Radfahrer Peter Sagan aus der Slowakei
Tourreporter

Peter Sagan bei der Tour Alternder Rockstar auf dem Rad

Stand: 07.07.2022 07:52 Uhr

Peter Sagan tut sich schwer bei der Tour de France. In den Sprints streitet er mit den Konkurrenten, auf dem Pflaster fährt er hinterher. Die großen Zeiten sind offenbar vorbei.

Von Michael Ostermann, Arenberg

Den großen Auftritt beherrscht Peter Sagan immer noch: Vor dem Mannschaftsbus des französischen Teams TotalEnergies haben sie morgens am Start einen großen Lautsprecher aufgebaut. Vor der Kopfsteinpflaster-Etappe der Tour de France am Mittwoch (06.07.2022) dröhnte aus der Box ein AC/DC-Song - "If You Want Blood (You've Got It)".

Ein großer Star des Radsports

Der passende Soundtrack zur Fahrt über die Pavés des französischen Nordens. Die wartenden Fans hinter der Barriere, die immer noch zahlreich erscheinen, wenn der Slowake irgendwo auftritt, bekamen diesmal nur ein Victory-Zeichen im Vorbeifahren geboten. Aber im Ziel nach dem Ende der Etappen dreht er auch schonmal ausgiebige Selfie-Runden entlang der Absperrgitter.

Sagan ist weiterhin ein großer Star des Radsports. Drei Mal Weltmeister, sieben Mal Gewinner des Grünen Trikots des Punktbesten bei der Tour de France, wo er seit seinem Debüt 2012 zwölf Etappen gewann. Insgesamt hat er bislang 121 Siege in seinen Palmarès stehen.

Der 32 Jahre alte Radprofi mit dem Rockstar-Image gewinnt immer noch, aber seine Erfolge sind seltener geworden. In diesem Jahr hat er erst einen Etappensieg bei der Tour de Suisse und den nationalen Meistertitel in der Slowakei zu Buche stehen. Allerdings war Sagan im Mai mit dem Coronavirus infiziert - zum dritten Mal schon seit Beginn der Pandemie.

"Das Potenzial ist noch da"

Die ganz großen Zeiten scheinen dennoch vorbei zu sein - der Rockstar altert. Auf der Kopfsteinpflaster-Etappe am Mittwoch - eigentlich sein Terrain - verlor Sagan früh den Anschluss. Ins Ziel in Arenberg rollte er auf Rang 147 mehr als elf Minuten nach dem Etappensieger Simon Clarke.

5. Etappe - die Zusammenfassung

Sportschau, 06.07.2022 14:05 Uhr

Sagan sei trotzdem immer noch für einen großen Sieg gut, glaubt Ralph Denk, der Manager des deutschen World-Tour-Teams Bora-hansgrohe. "Ich glaube fest, dass das Potenzial noch da ist, ein solche Klasse verliert man nicht von einem Jahr aufs andere", sagt er.

Denk hat bis Ende der vergangenen Saison mit Sagan zusammengearbeitet, bevor er ihn und seine Entourage zu TotalEnergies ziehen ließ, weil sich Bora-hansgrohe jetzt vor allem auf die Gesamtwertung bei den großen Rundfahrten fokussieren will. Aber wohl auch, weil Sagans beste Zeit vorbei ist.

Sagan hat Bora-hansgrohe vorangebracht

Fünf Jahre fuhr der Slowake für Denks Mannschaft und war mitverantwortlich dafür, dass sich das Team in der Weltspitze etablierte. Bora-hansgrohe war gerade in die World Tour aufgestiegen, als Sagan dazustieß. "Er hat uns gefordert", erinnert sich Denk. "Er ist ein Typ, der Sachen voranbringen will. Ich habe viel mit ihm gemeinsam gestalten können." Und Sagan war der beste Werbeträger, den sich die Sponsoren des Teams wünschen konnten.

Bei seiner ersten Tour de France für Bora-hansgrohe im Jahr 2017 gewann Sagan die 3. Etappe in Longwy, wo am Donnerstag auch die 6. Etappe der diesjährigen Ausgabe endet. Für Bora-hansgrohe war das ein besonderer Tag, das erste Mal konnte das Team einen Etappensieg beim wichtigsten Radrennen der Welt feiern.

Denk sagt, beim Giro-Gesamtsieg des Australiers Jay Hindley im Mai seien die Emotionen größer gewesen als damals: "Wir haben viel Geld bezahlt für Sagan, das ist ja kein Geheimnis. Und er musste liefern. Insofern war das Gefühl eher: Haken dran." Ein Jahr später lieferte Sagan dem Team dann auch noch den ersten Sieg bei einem Monument des Radsports, als er den Eintagesklassiker Paris-Roubaix gewann.

Rüpel-Image seit Vittel 2017

Sagan hat Bora-hansgrohe aber nicht nur Glücksgefühle beschert: Einen Tag nach dem Touretappensieg 2017 in Longwy geriet er im Sprint in Vittel mit Mark Cavendish aneinander. Der Brite konnte wegen seiner Verletzungen nach dem Sturz in die Absperrungen die Tour nicht mehr weiterfahren. Sagan wurde als Verursacher des Unfalls ausgemacht und von der Jury von der Tour ausgeschlossen. Zu Unrecht, wie eine Untersuchung des Radsport-Weltverbandes UCI Monate später ergab.

Dennoch haftete Sagan spätestens seit diesem Tag das Image eines Rüpels an. Auch in diesem Jahr ist der Slowake bereits mit den Rivalen im Sprint aneinandergeraten. Auf der zweiten Etappe versuchte er auf den letzten 500 Metern mit reichlich Ellenbogen- und Körpereinsatz am späteren Sieger Fabio Jakobsen vorbeizukommen - vergeblich. "Wie eine offene Hose" habe sich Sagan da benommen, urteilte Sportschau-Experte Fabian Wegmann beim Betrachten der Bilder.

Kampf gegen den Bedeutungsverlust

Einen Tag später sah sich Sagan wiederum im Sprint von Wout van Aert behindert und beschimpfte den Belgier im Ziel mit ausgestrecktem Zeigefinger. "Es ist gut, dass Sagan nicht glücklich ist. Das bedeutet, er hat die Beine, und das ist gut", sagte sein Teammanager Jean-René Bernaudeau danach. "Er hat die Beine, um zu gewinnen."

Peter Sagan (l.) beim Sprint-Finale der 3. Etappe

Peter Sagan (l.) beim Sprint-Finale der 3. Etappe

Ralph Denk hat aus der Ferne eine etwas andere Erklärung für Sagans Verhalten. "Ihm fehlt Selbstvertrauen", glaubt er. "Die Siege kommen nicht mehr am laufenden Band." Früher sei Sagan früh in den Wind gegangen und habe den Sprint mit seiner Kraft durchgebracht. "Heute muss er im Windschatten der anderen surfen. Und das birgt halt Risiken."

Und so kämpft Sagan gegen den schleichenden Bedeutungsverlust seiner schon lange andauernden Profikarriere, die er im Alter von 19 Jahren begann und die sich nun schon im 13. Jahr befindet. "Da schwindet dann auch die körperliche und mentale Energie", glaubt Denk. Vielleicht reicht es aber noch für einen weiteren Kraftakt bei der Tour de France.