Tour de France: So schnell wie nie

Das Peloton auf der 15. Etappe

Hohes Tempo in den ersten zwei Wochen

Tour de France: So schnell wie nie

Von Michael Ostermann (Andorra la Vella)

Die ersten beiden Wochen der Tour de France hat das Peloton in rekordverdächtigem Tempo zurückgelegt. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Die Tour de France legt in Andorra ihren zweiten Ruhetag ein. Und man kann sagen, die Ruhe ist dringend nötig. "Das ganze Feld ist müde, mich eingeschlossen", sagt der Mann im Gelben Trikot, Tadej Pogacar. Die Müdigkeit kommt nicht von ungefähr. Selten ist das Rennen derartig schnell gewesen.

Schneller als Armstrong 2005

Spitzenreiter Pogacar hat für die bisherigen 2.591,1 Kilometer 62 Stunden, sieben Minuten und 18 Sekunden gebraucht. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 41,707 Stundenkilometern. Selbst der Norweger Amund Groendahl Jansen, der im Klassement derzeit als Letzter geführt ist, hat die Strecke mit fast 40 km/h im Schnitt absolviert.

"Ich habe noch nie ein Feld so schnell fahren sehen", schrieb der Belgier Philippe Gilbert auf Instagram schon nach der 9. Etappe, die bei strömenden Regen und Kälte durch die Alpen nach Tignes führte. Gilbert ist 39 Jahre alt und nimmt bereits zum elften Mal an der Tour teil. Das Tempo ist auch nach der traditionell nervösen ersten Woche nicht langsamer geworden.

Und so steuert die Tour in diesem Jahr auf einen neuen Temporekord zu. Die bislang schnellste Tour absolvierte Lance Armstrong bei seinem letzten Toursieg 2005 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 41,654 Stundenkilometern. Dieser Sieg ist ihm genauso wegen Dopings aberkannt worden wie seine sechs anderen Erfolge.

Kuss gewinnt in Andorra, Pogacar hat alles unter Kontrolle

Sportschau Tourfunk 11.07.2021 12:11 Min. Verfügbar bis 12.07.2031 ARD


Download

Strecke lädt zu Attacken ein

Den Radsport begleitet nicht erst seit Armstrong der Verdacht der illegalen Beschleunigung. Und das hohe Tempo in diesem Jahr macht viele Beobachter stutzig. Aber es gibt durchaus auch andere Erklärungen für die hohe Geschwindigkeit als den möglichen Griff zu illegalen Hilfsmitteln.

Da ist zum einen die Streckenführung. Tourdirektor Christian Prudhomme und sein Streckenchef Thierry Gouvenou sind seit Jahren darum bemüht, mit dem Kurs das Rennen zu animieren und Attacken herauszufordern, was das Rennen schneller macht. Selbst die Flachetappen sind nicht wirklich flach, sondern mit kleineren Hügeln gespickt.

In diesem Jahr haben die Tourorganisatoren aus diesem Grund lediglich drei Bergankünfte eingebaut, zwei davon stehen in der letzten Tourwoche in den Pyrenäen auf dem Programm. Sowohl in den Alpen, am Mont Ventoux als auch in den Pyrenäen - zuletzt am Sonntag in Andorra la Vella - lagen die Zielankünfte häufig im Tal, am Ende einer Abfahrt und wurden mit hoher Geschwindigkeit angesteuert.

Überraschungen im Mittelgebirge

Dafür haben die Organisatoren zahlreiche Mittelgebirgsetappen entworfen, die mit ihren vielen kleineren Anstiegen an das Profil der Klassiker erinnern. Dort wird meist aggressiver und damit auch schneller gefahren. "Auf diesen Bühnen, die nicht unbedingt nach viel aussehen, können die Überraschungen oft am größten sein", hatte Tourdirektor Prudhomme schon bei der Vorstellung des Kurses im November erklärt.

Der bisherige Rennverlauf hat ihn bestätigt. Auf dem mit fast 250 Kilometern längsten Teilstück der Tour von Vierzon nach Le Creusot beispielsweise geriet das Team UAE um den Gesamtführenden Pogacar überraschend unter Druck. Am vergangenen Samstag rückte der Franzose Guillaume Martin auf einer solchen Etappe vorübergehend auf Rang zwei der Gesamtwertung vor.

7. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 02.07.2021 04:48 Min. Verfügbar bis 02.07.2022 Das Erste

Es bestätigt sich bei dieser Tour damit auch die alte Radsport-Weisheit, wonach es die Fahrer sind, die das Rennen machen, nicht die Strecke. Es gibt deshalb auch taktische Erklärungen für das hohe Tempo in den beiden ersten Tourwochen. Und so seltsam das klingen mag, das hat viel damit zu tun, dass Tadej Pogacar so unangefochten an der Spitze der Gesamtwertung liegt.

Taktik wie bei den Junioren

Es wäre an dem Slowenen und seiner Mannschaft, das Rennen zu kontrollieren. Doch dazu ist das UAE-Team offenbar nicht in der Lage oder sieht darin keine Notwendigkeit, weil Pogacar unantastbar scheint. Seine schärfsten Konkurrenten wie sein Landsmann Primoz Roglic und Geraint Thomas sind nach Stürzen in der ersten Woche entweder nicht mehr dabei oder liegen schon weit zurück. Auch das verändert die Rennkonstellation.

"Jetzt gehen alle attackieren. So wird in Juniorenrennen gefahren. Jeder soll in die Gruppe gehen und wegfahren. Denn in den Gruppen werden Etappen gewonnen", erklärter der deutsche Ex-Profi Rolf Aldag, heute sportlicher Leiter beim Team Bahrain-Victorious, in der vergangenen Woche dem Online-Portal "radsport-news".

Oft dauert es deshalb am Anfang der Etappen sehr lange, bis sich das Peloton auf eine Ausreißergruppe geeinigt hat. Am vergangenen Samstag auf der 14. Etappe etwa dauerte es fast zwei Stunden, bis eine Gruppe stand. Bis dahin hatte es pausenlos Attacken gegeben, denen das Feld immer wieder in hohem Tempo hinterherfuhr.

14. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 10.07.2021 05:51 Min. Verfügbar bis 10.07.2022 Das Erste

Langsamer nach dem Ruhetag?

Vieles spricht dafür, dass das Tempo in der dritten Tourwoche langsamer wird. Zum einen stehen am Mittwoch und Donnerstag zwei weitere schwierige Bergetappen mit Zielankünften auf dem Col du Portet und in Luz Ardiden an. Zum anderen wird die aggressive Fahrweise in den ersten zwei Tourwochen ihren Tribut fordern.

"Die Attacken werden weniger kraftvoll sein und es werden mehr Fahrer einbrechen", vermutet Spitzenreiter Tadej Pogacar. "So ist das bei einer Grand Tour in der dritten Woche: Mehr Fahrer leiden und sind müde." Der Ruhetag alleine wird da nicht reichen, um die Energiereserven vollständig aufzufüllen.

Stand: 12.07.2021, 11:26

Darstellung: