Wechsel zu Juventus Turin Von Kostic werden sie bei Eintracht Frankfurt noch lange schwärmen

Stand: 12.08.2022 17:45 Uhr

Mit Filip Kostic verlässt einer der überragenden Spieler der jüngeren Vereinsgeschichte Eintracht Frankfurt. Seine Auftritte machten ihn zur titulierten "Maschine" - erst hier fand er das passende Umfeld zur Entfaltung.

Von Ron Ulrich

Wo soll man bei Filip Kostic' legendären Szenen im Eintracht-Trikot anfangen? Natürlich sticht seine Messi-Trikot-Geste in Barcelona heraus, sein eiskalter Elfmeter im Europa-League-Endspiel, der Heber bei Betis - mit 99 Scorer-Punkten lieferte er genügend erinnerungswürdige Aktionen. Doch um die Brillanz zu verdeutlichen, zu der er an guten Tagen imstande ist, reicht vielleicht das Spiel bei Borussia Dortmund im Kampf um die Champions League aus der Saison 2020/21.

Luka Jovic lief vor dem Spielende aufs Borussen-Tor zu und wurde von Mats Hummels durch eine Grätsche ausgebremst. Der Ball rollte in Richtung Torauslinie, die Verteidiger wendeten sich bereits ab. Nur Kostic, drei Meter hinter dem Ball, zog in dieser 87. Minute noch einmal einen Sprint an, den er aus der eigenen Hälfte beim Angriff gestartet hatte. Kurz vor der Auslinie flankte der Serbe die Kugel dann aus vollem Lauf mit einem Kontakt haargenau in die Mitte zu André Silva, der nur noch einköpfen brauchte - es war das 2:1 für Frankfurt.

"Maschine" mit Laser-Flanken

Es mag viele gute Außenspieler geben, die präzise flanken können. Kostic gab in der vergangenen Bundesliga-Saison, die für die Eintracht eigentlich durchwachsen verlief, neun Assists und bereitete mit 87 so viele Torchancen vor wie kein anderer Spieler der Liga. Die Präzision erhöhte er laut Statistiken dabei im dritten Jahr hintereinander. TV-Experte Didi Hamann nannte die Hereingaben einmal treffend "Laser-Flanken". Doch was bei Kostic wie in der Szene in Dortmund noch hinzukommt: Er besitzt die seltene Gabe, diese Zuspiele aus vollem Lauf und mitunter mit einem Kontakt perfekt und präzise zu timen.

Ciao Filip! | hessenschau Sport vom 09.08.2022

Und noch etwas erzählte das Tor von Dortmund: Sein Sprint kurz vor dem Ende kennzeichnete einen besonderen Arbeitsethos. Nicht selten war er in seiner Frankfurter Zeit der letzte Spieler auf dem Trainingsgelände, der noch Extraschichten für Flanken oder Schüsse schob. Das brachte ihm den Spitznamen "Maschine" ein - Kostic ist ein Profi durch und durch, aber eben auch nicht nur im positiven Sinne. Die Schwärmereien der Fans für seine Spielweise erhielten durch seine Wechselgelüste immer wieder Dämpfer. Erst im vergangenen Jahr bestreikte er vor dem Auswärtsspiel in Bielefeld ein Training, um einen Wechsel zu Lazio Rom in letzter Sekunde zu erzwingen.

Das überragende Jahr lag auch an Trainer Glasner

Es ist auch das Verdienst von Trainer Oliver Glasner, diese schwierige Situation so moderiert zu haben, als hätte da nur ein jugendlicher Filou wieder Flausen im Kopf gehabt. Kostic hatte im Gespräch vorher gegenüber dem Trainer nichts von seinen Plänen erzählt und ihn wie das Team sitzen lassen. Für andere Trainer wäre dies ein herber Schlag gegen die Autorität gewesen - Kostic hätte das Okocha/Yeboah-Schicksal der Ausmusterung drohen können. Doch Glasner nannte den Streik einen "Seitensprung", nach dem man wieder Vertrauen aufbauen müsse. Trainer und Schlüsselspieler verband ungeachtet des Skandals in der abgelaufenen Saison eine innige Beziehung, die Kostic auch zu seinen überragenden Leistungen in der Europa League anstachelte.

Noch in der Stunde des Triumphs zeigte sich der Trainer optimistisch, dass Kostic bleiben werde. Tatsächlich erschien er beim Trainingsstart im Juli, und beide verließen zusammen auf dem Fahrrad das Gelände. "Filip war heute nicht gut", scherzte der Österreicher zu den Umstehenden. "Hast du überhaupt ein Tor im Trainingsspiel gemacht?" Kostic grinste, drehte sich um und sagte: "Ja, ja, zwei." Am Dienstag, als sich Kostic' Wechsel zu Juventus anbahnte, sagte Glasner über die Beziehung: "Es tut menschlich weh, dass wir so jemanden nicht mehr in der Gruppe dabei haben."

Bei der Eintracht wurde ihm alles verziehen

Die Eintracht profitierte von den einmaligen Fähigkeiten ihres Unterschiedspielers. Noch in vielen Jahren werden Fans im Stadion bei geglückten Flanken den Namen Kostic erwähnen, vielleicht ihren Enkeln von der guten alten Zeit mit dem Serben auf links vorschwärmen. Doch auch Kostic profitierte von einem Klub, der ihm Fehltritte und fehlende Defensivbemühungen verzieh, ein System wie auf ihn zugeschnitten spielen ließ und ihm trotz seiner Vergangenheit vertraute. Vor seinem Wechsel an den Main war er mit Stuttgart und Hamburg zwei Mal abgestiegen.

"Filip geht als Held", sagte Torwart Kevin Trapp und unterstrich dabei noch einmal den Stellenwert seines Espresso-Kumpels innerhalb der Kabine. Doch richtig heldenhaft wäre der Abschied wohl gewesen, wenn Kostic noch bei der einmaligen Chance auf den Supercup mitgewirkt hätte - und nicht fast fluchtartig nach Turin aufgebrochen wäre. Seinen Wechsel an sich kann man nachvollziehen, die Umstände aber verstimmen.

Fischer: "Es tut weh"

Präsident Peter Fischer fasste die Gefühlslage dazu so zusammen: "Wenn du einmal die Chance hast, im Supercup gegen Real Madrid zu spielen, und machst es nicht, dann merke ich doch, wie versaut das Geschäft ist. Es tut weh." Aber der Präsident sprach auch vielen aus der Seele: "Er ist ein Ausnahmespieler für Eintracht Frankfurt gewesen, den wir immer im Herzen haben werden." Kostic ist eben kein Romantiker, sondern war nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Voll-Profi bei der Eintracht. Und was für einer.