Kelderman kämpft unsichtbar um die Top 5

Wilco Kelderman

Tour de France

Kelderman kämpft unsichtbar um die Top 5

Von Michael Ostermann (Saint-Lary-Soulan/Col du Portet)

Wilco Kelderman soll bei der Tour de France für das deutsche Team Bora-hansgrohe einen Platz unter den Top 5 einfahren. Das ist immer noch möglich, wenn er nicht wieder das Pech anzieht.

Mit aufgeschürftem Kinn erreichte Wilco Kelderman das Ziel der 17. Etappe der Tour de France am Col du Portet. Das sichtbare Zeichen eines Sturzes, den die Fernsehkameras nicht erfasst hatten. Sichtlich ungehalten radelte der Niederländer anschließend an den wartenden Reportern vorbei.

Auf dem Gesicht gelandet

Erst in einer Audionachricht, die sein Team Bora-hansgrohe kurze Zeit später verschickte, schilderte er sein Missgeschick: In der letzten Kurve der Abfahrt vom Col de Val Louron Azet, kurz bevor es in Richtung Schlussanstieg ging, hatte es Kelderman zu weit hinausgetragen.

"Ich konnte den Fuß noch auf die Straße stellen, aber dann hat mein Vorderrad blockiert und ich bin auf dem Gesicht gelandet", erzählt er. In einer Pressemitteilung des Teams, war später auch noch die Rede von einer Ellenbogenprellung.

Zeitverlust im Zeitfahren

17. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 14.07.2021 05:22 Min. Verfügbar bis 14.07.2022 Das Erste

Der Ellenbogen - ausgerechnet. Kelderman macht für den Großteil seines Rückstandes in der Gesamtwertung seinen Ellenbogen verantwortlich. Denn der war schon bei seinem Sturz am ersten Tag der Tour in Mitleidenschaft gezogen worden, weshalb er beim Zeitfahren der 4. Etappe in Laval kaum auf dem Zeitfahrlenker liegen konnte.

"Wir mussten sogar Schaumstoff auf meinen Zeitfahrlenker legen, sonst hätte ich gar nicht in der aerodynamischen Position sitzen können", hatte Kelderman am zweiten Ruhetag der Tour in Andorra erzählt.

Nach der Königsetappe am Mittwoch (14.07.2021) liegt Kelderman weiterhin auf Rang sechs der Gesamtwertung mit 8:06 Minuten Rückstand auf den einsam seine Kreise ziehenden Tadej Pogacar im Gelben Trikot. Auch das Podium ist mit mehr als zwei Minuten Abstand kaum noch zu erreichen. Aber der vom Team als Ziel ausgegebene Platz unter den ersten fünf ist durchaus noch machbar.

Das Pech schon oft angezogen

Dafür sollte Kelderman allerdings in den kommenden Tagen nicht nochmal in Schwierigkeiten geraten. Der Niederländer scheint das Pech jedoch anzuziehen. Schon sein Start beim Team Bora-hansgrohe, für das er seit Beginn der Saison fährt, geriet denkbar schlecht.

Im Trainingslager am Gardasee gehörte er im Januar zu einer Gruppe von Fahrern die mit einem Auto kollidierten. Ein Rückenfraktur setzte ihn danach für längere Zeit außer Gefecht. Der Unfall war nur ein weiterer von vielen Rückschlägen, die der 30 Jahr alte Radprofi während seiner Karriere schon zu verkraften hatte.

Als er 2012 vom U23-Team in die World-Tour-Mannschaft der niederländischen Equipe Rabobank aufstieg, galt er als große Rundfahrt-Hoffnung. Doch immer wieder warfen ihn Verletzungen und Krankheiten zurück. Das niederländische Radsport-Portal "wielerflits.nl" beziffert die Zahl der Krankheiten und Verletzungen, die Kelderman aufhielten, auf mittlerweile 17.

Dritter beim Giro d'Italia 2020

Zwischen all diesen Unbilden gelangen Kelderman trotzdem drei Top-Ten-Platzierungen bei der Spanien-Rundfahrt, darunter ein vierter Rang 2017. Im vergangenen Jahr schien er dann endlich die Versprechen seines Talents zu erfüllen.

Beim Giro d'Italia trug Kelderman als nomineller Kapitän seines Teams Sunweb das Rosa Trikot des Gesamtführenden, verlor am vorletzten Tag aber den Anschluss an den Briten Tao Geoghegan Hart. Bei Sunweb entschied man sich dafür, Jai Hindley freie Fahrt zu geben, der am Ende tatsächlich in Rosa schlüpfte, das er einen Tag später im Zeitfahren jedoch an Geoghegan Hart verlor.

Kelderman, der den Giro schließlich als Dritter beendete, fühlte sich von seinem Team im Stich gelassen und beklagte in einem Interview mangelndes Vertrauen. "Ich wurde meinem Schicksal überlassen", sagte er.

Pogacar gewinnt in Gelb und baut den Vorsprung aus

Sportschau Tourfunk 14.07.2021 15:01 Min. Verfügbar bis 15.07.2031 ARD


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Buchmann als Helfer

Danach trennten sich die Wege, und Kelderman heuerte im Team von Ralph Denk an, wo er nun das Vertrauen spürt, dass ihm bei Sunweb fehlte. Bei Bora-hansgrohe bestimmten sie Kelderman schon früh zum Tour-Kapitän, während Emanuel Buchmann für den Giro d'Italia vorgesehen war.

Buchmann, der in der dritten Woche des Giros stürzte und ausschied, steht Kelderman nun in Frankreich als Helfer zur Seite und verzichtet dafür auf eigene Ambitionen. Nach dem Sturz am Mittwoch führte Buchmann seinen Kapitän rechtzeitig vor dem Schlussanstieg wieder zurück in die Gruppe der Favoriten.

Unscheinbar und akribisch

Dort blieb Kelderman lange dran. So wie eigentlich immer bei dieser Tour, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Sein Kampf um die Top 5 ist fast unsichtbar, so wie sein Sturz auf der 17. Etappe. Auch abseits des Rades wirkt er eher unscheinbar. In seinem Team schätzen sie Kelderman als akribischen Arbeiter.

Es darf jetzt halt nur nichts mehr dazwischenkommen, damit es vielleicht doch noch einen Platz nach vorne geht im Klassement. Am Donnerstag steht die letzte Bergetappe an und am vorletzten Tag der Tour ein weiteres Zeitfahren. Den Kampf gegen die Uhr bezeichnet Kelderman als eine seiner "Waffen". Nun muss er hoffen, dass der Ellenbogen mitspielt.

Die Streckenanimation der 18. Etappe Sportschau 03.06.2021 00:57 Min. Verfügbar bis 03.06.2022 Das Erste

Stand: 15.07.2021, 07:45

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