Die Ärzte haben, mit einer Ausnahme, gesagt: Dimo, du wirst es nicht schaffen. Ich habe mich am Geruch des Rasens hochgezogen. Wenn man 30 Jahre im Profifußball ist, hat man diesen Geruch morgens, mittags und abends. Ich wollte diesen Geruch einfach wieder in die Nase bekommen."

Seit dem Sommer 2021, nach zweieinhalb Jahren Krankschreibung, hat Wache den Geruch des Rasens wieder und betreut die Lilien-Keeper, wie er es zuvor getan hat. Die Gelenke jedoch schmerzen noch immer. "Ich bin froh, dass ich vernünftig schießen kann. Alle drei Gelenke werden nie wieder so werden, wie sie mal waren. Und es gibt immer wieder große Probleme, der Fuß schwillt nach hoher Belastung noch sehr stark an. Beide Knie machen große Probleme in Sachen Muskulatur. Aber das wusste ich vorher. Damit muss ich versuchen, vernünftig umzugehen."

"Das ist jetzt nun mal der Preis, den ich dafür zahlen muss"

Seine Profikarriere bereut Wache trotz aller Kollateralschäden nicht, auch wenn er vieles mittlerweile etwas ruhiger angehen würde. Wie ihn die Leidenszeit ohnehin etwas gelassener gemacht hat. "Wenn es einem mal richtig dreckig ging, sieht man Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Das habe ich in diesen zweieinhalb Jahren gelernt", sagt er. "Und es bringt mir ja nichts, zu sagen: Alles ist kaputt, Scheiß Fußball. Der Fußball hat mir wahnsinnig viel gegeben. Das ist jetzt nun mal der Preis, den ich dafür zahlen muss." Sprach’s, und verließ den Interviewraum mit normalen, entspannten Schritten, als wäre nichts.

HR | Stand: 13.10.2021, 16:03

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