Tadej Pogacar: Der Chef mit dem Kindergesicht

Tadej Pogacar im Gelben Trikot

Slowene vor zweitem Toursieg

Tadej Pogacar: Der Chef mit dem Kindergesicht

Von Michael Ostermann (Saint-Émilion)

Tadej Pogacar hat am Sonntag (18.07.2021) in Paris seinen zweiten Gesamtsieg bei der Tour de France gefeiert. Nach dem Überraschungs-Coup im Vorjahr ist er diesmal in die Rolle des Anführers hineingewachsen.

Es war eine Art Déjà-vu für Tadej Pogacar. Wieder saß er in einer Halle in Frankreich auf einer kleinen Bühne, die Mund-Nasen-Maske war farblich passend zum Gelben Trikot ausgewählt, auf dem Kopf trug er die Team-Mütze, vor ihm saßen auf weißen Plastikstühlen die internationalen Radsportjournalisten.

Doch anders als noch im September des Vorjahres nach seinem ersten Toursieg wirkte Pogacar diesmal bei der Pressekonferenz des designierten Gewinners nicht eingeschüchtert. Vor zehn Monaten erinnerte er mehr an den kleinen Jungen, der sich in Slowenien auf einem grünen Rennrad mit seinem Brüdern Wettrennen lieferte. Diesmal präsentierte sich ein selbstbewusster Champion.

Vom Handstreich zur Dominanz

"Im vergangenen Jahr habe ich selbst nicht damit gerechnet zu gewinnen. In diesem Jahr kann ich den Moment viel mehr genießen", sagte Pogacar. 2020 hatte er das Gelbe Trikot im Handstreich am vorletzten Tag erobert. Diesmal drückte er der Tour de France von Beginn an seinen Stempel auf - mit einem fulminanten Sieg im ersten Zeitfahren, einer spektakulären Solofahrt in den Alpen und zwei souveränen Etappensiegen in den Pyrenäen.

20. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 17.07.2021 04:37 Min. Verfügbar bis 17.07.2022 Das Erste

Pogacar hatte wegen der Pandemie ein bisschen weniger Zeit als andere, in seine neue Rolle zu wachsen. Als Toursieger ist er so etwas wie der Vorstandschef des Radsports. Seine Worte haben Gewicht, sie geben vor, was und wie über den Sport erzählt wird. Er gehört nun zu den Großen seines Fachs.

Vergleiche mit Merckx, Hinault und Armstrong

Die Dominanz des immer noch erst 22 Jahre jungen Mannes rief sogleich Vergleiche mit den ganz Großen in den Geschichtsbüchern der Tour hervor. Mit Eddy Merckx natürlich, der Pogacar bei seinem Besuch der 19. Etappe gleich selbst zu seinem legitimen Nachfolger erklärte. "Tadej Pogacar wird sicher mehr als fünf Mal die Tour gewinnen, er ist der neue Kannibale", sagte Merckx der französischen Sportzeitung "L'Équipe" in Anspielung an seinen eigenen Spitznamen .

Auch mit Bernard Hinault, ebenfalls ein fünfmaliger Tourchampion, wurde Pogacar verglichen. Und - weniger schmeichelhaft - mit Lance Armstrong. Beide galten zu ihrer Zeit als Patron des Feldes. Der Franzose regierte das Peloton als eine Art Napoleon, der Amerikaner wie ein Schulhof-Rowdy. "Ich mag solche Vergleiche nicht", sagte Pogacar, "jeder Fahrer ist einzigartig, sie haben ihre eigene Persönlichkeit."

Kwiatkowski fügt sich dem neuen Patron

Der neue Chef hat ein Kindergesicht und eine Lausbuben-Frisur, aber auch schon seine Autorität geltend gemacht. Auf der flachen 19. Etappe fuhr Pogacar im Gelben Trikot eigenhändig einer Attacke hinterher, die just zu einem Zeitpunkt erfolgte, als einige Fahrer seines Teams durch einen Sturz aufgehalten wurden.

Gestenreich wies er den Initiator des Angriffs in die Schranken. Der Pole Michal Kwiatkowski, neun Jahre älter als Pogacar und in den vergangenen Jahren einer der wichtigsten Helfer für die Toursieger Christopher Froome, Geraint Thomas und Egan Bernal, fügte sich klaglos den Anweisungen des neuen Patrons.

Spätestens seit der Ära Armstrong, dessen sieben Siege wegen Dopings gestrichen wurden, wird der Mann an der Spitze des Pelotons auch mit Zweifeln konfrontiert. Erst recht, wenn einer das Rennen wie Pogacar in den Klammergriff nimmt.

Souveräner im Umgang mit Fragen

Auch in der Auseinandersetzung mit den kritischen Fragen hat der Slowene eine steile Lernkurve hinter sich: 2020 gab es keine, am ersten Ruhetag der Tour in diesem Jahr wählte sein Team die Fragen und die Fragesteller vorab aus, und im weiteren Verlauf des Rennens erlangte Pogacar bei den täglichen Fragerunden im Gelben Trikot eine gewisse Souveränität im Umgang damit.

Pogacar gewinnt die Tour - aber nicht das Zeitfahren

Sportschau Tourfunk 17.07.2021 20:53 Min. Verfügbar bis 18.07.2031 ARD


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"Neuer Radsport ein viel schönerer Sport"

Er könne all die Fragen verstehen angesichts der Geschichte des Radsports, erklärte Pogacar. Sein Umfeld hat selbst eine einschlägige Vergangenheit in Sachen Doping. Etwa der Chef seines UAE-Teams, Mauro Gianetti, der beim Team Saunier-Duval einst auch die Doper Riccardo Ricco, Leonardo Piepoli und Juan José Cobo anleitete und von Tourdirektor Christian Prudhomme 2008 zur persona non grata erklärt worden war. "Er ist eine super gute Person", sagt Pogacar über Gianetti. Die Vergangenheit sei die Vergangenheit: "Der neue Radsport ist ein viel schönerer Sport als zuvor."

Transparenz? Ja, aber...

Schön wäre es auch, wenn es ein wenig Transparenz gäbe, etwa durch das Offenlegen von Leistungsdaten. Auch danach wurde Pogacar während seiner Triumphfahrt durch Frankreich gefragt. Er habe durchaus darüber nachgedacht, seine Daten zugänglich zu machen. "Aber meine Gegner, könnten daraus Schlüsse ziehen, wo ich angreifbar bin", erklärte er, "das wäre nicht gut."

Stattdessen wies Pogacars Trainer Iñigo San Millán im Fachmagazin "Velo News" darauf hin, dass sein Schützling gar nicht an seine Leistungsgrenze gegangen sei. Pogacar sei nie herausgefordert worden. "Die Realität ist: Der Rest hat nichts. Absoult gar nichts. Sie können nicht einmal angreifen", behauptete der Spanier.

Mal Grinsen im Gesicht, mal Fratzenschneider

Das dürften der Däne Jonas Vingegaard und der Ecuadorianer Richard Carapaz, die Pogacar am Sonntagabend in Paris auf dem Podium flankieren werden, etwas anders sehen. Versucht haben sie es ja, nur weggekommen sind sie nicht. Stattdessen spielte Pogacar mit ihnen und trug dabei manchmal auch noch ein Grinsen im Gesicht zur Schau.

Überhaupt mutierte Pogacar im Verlauf des Rennens fast schon zum Spaßvogel, der nach den Etappen auch schon einmal Fratzen schnitt. "Ich bin immer noch sehr jung und genieße das Leben. Das macht es einfacher für mich", sagte der nun zweifache Toursieger. Wie viele Siege noch folgen? "Ich erwarte nichts und versuche einfach so zu bleiben, wie ich bin", sagt er, der neue Chef mit dem Kindergesicht.

Stand: 18.07.2021, 21:00

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