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Eintracht Frankfurt Martin Hinteregger - eine richtige Entscheidung, die keine Gewinner kennt

Stand: 23.06.2022 16:48 Uhr

Martin Hinteregger hat seine Karriere bei Eintracht Frankfurt beendet. Es war die einzige Möglichkeit, einen Schlussstrich unter eine Angelegenheit zu ziehen, die nur Verlierer hervorgebracht hat.

Von Gerald Schäfer

Wissen Sie, warum Martin Hinteregger in Frankfurt zum Fan-Liebling wurde? Für jeden Fan persönlich zu sprechen, ist natürlich nie möglich. Aber wenn sich alle inbrünstigen "Hinti"-Rufer – vergangene und aktuelle – auf eine positive Eigenschaft von Martin Hinteregger einigen müssten, dann am ehesten auf diese hier: Nahbarkeit.

Der Österreicher ist einer von uns, die wir nicht Millionen Euro mit dem Fußball verdienen. Ein Mensch mit Ecken und Kanten. Einer, der gerne mal ein Bier trinkt, und manchmal eben auch eines zu viel. Einer, der immer bodenständig geblieben ist. Einer, der frei von der Leber weg spricht, nicht immer alles groß durchdenkt – und dabei eben auch immer mal wieder danebengreift.

Ohne Eskapaden kein Kult

Martin Hinteregger hat sich in seiner Karriere viele Fehltritte geleistet. Die meisten davon konnten die Eintracht-Fans weglächeln. Wer noch nie einen wichtigen Arbeitstermin verpasst hat, weil er am Abend zuvor etwas zu tief ins Glas geschaut hat, werfe den ersten Stein. Dem "Hinti", dem kann man da eigentlich nicht böse sein. Ohne solche Eskapaden wäre er ja schließlich gar nicht erst zur Kultfigur geworden.

Das Problem ist, dass man ihm sehr wohl böse sein kann, wenn man nämlich sein Teamkamerad und vermutlich auch Freund ist. Vielleicht nicht beim ersten Mal, vielleicht auch nicht beim dritten Mal. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind Stefan Ilsanker und Ihr Spezi Martin verpasst Ihre offizielle Verabschiedung, weil er lieber im Bahnhofsviertel die Nacht zuvor zum Tag machen musste. Wer wäre da nicht zumindest ein bisschen enttäuscht?

Der Bruch mit einem Teil der Fans

Das vielleicht erste Mal so richtig sauer waren viele Fans in den vergangenen Tagen, als der 29-Jährige bei seinem Hinti-Cup Geschäfte mit einem Landsmann machte, der in der rechten Szene gut bekannt ist. Zwar beendete der Kärntner nach einem kritischen journalistischen Bericht diese Geschäftsverbindung gleich wieder, in gleich mehreren Interviews machte er aber dann das, wofür er oft genug auch gefeiert wurde: Er sprach frei von der Leber weg – und machte damit alles nur schlimmer.

Hinteregger fühlte sich ungerecht behandelt. Er habe das ja schließlich alles nicht gewusst und überhaupt werde das Thema viel zu sehr aufgebauscht. Das war PR-technisch sicherlich alles andere als klug, aber es war genau das, was der sensible Verteidiger eben in diesen Tagen empfunden hat. "Ich hätte da wirklich mediale Beratung gebraucht und Hilfe", ist inzwischen auch dem Verteidiger klar. Leider zu spät.

Dieses Mal war es nicht nur ein Bier zuviel

In einer Mitteilung der Eintracht stand schließlich das, was Hinteregger schon viel früher hätte sagen sollen: "In den vergangenen Wochen haben sich rund um meinen 'Hinti-Cup', den ich mit Herzblut und besten Gewissens ausgetragen habe, einige Themen ergeben, deren Tragweite mir erst im Nachhinein klar geworden ist. Emotionale, vielleicht unbedachte Worte von mir haben zu Irritationen geführt und dafür möchte ich mich entschuldigen. Das bedaure ich sehr." Das Kind war da freilich schon in den Brunnen gefallen.

Bei der Eintracht, die sich unter Präsident Peter Fischer immer wieder klar positioniert hat gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus, konnte man gar nicht anders, als diesen Fauxpas anders einzuordnen als vorherige. Auch im Klub glaubt man natürlich nicht an böse Absichten von Hinteregger, ist natürlich überzeugt, dass der Österreicher kein Rechter ist und einfach wieder einmal unbedacht gehandelt hat. Aber dieses Mal ging es eben um mehr als um ein Bier zu viel. Es ging um die DNA dieses Klubs.

Zwei Möglichkeiten ohne Gesichtsverlust

Die Frage war am Ende nur, wie man die Angelegenheit am besten löst, ohne dass eine der beiden Parteien ihr Gesicht verliert. Hinteregger hatte zuvor schon angekündigt, dass die Eintracht seine letzte Profi-Station sein wird. Es gab also nur zwei Möglichkeiten: Entweder er leistet Abbitte und erfüllt seinen Vertrag möglichst geräuschlos bis 2024 - oder er beendet seine Karriere.

Dass er sich nun für die zweite Variante entschieden hat, kann man ihm nicht verdenken. Nach dem ganzen medialen Rummel, den Hinteregger ohnehin nie wirklich wollte, hat er sich für den Abstand vom Profi-Fußball entschieden. Ob er diese Entscheidung auch getroffen hätte, wenn es die Vorfälle rund um den Hinti-Cup nicht gegeben hätte, wie jetzt insinuiert wird, weiß letztlich nur Hinteregger selbst.

Viel zu früh, aber unvermeidlich

Frankfurt verliert mit Martin Hinteregger nicht nur eine Identifikationsfigur und "echten Typen", wie es sie im Fußball so selten nur noch gibt, sondern auch einen richtig guten Innenverteidiger, der mit 29 Jahren doch eigentlich auf der Höhe seines Schaffens sein sollte. Es gibt in dieser Causa letztlich keine Gewinner. Es ist ein eigentlich viel zu frühes Karriereende für alle Seiten. Aber doch ein unvermeidliches.