BR24 Sport TSV 1860 zwischen Fußballromantik und Geschäft

Stand: 12.08.2022 20:07 Uhr

"Einmal Löwe, immer Löwe" heißt es bei den Fans des TSV 1860 München. Darüber hinaus sind sich die verschiedenen Lager beim Traditionsklub aus Giesing allerdings so gut wie nie einig. Derzeit wird das mal wieder in der Stadionfrage deutlich.

Von Wolfram Porr

Bleiben oder neu bauen? Den speziellen "Löwenweg" gehen, etwas kleinere Brötchen backen und dafür im geliebten Stadion an der Grünwalder Stadion bleiben oder doch lieber fürs finanzielle Geschäft sorgen und - natürlich - über eine neue, größere, modernere Arena nachdenken? Die Löwen-Seele ist gespalten, und ein gemeinsamer Weg ist derzeit nicht abzusehen.

"Marktunüblicher" Nachteil geht in die Millionen

"Im Giesinger Blut fließt Zerrissenheit, das gehört zur DNA", sagt BR-Reporter Lukas Schönmüller in "Eins gegen Eins - der BR24-Sport-Talk". "Dieser Verein wird niemals zur Ruhe kommen." Und meint damit auch die Stadionfrage, bei der zwei Welten aufeinandertreffen.

Das Grünwalder Stadion in Giesing ist schon lange ein Verlustgeschäft für den Verein. Das Stadion gehört der Stadt, die dem TSV Vorgaben machen kann - ein Konstrukt, das auch verhindert, dass der Klub etwa mit Catering und anderen Dingen Kasse machen könnte. 1860-Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer beziffert den jährlichen Verlust aufgrund dieser "marktunüblichen" Rahmenbedingungen auf rund 1,5 Millionen Euro.

Romantik ade: "Es geht um Geld"

Hundertprozentig belegen kann Pfeifer die Zahlen nicht. Als Gegenargument wird gerne aufgeführt, dass Pfeifer die bestmöglichen Rahmenbedingungen in seiner Rechnung zugrunde lege. Wirklich vergleichbare Standorte gebe es nicht.

Schönmüller schlägt sich im BR24-Sport-Talk trotzdem auf die Seite derer, die sagen: "Wir müssen uns unabhängig machen." Sprich: Mit einem neuen Stadion oder zumindest einer anderen Stadionlösung, die es dem Verein ermöglichen würde, mehr Geld einzunehmen: "Man muss sich bei den Löwen der Wahrheit stellen, dass der Fußball nicht mehr romantisch ist. Es geht um Geld."

Die "Sechzger Alm" am Vereinsgelände fungiert als VIP-Bereich

Die "Sechzger Alm" am Vereinsgelände fungiert als VIP-Bereich

Othmer glaubt an "kreative Löwenlösungen"

Blickpunkt-Sport--Moderator Markus Othmer hält dagegen. Er glaubt noch an ein Zusammenstehen aller im Verein und an eine Zukunft im "Grünwalder": Präsident Reisinger habe gerade begonnen, "zu moderieren". Und wer unbedingt vor einem Fußballspiel Häppchen essen wolle, der könne das auch außerhalb des Stadions tun: "Ganz ehrlich: Ich brauche nicht noch ein Fußballstadion in München. Für mich als Fußballromantiker ist das ein Wahnsinnsstadion."

Weiter fragt er: "Ist die VIP-Frage wirklich gleichbedeutend mit sportlichem Erfolg?" Othmer plädiert für "kreative Löwenlösungen" wie die "Sechzger-Alm", in der die VIPs derzeit außerhalb des Stadions verpflegt und betreut werden.

Altes Stadion verursacht hohe Kosten

Ob das reicht? Allein die VIP-Alm kostet den Verein rund 190.000 Euro pro Saison. Zusätzliche Kosten kommen auch durch die LED-Bandenwerbung dazu und die Akku-Module, die nach jedem Spiel ins rund 100 Kilometer entfernte Lager gebracht werden müssen, weil das Stadion keine Lagerräume bietet. Alles Kosten, die bei einem modernen Stadion wegfielen.

Während die Stadt München die Stadionmiete zuletzt erhöhte und aus versicherungstechnischen Gründen auf einen schnellen Abschluss pochte (der ein Nachverhandeln unmöglich machte), hält die Opposition im Rathaus zu den Löwen. Die Landeshauptstadt solle dem TSV 1860 bei den Konditionen entgegenkommen und zur Möglichkeit einer Mietminderung transparent Auskunft geben, schlug Manuel Pretzl vor, der Fraktionsvorsitzende der CSU.

Im Aufstiegsfall wird Stadiondiskussion richtig Fahrt aufnehmen

Aber auch das wäre wohl nur eine Übergangslösung. 1860 will aufsteigen, um aber in der 2. Bundesliga zu bestehen, wird es eher noch wichtiger werden, mehr ans Geschäft zu denken. Und noch ist gar nicht klar, ob und unter welchen Voraussetzungen das Grünwalder Stadion eine Zulassung der DFL erhalten würde.

Klar ist auch: Die Probleme sind hausgemacht. Schließlich waren es die Löwen selbst, die 2017 aus der Arena zurück nach Giesing wollten (im Regionalligajahr auch völlig ausreichend). Das Olympiastadion ist ein rotes Tuch bei den Fans und würde ebenfalls nicht für lau zu haben sein. Also doch ein eigenes neues Stadion? Träumen darf man ja mal. Die Diskussionen jedenfalls dürften erst noch weiter an Fahrt aufnehmen. Ausgang: offen.

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