Oliver Glasner

Bundesliga Eintracht Frankfurt: Die Verwandlung von Trainer Oliver Glasner

Stand: 23.05.2022 12:23 Uhr

Im Sommer 2021 kam Oliver Glasner als neuer Trainer zu Eintracht Frankfurt. Elf Monate später feiert er den Europacup-Sieg auf Mallorca. Seine Entwicklung ist erstaunlich.

Von Stephan Reich

Nein, den Verdacht, ein ausgeprägtes Feierbiest zu sein, erweckte Oliver Glasner bei seiner Vorstellung als neuer Trainer der Frankfurter Eintracht nicht. Gelassen und freundlich saß er auf der Bühne, beantwortete geduldig die Fragen der Journalisten, gewährte Einblicke in seine Spielidee – aber dass der Mann knapp elf Monate später in Trikot, Sonnenhut und mit Eintracht-Aufkleber auf der Stirn den Bierkönig auf Malle unsicher machen würde, um einen epochalen Europacupsieg zu feiern, das war nun wirklich nicht abzusehen.

Vielleicht war es das graue Wolfsburger Umfeld, das auf Glasner abfärbte und dafür sorgte, dass der eine oder andere einen etwas farblosen Trainer erwartete. Schnell stellte sich das als Klischee heraus. Glasner präsentierte sich in Frankfurt von Tag eins an zugänglich, sympathisch und offen für die Befindlichkeiten der emotionalen Fußballstadt Frankfurt. Exemplarisch die Anekdote, die er nach einigen Wochen im Amt erzählte. "In Frankfurt hat Fußball mit den größten Stellenwert. Das habe ich gleich gespürt. Da kam zum Beispiel eine ältere Frau auf mich zu und sagte: 'Willkommen in Frankfurt, und passen Sie mir auf unsere Eintracht auf.'"

"Komm', lass Dich mal drücken"

Glasner und Frankfurt, das schien also schnell menschlich zu passen. Vor allem aber bekamen die Hessen mit Glasner einen Taktikexperten, der seine Idee vom Spiel mit aller Konsequenz durchbrachte. Selten hat man in Frankfurt einen Trainer gesehen, der so oft das Training unterbrach, um das taktische Verhalten seiner Spieler zu korrigieren. Die Trainingsplätze am Stadion ließ Glasner in zahllose kleine Felder unterteilen, um seiner Mannschaft das richtige Positionsspiel beizubringen.

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Ein Prozess, der eine Weile dauerte. In der Liga ließen die Ergebnisse zunächst auf sich warten. In Frankfurt hatte Glasner das Glück, auf ein ruhiges Vereinsumfeld zu treffen, das ihm auch nach sieben Spieltagen ohne Sieg zu Beginn der Saison den Rücken stärkte. "Axel Hellmann kam nach dem 1:1 gegen Stuttgart zu mir und sagte: 'Komm', lass Dich mal drücken. Ich glaub', Du brauchst das jetzt.'", so Glasner. In Wolfsburg, wo er mit dem eigenwilligen VfL-Boss Jörg Schmadtke kollidierte, wäre so viel Herzlichkeit wohl kaum möglich gewesen.

"Wir haben uns erst richtig kennenlernen müssen"

Und dann platzte der Knoten. Im Herbst fuhren die Hessen in der Liga endlich die Punkte ein, in einem der besten Saisonspiele wurde Bayer Leverkusen mit 5:2 bezwungen. "Wo wollen wir den Gegner hinlenken? Wer unterstützt wen, wer sichert wen? Welche Räume gibt uns der Gegner?" – die taktischen Fragen, die Glasner auf seiner Antritts-Pressekonferenz gestellt hatte, schienen beantwortet.

Entsprechend sagte auch Glasner im Dezember: "Am Anfang hat es seine Zeit gebraucht. Wir geben den Spielern sehr viele Informationen an die Hand, vielleicht manchmal ein wenig zu viel. Wir haben uns erst richtig kennenlernen müssen." Und auch Glasner das emotionale Frankfurt: Als er im Europa-League-Spiel in Piräus wutentbrannt den Ball auf die Tribüne drosch, wirkte er wie verwandelt.

"Dieser Spirit hat sich entwickelt"

Die Ergebnisse in der Liga blieben schwankend, in Europa jedoch ließ die Eintracht ahnen, was möglich sein könnte – in Sevilla, in Barcelona, wo Glasner erstmals sein Potenzial als Feierbiest zeigte, als er den Halbfinaleinzug per Diver im Spalier seiner Spieler feierte. Dann gegen West Ham und schließlich erneut in Sevilla. Die Liga war da schon längst egal, der Fokus lag auf dem europäischen Titelgewinn.

Den Glasner schließlich schaffte. "Das Jahr ist schwierig gestartet für uns alle. Die Spieler haben immer an sich und an uns geglaubt, haben immer voll mitgezogen. Das zeigt ihren Charakter und ihre Mentalität. Dieser Spirit hat sich entwickelt", sagte Glasner freudetrunken nach dem Sieg gegen Glasgow. Auf die Eintracht hat er aufgepasst, wie versprochen, und mehr noch, er hat den ersten europäischen Titel seit 42 Jahren nach Frankfurt geholt. Da kann man es sich am Bierkönig durchaus mal gut gehen lassen.