Vom Township zur Tour: Aufgeben ist für Nicholas Dlamini keine Option

Nicholas Dlamini

Tour de France

Vom Township zur Tour: Aufgeben ist für Nicholas Dlamini keine Option

Von Michael Ostermann (Tignes)

Nicholas Dlamini hat es aus einem Township in Südafrika zur Tour de France geschafft. Jetzt muss er sie verlassen, weil er auf der 9. Etappe viel zu spät ins Ziel kam. Er hätte vom Rad steigen können, aber das war keine Option für ihn.

Am Ende einer Etappe der Tour de France muss es schnell gehen. Die Barrieren auf den letzten Kilometern der Strecke werden eingesammelt, tausende Meter Kabel in der Technik-Zone der TV-Anstalten eingerollt und die LKW parat gemacht. Der Tour-Tross muss weiter, auf in den nächsten Zielort.

45 Minuten hinter dem Zeitlimit

Als Nicholas Dlamini am Sonntag (04.07.2021) um 19.01 Uhr entkräftet von den Strapazen in Regen und Kälte das Ziel der 9. Etappe in Tignes erreichte, war all das schon im Gange. Nur wenige Menschen standen noch an der Ziellinie, um ihn in Empfang zu nehmen. Dlamini war viel zu spät. Das Zeitlimit hatte er längst überschritten, um 45 Minuten. Die Tour de France war damit für ihn beendet.

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Schon als er in den 23 Kilometer langen Schlussanstieg hinauf nach Tignes ging, war ihm klar, dass er es nicht schaffen würde, rechtzeitig in dem Skiressort in den Alpen anzukommen. Dlamini, der nach einem Sturz den Anschluss verpasst hatte, war durchnässt und fror. Er hätte es sich einfach machen können: Vom Rad ins warme Teamauto steigen und sich nach oben bringen lassen, wo ihn im Teamhotel eine heiße Dusche und eine Massage erwartet hätten.

"Meinem Traum die Ehre erwiesen"

"Als Radprofi muss man den Sport und die Tour respektieren", sagte Dlamini am ersten Ruhetag, als er per Video zugeschaltet aus dem Teambus in Tignes seine Geschichte noch einmal erzählen sollte. Er habe zwar zwischendurch auch mal daran gedacht, abzusteigen. "Aber jetzt werde ich immer glücklich darüber sein, dass ich durchgehalten habe. Ich habe meinem Traum die Ehre erwiesen."

Dlamini hat wie viele andere Radprofis als Kind diesen Traum von der Tour de France, dem wichtigsten und schwierigsten Radrennen der Welt, geträumt. Aber für ihn schien dieses Ziel noch weiter entfernt als für viele andere. Seine Geschichte hatte auch deshalb schon vor seiner einsamen Fahrt nach Tignes viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Mit dem Rad die Welt entdeckt

9. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 04.07.2021 06:14 Min. Verfügbar bis 31.12.2021 Das Erste

Der 25-Jährige stammt aus dem Township Capricorn in der Nähe von Kapstadt. Er ist der erste schwarze Südafrikaner, der es zur Tour de France geschafft hat. Auch deshalb war es für ihn unvorstellbar, nicht bis hinauf nach Tignes zu fahren.

Vor dem Tourstart hatte er der Nachrichtenagentur AFP erzählt, dass man im Township nach oben käme, wenn man die falschen Dinge tue - etwa eine Waffe habe oder jemanden erschieße. Doch sein Beispiel habe diese Einstellung verändert. "Ich bin für viele Menschen eine Inspiration", sagte Dlamini am Montag. "Ich wollte den Kids zu Hause zeigen, dass Aufgeben keine Option ist, egal ob im Sport oder in der Schule."

Als Kinder einer alleinerziehenden Mutter waren Dlamini und seine Schwester zunächst als Läufer aufgefallen. Mithilfe eines Förderprogramms für talentierte Jugendliche erliefen sich die beiden so ein Stipendium für die High School. Zum Radsport kam Dlamini dann mit 14 Jahren, nachdem er sich zwei Jahre zuvor erstmals ein Fahrrad gegen Gebühr geliehen und begonnen hatte, die Umgebung zu erkunden.

Regen, Kälte, Kampf ums Zeitlimit in Tignes

Tourfunk 04.07.2021 22:47 Min. Verfügbar bis 05.07.2031 ARD


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"Wir hatten kein Auto und sind deshalb nie weiter als ein, zwei Kilometer vom Township weg gewesen", erzählte Dlamini. So entdeckte er etwa den berühmten Tafelberg, wo er zuvor noch nie gewesen war. "Das Fahrrad hat mir die Chance gegeben, Dinge zu entdecken. Und wenn ich zurückkam, habe ich meinen Freunden davon erzählt."

Seit 2016 Radprofi

Als er begann, Rennen zu fahren, erweiterte sich sein Radius weiter, bis er es schließlich über das World Cycling Center Africa des Radsportweltverbandes UCI bis zum Profi schaffte. Seit 2016 fährt er für das Team von Qhubeka-Nexthash, das sich auch zum Ziel gesetzt hat, den afrikanischen Radsport zu fördern und Kinder aus den Townships mit Rädern zu versorgen.

Dlamini lebt und trainiert inzwischen meist in Girona in Spanien, wo viele Radprofis ihren Wohnsitz haben. Dort werde er im Café inzwischen als Radprofi erkannt, sagt er. "Das ist ein schönes Gefühl", sagt er.

Zu Dlaminis Geschichte zählt auch eine Episode aus dem vergangenen Jahr, als er am Tafelberg trainierte und dabei in eine Auseinandersetzung mit vier Rangern des Nationalparks geriet, bei der ihm die Arme gebrochen wurden. Angeblich weil er keine Genehmigung vorweisen konnte. Dlamini gab an, zuvor schon öfter gemeinsam mit anderen Fahrern dort trainiert zu haben, dabei aber nie auf eine solche Genehmigung angesprochen worden sei.

Nächstes Ziel Olympische Spiele

Von Tignes reist Dlamini nun zurück nach Girona, um dann nach Tokio aufzubrechen. Er gehört zum dreiköpfigen Radsport-Team, das Südafrika bei den Olympischen Spielen in Tokio vertritt. Zur Tour de France will er dann möglichst schon im kommenden Jahr zurückkehren. "Ich habe viel gelernt über die Härte der Etappen bei der Tour", sagte Dlamini. "Und das nächste Mal möchte ich bis Paris kommen."

Die erste Woche der Tour de France - die Zusammenfassung Sportschau 05.07.2021 03:16 Min. Verfügbar bis 05.07.2022 Das Erste

Stand: 05.07.2021, 15:40

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