Djibril Sow im Interview "Auch die Eintracht ist auf Erlöse angewiesen"

Stand: 12.01.2023 13:12 Uhr

Djibril Sow ist aus dem zentralen Mittelfeld von Eintracht Frankfurt kaum wegzudenken. Im exklusiven Interview spricht der Schweizer über seine Entwicklung und seine Zukunftspläne.

Djibril Sow gehört bei Eintracht Frankfurt zum Gerüst des Teams. Der Schweizer spielt bereits seine vierte Saison beim Bundesligisten. Die könnte aber auch seine letzte mit dem Adler auf der Brust sein. Der hr-sport hat Sow im Trainingslager in Dubai zum Interview gebeten.

hessenschau.de: Herr Sow, wenn ich Ihnen ein weißes Blatt Papier geben würde mit einem Stift und Sie bitten würde, Ihre Definition eines Führungsspielers draufzuschreiben. Was würden Sie schreiben?

Djibril Sow: Ein Spieler, der die Mannschaft mitreißen kann. Das ist das Wichtigste für einen Führungsspieler, vor allem, wenn es mal nicht so läuft.

hessenschau.de: Sind Sie bei der Eintracht ein Führungsspieler?

Sow: Ich würde sagen, ich bin noch auf dem Weg dahin. Ich habe immer noch Verbesserungspotential. Aber das ist ja auch etwas Schönes. Da kommt man ja gerne ins Training, wenn man weiß, dass man besser werden kann.

hessenschau.de: Ihr Start bei der Eintracht war damals, 2019, auch aufgrund einer schweren Verletzung ja kein leichter. Wenn Sie auf ihre Zeit in Frankfurt zurückblicken, wie sehen Sie ihre eigene Entwicklung?

Sow: Meine Erwartungen wurden übertroffen. So, wie es bisher gelaufen ist, war es überragend. Ich bin auch froh über die Zeit am Anfang, denn diese hat mich als Spieler und meine Persönlichkeit gestärkt.

hessenschau.de: Gab es in dieser Zeit Schlüsselmomente, die Sie weitergebracht haben?

Sow: Ich würde nicht von Schlüsselmomenten sprechen, es war eher ein Prozess. Die Zeit in der zweiten Saison hat mir sehr geholfen – auch dass ich in der Nationalmannschaft viel spielen konnte. Da habe ich gezeigt, dass ich sehr gut mithalten kann. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben und ich habe gemerkt, dass ich sehr gut reinkomme.

hessenschau.de: Geht diese Entwicklung im Sommer in Frankfurt weiter – oder woanders?

Sow: Der Austausch mit der Führung ist immer sehr offen. Die Eintracht hat auch ihre finanziellen Pläne und ist auf Erlöse angewiesen. Wir werden uns zu einem passenden Zeitpunkt zusammensetzen. Es wird immer Interessenten für Spieler von uns geben, weil wir auch erfolgreich sind. Ich glaube aber, jeder Spieler überlegt es sich sehr gut, ob er in Frankfurt den Abschied wagt.

hessenschau.de: Waren die Erfolge, siehe Europa-League-Sieg, auch ein Grund, bei der Eintracht zu bleiben?

Sow: Natürlich. Man hat es ja im Sommer gesehen, da haben sich Daichi Kamada, Kevin Trapp und ich dazu entschieden, bei der Eintracht zu bleiben. Wir hatten das Gespür, dass der Weg noch nicht fertig ist. Und genau das haben wir mit dieser Hinrunde und dem Einzug ins Champions-League-Achtelfinale bewiesen. Das ist einfach ein spezieller Verein und eine spezielle Mannschaft. Der Spirit ist unglaublich. Das gibt es nicht so oft. Deswegen kann die Eintracht auch oft die Spieler halten.

hessenschau.de: In der Rückrunde bleibt die Mannschaft ja, wie es aussieht, auch erst einmal zusammen. Haben Sie sich konkrete Ziele für die Zeit bis zum Sommer gesetzt?

Sow: Wir versuchen, speziell in der Champions League, jedes Spiel wie ein Finale zu sehen – und mutig zu sein. Dann können wir wie in der vergangenen Saison etwas Spezielles schaffen. In der Bundesliga wollen wir aber in keinem Fall einbrechen wie in der vergangenen Rückrunde. Wir wollen bis zum Schluss um diese Plätze kämpfen.

hessenschau.de: Das würde ja auch bedeuten, dass die Eintracht alle Wettbewerbe mit der gleichen Konzentration angeht. Das war in der vergangenen Rückrunde ja nicht wirklich der Fall…

Sow: Das war eigentlich in der vergangenen Saison auch schon so. Man muss aber ehrlich sagen, dass die Kapazität in der Mannschaft nicht so vorhanden war, um in beiden Wettbewerben ans Leistungslimit zu gehen. Wir sind am Donnerstagabend immer an unsere Grenzen gegangen und am Sonntag hat uns dann die Power gefehlt. Das ist jetzt anders. Mittlerweile haben wir meist vier, fünf Spieler auf der Bank, die locker in der Startelf stehen könnten. Diese Kadertiefe gibt uns Selbstvertrauen und macht uns variabler. Es bleibt unser Ziel, unter der Woche und am Wochenende an unser Leistungslimit zu kommen.

hessenschau.de: Als Achtelfinal-Gegner hat die Eintracht in der Champions League Neapel gezogen. Vielleicht das unangenehmste Los, das man bekommen konnte?

Sow: Wenn man die Hinserie ansieht, dann ist das so. Sie waren in einer sehr guten Verfassung und haben viele Tore geschossen. Dazu haben sie ein paar Shootingstars in ihren Reihen. Es könnte aber auch ein Vorteil sein, da wir nichts zu verlieren haben. Dazu kommt: Mannschaften, die Fußball spielen wollen, haben uns immer gelegen. Wir müssen uns aber auch nicht verstecken.

hessenschau.de: Das Hinspiel ist zwar noch eineinhalb Monate hin. Dennoch dürfte das Kribbeln beim Gedanken an dieses Highlight jetzt schon groß sein.

Sow: Alle fiebern schon darauf hin, klar. Das Kribbeln ist vielleicht jetzt, mitten in der Vorbereitung, noch nicht da, aber wenn wir wieder in Frankfurt sind, werden wir merken, dass für viele Fans der Fokus auf diesem Spiel liegt. Wir wollen bei dem Spiel wieder Geschichte schreiben. Aber bis dahin warten noch einige andere wichtige Partien auf uns, die wir erfolgreich gestalten möchten.

hessenschau.de: Geschichte würde die Eintracht auch mit einer zweiten Champions-League-Saison in Folge schreiben. Ist das auch ein großes Ziel für die Rückrunde?

Sow: Aktuell sind wir auf Platz vier. Wir wollen unbedingt bis zum Schluss um diese Plätze kämpfen. Wir haben in dieser Saison auch die Qualität dazu. Dafür müssen wir aber immer konstant an unser Leistungslimit kommen.

Das Gespräch führten Nicolas Herold und Christian Adolph.