Pogacar schockt die Konkurrenz im Kampf um Gelb

Tadej Pogacar

Erstes Zeitfahren der Tour de France

Pogacar schockt die Konkurrenz im Kampf um Gelb

Von Michael Ostermann (Laval)

Mit seinem Sieg im Einzelzeitfahren verschafft sich Tadej Pogacar schon einen deutlichen Vorsprung im Kampf um den Gesamtsieg der Tour de France. Gelb überlässt er aber noch einem anderen.

Mathieu van der Poel platzte in das Interview mit dem Tagessieger. Der Niederländer wollte Tadej Pogacar unbedingt seine Aufwartung machen. Der Slowene hatte gerade das 27,2 Kilometer lange Zeitfahren der 5. Etappe der Tour de France überlegen gewonnen. Das Gelbe Trikot aber hatte Pogacar um acht Sekunden verpasst und somit für mindestens einen weiteren Tag van der Poel überlassen. Da war ein kleiner Gruß durchaus angebracht.

Die Konkurrenten verlieren Zeit

"Mathieu steht Gelb ganz gut, das ist okay", sagte Pogacar nach der herzlichen Umarmung der beiden gönnerhaft. Wohl wissend, dass er es ja ohnehin recht bald übernehmen und - sollten ihm keine größeren Unbilden widerfahren - dann wohl auch bis Paris tragen wird. Sein UAE-Team kann so jedenfalls erstmal noch ein bisschen Kräfte sparen, weil es noch keine Verantwortung übernehmen muss.

Während Pogacar einen "richtig guten Tag" erlebte, müssen all jene, die noch eine Woche zuvor mit großen Hoffnungen zum Tourstart in der Bretagne angereist waren, nach diesem Zeitfahren nun schon mit deutlichen Rückständen klarkommen.

Unglaublicher Tag für Tadej Pogacar

Tourfunk 30.06.2021 18:00 Min. Verfügbar bis 01.07.2031 ARD


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Der Franzose Julian Alaphilippe liegt 40 Sekunden hinter Pogacar, Richard Carapaz aus Ecuador 1'36 Minuten, Pogacars Landsmann Primoz Roglic fehlen schon 1'40 und dem Waliser Geraint Thomas 1'46 Minuten. Sie alle ließ der Vorjahressieger in Laval deutlich hinter sich.

Roglic mit Schmerzen

Am besten schnitt noch Primoz Roglic ab, der 44 Sekunden langsamer war als Pogacar. Roglic gilt anders als sein Landsmann als Spezialist im Kampf gegen die Uhr, war aber auf der 3. Etappe nach Pontivy gestürzt und hatte da schon Zeit eingebüßt. Am Dienstag hatte er in den sozialen Netzwerken ein Bild gepostet, in dem zwischen all den Pflastern und Verbänden kaum ein Stück Haut zu sehen war.

"Die Schmerzen waren sehr stark, aber beim Zeitfahren hat man immer Schmerzen", versuchte Roglic die Folgen seines Sturzes zu relativieren. In Anbetracht der Umstände war man bei seinem Team Jumbo-Visma mit dem Tag trotz des weiteren Zeitverlustes zufrieden, weil sie ihren Kapitän auf dem Weg der Besserung wähnen.

Erinnerungen an La Planche des Belles Filles

Roglic kennt das Gefühl, gegen Pogacar im Zeitfahren zu verlieren, seit dem vergangenen September, als ihm sein junger Landsmann den schon sicher geglaubten Sieg am vorletzten Tag der wegen der Corona-Pandemie in den Spätsommer verlegten Tour de France noch wegschnappte. Damals endete das Zeitfahren allerdings auf dem Gipfel La Planche des Belles Filles und Pogacar ist ein ausgewiesener Kletterer.

Auf dem hügeligen aber nicht steilen Kurs von Changé nach Laval waren am Mittwoch jedoch die Spezialisten im Zeitfahren vorne erwartet worden - Rouleure wie der Europameister in dieser Disziplin, der Schweizer Stefan Küng. Der saß dann auch bis kurz vor Schluss auf dem "heißen Stuhl", nachdem er mehr als eine Stunde vor Pogacar an den Start gegangen war und die Bestzeit vorgelegt hatte.

Pogacar nicht im Sinn gehabt

Küngs Gesichtsausdruck, als Pogacar sich dann in einem atemberaubenden Tempo und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 51 km/h dem Ziel näherte, erinnerte an die fassungslosen Mienen von Roglics Teamkollegen im September, als ihrem Kapitän das Gelbe Trikot kurz vor Paris abhanden kam.

Er habe eher mit Wout Van Aert als schärfstem Konkurrenten gerechnet, sagte Küng. Der Belgier - auch er ein Teamkollege von Roglic - wurde am Ende jedoch nur Vierter mit 30 Sekunden Rückstand auf den Tagessieger. "Pogacar hatte ich nicht wirklich im Sinn," ergänzte Küng.

Windtunnel und keine Fehler

Pogacar, der in dieser Saison noch kein Zeitfahren gewonnen hatte, erklärte seinen Leistungssprung mit der Arbeit im Windtunnel, wo er seine Zeitfahrposition optimiert habe. "Davor habe ich immer Fehler gemacht, jetzt habe ich die richtige Balance", sagte er. "Mein Ziel war es, keine Zeit zu verlieren, jetzt habe ich sogar Zeit gewonnen."

Bei Pogacars Konkurrenten spürte man nach dem Zeitfahren das Bemühen, Optimismus zu verbreiten. "Pogacar ist jetzt offensichtlich in der besten Position", sagte Geraint Thomas, der Toursieger von 2018. "Aber wir haben in den ersten Tagen gesehen, dass viel passieren und sich ändern kann." Sein Teamkollege bei Ineos-Grenadiers, Richard Carapaz, der Sieger des Giro d'Italia 2019, verwies ebenfalls darauf, dass die größten Schwierigkeiten dieser Tour erst noch anstehen.

Das alles klang dann allerdings schon sehr nach Durchhalteparolen. Genau wie bei Roglics Team Jumbo-Visma. "Wir müssen jetzt das Beste draus machen", sagte der deutsche Ex-Profi Grischa Niermann, einer der Sportlichen Leiter der Equipe. "Das ist das größte Radrennen der Welt, da können wir jetzt nicht einfach nach Hause fahren."

Stand: 30.06.2021, 19:44

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