Lorena Wiebes bejubelt ihren Etappensieg
Tourreporter

Wiebes' zweiter Sprint-Erfolg Die erste kontrollierte Etappe und warum das so selten ist

Stand: 28.07.2022 22:35 Uhr

Lorena Wiebes sprintet zu ihrem zweiten Sieg bei der Tour de France der Frauen. Die 5. Etappe folgt einem klassischen Muster. Das ist im Frauenradsport eher selten.

Von Michael Ostermann, Saint-Dié-des-Vosges

Eine Linkskurve, über die Brücke und dann ein Kreisverkehr. Das war der Weg, den Lorena Wiebes hinter der Ziellinie noch nehmen musste, um von ihrer hohen Endgeschwindigkeit zum Stehen zu kommen.

Wiebes im Sprint deutlich überlegen

Kurz darauf war die schnellste Sprinterin in Saint-Dié-des-Vosges umringt von Gratulantinnen aus ihrem Team. Deren Arbeit war mit dem Etappensieg der Favoritin belohnt worden. "Es ist einfach schön, jemanden zu haben, der immer liefert", sagte die deutsche Meisterin Liane Lippert, die zu jenen Fahrerinnen gehörte, die im Team DSM für den Erfolg geschuftet hatten.

Wiebes, 23, hatte tatsächlich geliefert, und wie: Die 5. Etappe endete mit dem zweiten Massensprint der Tour de France Femmes. Und wie schon auf den Champs-Élysées zu Beginn der Tour, war die Niederländerin ihren Konkurrentinnen deutlich überlegen.

Lorena Wiebes jubelt bei der Tour de France Femmes

Lorena Wiebes hat die fünfte Etappe der Tour de France Femmes nach Saint-Dié-des-Vosges gewonnen. Die Entscheidung fiel im Massensprint. mehr

250 Meter vor dem Ziel begann Wiebes ihren sehr langen Sprint und brachte ihn mit großem Vorsprung über die Linie. "Das ist ihre Explosivität. Sie ist einfach die Schnellste", sagte Lippert. "Wenn sie losfährt, hat sie erstmal eine Lücke und kann es dann auch durchziehen."

Die einzige reine Sprinterin im Frauenpeloton

Wiebes ist im Prinzip die einzige reine Sprinterin im Frauenpeloton. Sie schaue mehr auf die Männer, wenn sie nach einem Rollenmodel für ihre Sprints suche, erklärte Wiebes. Und nannte ihren Landsmann Fabio Jakobsen, der vor rund drei Wochen bei den Männern eine Tour-de-France-Etappe gewonnen hatte, als ein Vorbild. "Er ist ein sehr starker, fairer Sprinter. Ich mag seinen Stil", erklärte sie.

Fabio Jakobsen überquert als erstes die Ziellinie

Zwei Jahre nach seinem Horror-Sturz hat Fabio Jakobsen sein Comeback mit einem Etappensieg bei der Tour de France gekrönt. Wout Van Aert übernahm nach der 2. Etappe das Gelbe Trikot. mehr

Wiebes versuchte sich in Bar-Dié-des-Vosges auch an einer Erklärung dafür, warum sie als klassische Sprinterin bei den Frauen alleine ist. Es gebe kaum flache Rennen im Frauenkalender, deshalb müsse man als weiblicher Radprofi eigentlich immer auch gut über die Berge kommen, um zu überleben, sagte sie.

Die 5. Etappe war mit 175,6 Kilometern ungewöhnlich lang. Der Radsportweltverband UCI sieht für Frauenrennen eine maximale Länge von 160 Kilometern vor. Es war nicht das erste Mal, dass von dieser Regel eine Ausnahme gemacht wurde. Aber diese Touretappe war das längste Rennen, seit Bestehen der Women's World Tour. Nimmt man die neutralisierte Anfangsphase der Etappe hinzu, saßen die Frauen rund 180 Kilometer im Sattel. "So lang bin ich noch nicht mal im Training bisher gefahren", sagte Wiebes.

Ein langer Tag für Franziska Koch

Der Mangel an Sprinterinnen ist auch einer der Gründe dafür, warum die Etappen bei der Tour de France der Frauen weniger kontrolliert gefahren werden. Aber die Länge der Etappe und die wohl letzte Chance auf einen Sprint sorgte dafür, dass es anders als an den Tagen zuvor zum ersten Mal so etwas wie eine klare Struktur gab: Vorne hatten es vier Fahrerinnen in eine Fluchtgruppe geschafft, dahinter kontrollierte das Feld, angeführt vom Team DSM, den Abstand der Ausreißerinnen und hielt sie auf rund drei Minuten Abstand.

Vor allem Franziska Koch machte sich dabei verdient. Die 22-Jährige aus Mettmann war mehr als 100 Kilometer an der Spitze des Feldes zu sehen und sorgte fast im Alleingang dafür, dass die Ausreißerinnen nicht zu weit wegkamen. "Es war ein langer Tag für mich", sagte Koch. "Aber wenn man dann hört, dass Lorena es zu Ende gebracht hat, dann hat es sich gelohnt."

Im Finale schmolz der Vorsprung dahin, bis auch die beiden letzten Ausreißerinnen an der Spitze drei Kilometer vor dem Ziel schließlich gestellt waren und alles bereitet war für den Massensprint in Saint-Dié-des-Vosges. Eine klassische Sprintetappe eben.

Weniger Kontrolle, große Hektik, viele Stürze

Auf den Etappen drei und vier war es dagegen wesentlich ungeordneter zugegangen. Die Ausreißversuche waren meist nur von kurzer Dauer. Oft blieb das Peloton eng beieinander, wo dann um Positionen gerungen wurde. Hektisch ging es zu - viele zum Teil schwere Stürze waren die Folge. Auch auf der 5. Etappe räumte es das halbe Feld ab, Räder und Fahrerinnen fielen übereinander. Die Dänin Emma Cecillie Bjerg musste das Rennen danach aufgeben.

5. Etappe - die komplette Übertragung

Sportschau, 28.07.2022 14:57 Uhr

Es sind unschöne Bilder, die die lang erwartete erste Tour de France der Frauen seit 33 Jahren in diesen Tagen in die Welt sendet: Fahrerinnen, die sich vor Schmerz auf der Straße krümmen. "Es ist das wichtigste Rennen des Jahres, natürlich gibt es viel Druck und Stress", erklärte Marion Rousse, die Renndirektorin der Frauentour.

Die besondere Aufmerksamkeit für die Tour mag eine Erklärung sein, aber es gibt auch andere Ursachen, warum die Rennen ungeordneter wirken und es schwieriger ist, das Feld zu kontrollieren. Der wichtigste Faktor ist die Teamgröße. Anders als bei den Männern, bei denen jede Mannschaft acht Profis auf die Strecke schickt, sind es bei den Frauen nur sechs Fahrerinnen.

5. Etappe - die letzten drei Kilometer

Sportschau, 28.07.2022 14:59 Uhr

Weniger Fahrerinnen, weniger Kontrolle

"Da hat man ja schon mal zwei weniger, die das unter Kontrolle halten können", sagt Ina-Yoko Teutenberg, die sportliche Leiterin beim Team Trek-Segafredo. Die Rechnung ist ganz simpel. Hinzu kommt, dass viele Teams den Blick vor allem auf das Gelbe Trikot gerichtet haben. "Für uns zählt hier die Gesamtwertung. Deswegen würde ich das jetzt nicht unbedingt für den Sprint kontrollieren wollen und dafür die Hälfte des Teams kaputtmachen", sagt Teutenberg.

Allianzen meherer Teams lassen sich da nur schwer bilden. Was auch mit dem Stil zu tun hat, den die seit Jahren dominierende Equipe auf der Women's World Tour, das Team SD Works, erfolgreich praktiziert. "Die machen das nicht über eine kontrollierte Fahrweise, sondern dadurch, dass sie opportunistisch fahren und so Druck auf die anderen Teams ausüben", sagt Ronny Lauke, Teamchef der deutschen World-Tour-Mannschaft Canyon/SRAM.

Was Lauke meint ist, dass die führende Kraft des Frauenradsports oft entweder selbst die Gruppe besetzt oder wenn nicht, auch nicht hinterherfährt. "Sie sitzen das aus und sagen: 'Hey, wir fahren nicht als Erste, dann kommt da die Gruppe durch. Fahrt ihr doch.'" Das Rezept dagegen heißt dann manchmal, am besten erst gar keine Gruppe wegfahren zu lassen.

"Die Wettkämpfe sind unvorhersehbarer"

Oder nur eine kleine Anzahl von Fahrerinnen vorne rauszulassen, weil die sich besser kontrollieren lassen. "Wenn du hier einen Leader hast, dann hast du auch noch einen Edelhelfer. Da kann ich nicht so wie bei den Männern eine große Ausreißer-Gruppe rauslassen", sagt Dirk Baldinger, der Chef des deutschen Continental-Teams Ceratizit. "Wer soll die zurückholen, wenn zehn Mann vorneweg sind und hinten hat man nur vier Fahrerinnen zum Arbeiten? Das geht taktisch gar nicht."

Die Rennen aber mache das nicht unbedingt schlechter, findet Bahn-Olympiasiegerin Lisa Brennauer, die bei der Tour für Baldingers Ceratizit-Team fährt: "Es ist schon ein bisschen anders. Die Wettkämpfe sind unvorhersehbarer. Aber ich finde es dann meistens superspannend."

Auf der 6. Etappe dürfte das dann wieder zu sehen sein. Dann geht es über 129.2 Kilometer von Saint-Dié-des-Voges nach Rosheim im Elsass. Das Profil ist ideal für eine größere Ausreißergruppe - zumindest auf dem Papier.