Tour de France: Politt schafft in Nimes den Durchbruch

Nils Politt

Etappensieg bei der Tour

Tour de France: Politt schafft in Nimes den Durchbruch

Von Michael Ostermann (Nimes)

Für Nils Politt ist der Etappensieg bei der Tour de France erst der zweite Erfolg als Profi. Der Sieg in Nimes könnte sein endgültiger Durchbruch sein.

"Nils, Nils, Nils - bravo", riefen die Handvoll französischer Radsportfans, die ausgeharrt hatten auf der Avenue Président Salvador Allende in Nimes. Sie bekamen dafür ein kurzes, fast schüchternes Winken des Tagessiegers zurück. So als könne Nils Politt es selbst immer noch nicht glauben, dass er gemeint war mit den Ovationen.

"Etwas ganz Besonderes"

Etwas mehr als eine Stunde war da vergangen, seit Politt als Solist auf dem breiten Boulevard zwischen Supermärkten und Fast-Food-Restaurants angekommen war - als Sieger der 12. Etappe. Die Szenerie ist nicht immer glamourös bei der Tour de France. Aber das dürfte dem Kölner Radprofi in diesem Moment ziemlich gleichgültig gewesen sein.

Der Ort wird nun für immer zu ihm gehören. Ein Etappensieg bei der Tour de France verschafft einem bleibenden Ruhm. Und wer fragt in ein paar Jahren schon danach, wie pittoresk es entlang der Zielgeraden gewesen ist. "Etappensieger kann sich nicht jeder Radfahrer nennen", stellte Politt zurecht fest. "Und eine Etappe zu gewinnen, ist natürlich etwas ganz Besonderes."

12. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 08.07.2021 05:38 Min. Verfügbar bis 08.07.2022 Das Erste

Viele zweite und dritte Plätze

Politt hat lange warten müssen auf diesen Triumph. Er ist 27 Jahre alt, fährt zum fünften Mal die Tour de France und ist seit 2016 Profi. Doch bis zu diesem Donnerstag stand lediglich ein Profisieg für ihn zu Buche: ein Etappenerfolg bei der Deutschland Tour 2018.

Dafür stehen in seinen Palmares 14 zweite und sieben dritte Plätze. "Ich weiß eigentlich, dass ich es kann und war schon oft genug Zweiter", sagte Politt. "Heute hat es einfach geklappt, und dann noch bei der Tour de France. Ich hoffe natürlich, dass das jetzt der Durchbruch ist."

Ein Durchbruch, den man schon früher hätte erwarten können. Denn Politt gehört zu den weltbesten Fahrern bei den schweren Eintagesrennen im Frühjahr. 2019 belegte er Platz zwei beim Kopfsteinklassiker Paris-Roubaix im selben Jahr wurde er Fünfter bei der Flandern-Rundfahrt - zwei der wichtigsten Eintagesrennen des Radsports.

Tour de France: Nils Politt holt sich seinen ersten Etappensieg Morgenmagazin 09.07.2021 01:12 Min. Verfügbar bis 09.07.2022 Das Erste Von Hendrik Deichmann

Ohne Murren in der zweiten Reihe

Es ist verwunderlich, dass ihm nicht schon früher ein solch bedeutender Erfolg gelungen ist. Aber Politt ist auch ein Arbeiter, der sich ohne zu Murren in die zweite Reihe stellt. Beim Team Katusha, für das er von 2016 bis Ende 2019 fuhr, ließ er sich auch nicht von den internen Querelen beeindrucken, die das Team um den Sprinter Marcel Kittel bei der Tour de France 2019 zerrissen.

Politt arbeitete, sprang in Ausreißergruppen und kam bei einer der mittelschweren Etappen als Achter ins Ziel, eines der wenigen positiven Ergebnisse der Mannschaft. Danach wechselte er zum deutschen World-Tour-Team Bora-hansgrohe, wo er das Klassiker-Team um den dreimaligen Weltmeister Peter Sagan verstärkte, für den er wichtige Helferdienste leistete.

Es war wohl auch kein Zufall, dass Politt seine Triumphfahrt ausgerechnet an jenem Tag lancierte, an dem Sagan wegen einer Knieverletzung seinen Ausstieg aus der Tour erklärte. Plötzlich hatte er freie Fahrt. "Peter hat das Rennen verlassen und das hat unsere Taktik verändert", erklärte Politt später.

Beratungen mit André Greipel

Nach dem wegen des Seitenwinds nervösen Beginn der Etappe, gehörte Politt zu den Iniatoren der 13 Mann starken, hochkarätig besetzten Ausreißergruppe des Tages, die dann recht schnell vom Peloton von der Leine gelassen wurde. Damit war klar, dass der Sieger diesmal aus der Fluchtgruppe kommen würde.

Auch André Greipel gehörte zu den Ausreißern. Der 38 Jahre alte Sprinter aus Hürth trainiert häufig gemeinsam mit Politt. Zu der Trainingsgruppe gehören auch Rick Zabel und Juri Hollmann vom Team Movistar. Die vier nennen sich bei Instagram "Trainingstiere".

Greipel, berichtete Politt später im Ziel, habe ihm unterwegs schon Tipps gegeben und ihm gesagt, dass er es schaffen könnte. Nur mit der Taktik, schon früh in die Attacke zu gehen, sei der elf Etappensiege schwere Greipel nicht einverstanden gewesen.

Nils Politt über seinen Etappensieg: "Ich hoffe, das war ein Durchbruch" Sportschau 08.07.2021 06:26 Min. Verfügbar bis 08.07.2022 Das Erste

Politt setzt die entscheidenden Attacken

Doch davon ließ sich Politt nicht beirren. 39 Kilometer vor dem Ziel sprengte er die Ausreißergruppe mit einem Antritt, dem nur der Schweizer Stefan Küng, der Spanier Imanol Erviti und der Australier Harry Sweeny folgen konnten.

Am letzten Hügel vor Nimes musste dann zunächst Küng reißen lassen, bevor Politt zwölf Kilometer vor dem Ziel die entscheidende Attacke setze. Auf den letzten Kilometern habe er dann nur noch Angst gehabt, dass ihn ein technischer Defekt noch einen Strich durch die Rechnung machen würde, sagte Politt.

Greipel gehörte im Ziel dann zu den ersten Gratulanten, dafür radelte er extra noch einmal zurück zum Podium. "Es war sehr emotional, ich erinnere mich noch an meinen ersten Etappensieg", sagte Greipel. "Er ist ein Kerl, der immer motiviert ist und alles gibt."

"Boah, zieht der an!" - Politts Attacke kurz vor Schluss Sportschau 08.07.2021 02:49 Min. Verfügbar bis 08.07.2022 Das Erste

Gesteigerter Stellenwert

Daran hatte es auch vorher schon keine Zweifel gegeben, aber mit dem Etappensieg dürfte sich Politts Stellenwert im Team Bora-hansgrohe noch einmal deutlich verbessern. Mit dem absehbaren Abgang von Peter Sagan, der zur kommenden Saison angeblich zur französischen Equipe TotalEnergies wechselt, kann Politt die Rolle als Kapitän für die Klassiker beanspruchen.

Am Donnerstag in Nimes wirkte es noch so, als müsse Politt erstmal sacken lassen, dass er nun mit einem Etappensieg bei der Tour de France argumentieren kann. Es ist aber durchaus möglich, dass er schon bald selbstbewusster grüßt, wenn die Fans ihm ihre Anerkennung zollen.

12. Etappe - die komplette Übertragung Sportschau 08.07.2021 03:41:58 Std. Verfügbar bis 31.12.2021 Das Erste

Stand: 08.07.2021, 21:30

Darstellung: