Tour de France: Van der Poel erfüllt sich Großvaters Traum

Mathieu van der Poel

Niederländer gewinnt 2. Etappe

Tour de France: Van der Poel erfüllt sich Großvaters Traum

Von Michael Ostermann (Mur de Bretagne)

Der Niederländer Mathieu van der Poel erobert auf der 2. Etappe das Gelbe Trikot und erfüllt sich damit einen Traum, den sein Großvater nie verwirklichen konnte.

Als die letzten 500 Meter geschafft waren, reckte Mathieu van der Poel seinen Zeigefinger gen Himmel. Eine Geste, die hinterher keiner Erklärung bedurfte. Die jubelnden Zuschauer auf den gelben Tribünen und hinter den gelben Barrieren wussten genauso Bescheid, wie die Kommentatoren der TV- und Radiosender.

Später, als van der Poel dann im Gelben Trikot seine Interviews gab, standen ihm dann auch noch die Tränen in den Augen. "Das ist für dich Großvater", sagte van der Poel und ergänzte: "Stellen Sie sich vor, er wäre hier, wie stolz er wäre."

"Poupous" Enkel im Maillot jaune

Mathieu van der Poel ist der Enkel des im November 2019 verstorbenen Raymond Poulidor, einem der größten Radsportler seiner Generation. "Poupou" wie ihn die Franzosen liebevoll nannten gewann den Klassiker Mailand-Sanremo, die Spanien-Rundfahrt und stand insgesamt acht mal auf dem Podium der Tour de France in Paris. Aber weil er das Rennen nie gewinnen konnte, gilt er bis heute als der ewige Zweite.

Auch Mathieu van der Poel wird die Tour de France wohl nicht gewinnen, aber mit dem Sieg in Mûr-de-Bretagne gelang ihm etwas, was seinem Großvater ebenfalls immer verwehrt geblieben ist. Nicht für einen Tag durfte Poulidor während seiner Karriere das Gelbe Trikot tragen. Gelb trug Poulidor dann erst Jahre später, als er für den Sponsor des Maillot jaune arbeitete.

Gelb nur im Village Départ

Im Village Départ, wo die Tour zu Beginn einer jeden Etappe die ehrenwerten Gäste bewirtet, saß "Poupou" mit einem stets freundlichen Lächeln unter den gelben Sonnenschirmen des Sponsors (einer französischen Bank), schrieb Autogramme und stand für Selfies bereit, auf denen er endlich ein gelbes Hemd trug, dass die Franzosen ihm so sehr schon während seiner aktiven Karriere gegönnt hätten.

2. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 27.06.2021 06:06 Min. Verfügbar bis 27.06.2022 Das Erste

Nun hat sich sein Enkel gleich bei seinem Tourdebüt den Traum von Gelb verwirklicht. "Es wäre schön, wenn er heute hätte hier sein können. Er in seinem Hemd und ich im Gelben Trikot", sagte van der Poel, dessen Vater Adrie van der Poel - ebenfalls ein erfolgreicher Radprofi - mit einer der beiden Töchter Poulidors verheiratet ist.

Mit Hilfe der Bonussekunden

Das Maillot jaune eroberte van der Poel mit einem beherzten Antritt schon, als es das erste Mal hinaufging in Richtung Ziel. Den zwei Kilometer langen Anstieg, der vor allem im unteren Teil sehr steil ist, nahm van der Poel als Rampe Richtung Gelb, in dem er sich oben angekommen acht Bonussekunden sicherte. Womit er seinen Rückstand auf den Franzosen Alaphilippe, den nach dem ersten Tag Führenden, schon von 18 auf zehn Sekunden verringert hatte.

"Ich wusste, dass das meine letzte Chance auf das Gelbe Trikot sein würde", erklärte van der Poel seine frühe Attacke später. Mit den acht Sekunden Vorsprung auf Alaphilippe im Ziel und den zehn Bonussekunden für den Etappensieg verdrängte er den Franzosen auf den zweiten Rang im Gesamtklassement.

Van der Poel gehört zu den Wunderkindern

Nun wird Mathieu van der Poel das Gelbe Trikot womöglich für mindestens zwei Tage zu Ehren seines Großvaters tragen dürfen. Die beiden kommenden Etappen gelten als Angelegenheit für die Sprinter, von denen nach den ersten beiden Tagen niemand mehr in Reichweite der Gesamtführung ist. Danach folgt ein Einzelzeitfahren, das das Klassement neu sortieren wird.

Doch nicht nur wegen seines Etappensieges inklusive Maillot jaune ist van der Poel dem Schatten seines Großvaters längst entwichen. Der 26-Jährige gehört zur Generation neuer Wunderkinder im Radsport. Die Liste seiner Erfolge umfasst bereits Siege bei der Flandern-Rundfahrt, dem Amstel Gold Race und der Strade Bianche - drei der wichtigsten Eintagesrennen im Rennkalender.

Alleskönner auf der Straße und im Gelände

Van der Poel ist einer, der alles zu können scheint auf dem Rad. Seine ersten Erfolge feierte er im Cyclocross, wo er sich epische Duelle mit einem der anderen derzeitigen Wunderkinder, dem Belgier Wour Van Aert, lieferte. Jahrelang machten die beiden die Weltmeistertitel im Querfeldein unter sich aus. Vier Mal sicherte sich van der Poel das Regenbogentrikot in dieser Disziplin - zuletzt in diesem Winter.

Mit dem Etappensieg und dem Gelben Trikot hat van der Poel bei der Tour nun bereits seine wichtigsten Ziele erreicht. Ambitionen auf das Grüne Trikot des punktbesten Sprinters, für das er durchaus ein Kandidat wäre, wies er in Mûr-de-Bretagne von sich. Dafür müsse man zuviel Kraft investieren, erklärte er. Kraft, die er sich aufheben will für die Olympischen Spiele in Tokio. Dort will er dann eine Medaille gewinnen - im Mountainbike-Cross. Sein Großvater hätte sich sicher auch dafür begeistert.

2. Etappe - die komplette Übertragung Sportschau 27.06.2021 04:24:10 Std. Verfügbar bis 27.06.2022 Das Erste

Stand: 27.06.2021, 20:39

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