Tourreporter

7. Etappe der Tour de France Bora-hansgrohe am Ende mit leeren Händen

Stand: 08.07.2022 20:42 Uhr

Lennard Kämna wird kurz vor dem Ziel abgefangen. Alexander Vlasov verliert Zeit. Bora-hansgrohe investiert auf der 7. Tour-Etappe viel und gewinnt nichts.

Von Michael Ostermann, La Super Planche Des Belles Filles

Oben, am Ende dieser brutalen Rampe hinauf zur Super Planche des Belles Filles, spielten sich dramatische Szenen ab: Radprofis gingen nach Luft japsend zu Boden, blieben liegen, schütteten sich Wasser ins Gesicht. Der Däne Jonas Vingegaard musste von der Zielline der 7. Etappe der Tour de France weggeschoben werden, weil er direkt dahinter fast vom Rad gekippt war.

Auch Lennard Kämna versuchte, tief über den Lenker seines Rades gebeugt, den Atem wiederzufinden. Was ihm vergleichsweise schnell gelang. Der deutsche Radprofi brauchte den Moment aber wohl auch, um die Entäuschung zu verarbeiten und ein einigermaßen befriedigendes Fazit für diesen Tag zu finden. Auch das gelang ihm beeindruckend schnell.

100 Meter fehlen auf dem "Drecksberg"

"Das ist super schade, aber ich kann mir nichts vorwerfen. Ich hätte keine Sekunde schneller fahren können", sagte Kämna also ziemlich gefasst. "Am Ende ist es halt ärgerlich, dass wir diesen Drecksberg noch hoch fahren müssen, diese letzten 100 Meter."

Lennard Kämna auf den letzten Metern der ersten Bergankunft

Lennard Kämna auf den letzten Metern der ersten Bergankunft

Lennard Kämna wurde kurz vor dem Ziel noch abgefangen, konnte sich aber nichts vorwerfen.

Es waren genau diese 100 Meter auf dem 24 Prozent steilen Schlussstück, die Kämna fehlten, um seinen zweiten Touretappensieg nach 2020 zu feiern. In der letzten Kurve, das Ziel vor Augen, rauschte Vingegaard mit dem Mann im Gelben Trikot, Tadej Pogacar, im Schlepptau noch an ihm vorbei. "Da denkt man nur: Oaah, Mist!", sagte Kämna. "Aber irgendwie hatte ich das schon geahnt, dass sie mich einholen würden."

Die Ausreißer kommen nicht in den Flow

Kämna war der letzte Verbliebene einer Ausreißergruppe, die sich nach langen Kämpfen in der Anfangsphase dieser Etappe gebildet hatte. Doch richtig Luft hatte das Feld, angeführt von Pogacars UAE-Team, den Ausreißern nicht gewährt.

Sportschau Tourfunk, 08.07.2022 19:29 Uhr

Der maximale Vorsprung betrug etwas über drei Minuten, was auch daran lag, dass die sechs Radprofis an der Spitze nicht so richtig gut miteinander harmonierten. "Wir sind nicht so schön gefahren, es war kein Zug in der Gruppe", klagte Kämna. "Wenn du von Anfang an nicht im Flow bist und den ganzen Tag dagegen anfährst, ist das nicht so schön."

Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Maximlian Schachmann und Simon Geschke, dem dritten deutschen Fahrer in der Fluchtgruppe, versuchte Kämna deshalb schon rund 70 Kilometer vor dem Ziel mit einer Tempoverschärfung mehr Schwung in die Sache zu bringen.

Der Vorsprung hielt sich danach zwar eine Weile konstant bei eben jenen drei Minuten. Aber Pogacars Team ließ nicht locker, und so waren es am Fuße des Berges trotz Schachmanns aufopferungsvoller Tempoarbeit vor dem Schlussanstieg nur noch knapp anderthalb Minuten.

Pogacar hat andere Pläne

Denn der Slowene, der am Ende nicht nur an Kämna, sondern auch an Vingegaard vorbei zum Etappensieg sprintete, hatte seine eigenen Pläne an diesem Tag. "Diese Etappe hatte ich schon sehr lange im Kopf", erklärte Pogacar, der seinen ersten Toursieg 2020 etwas weiter unterhalb des Ziels am Freitag bei einem Zeitfahren am vorletzten Tag eingetütet hatte. "Unten am Berg stand die Familie, meine Freundin Urska war oben im Ziel, und die Jungs haben den ganzen Tag hart gearbeitet."

Pogacars kannibalischer Siegeshunger hatte nicht nur für Kämna Folgen, dessen Vorsprung bis zum letzten Kilometer auf knapp 30 Sekunden zusammengeschmolzen war. Dem hohen Tempo, mit dem das UAE-Team in den Schlussanstieg gebrettert war, fiel vier Kilometer vor dem Ziel auch Kämnas Kapitän Alexander Vlasov zum Opfer.

Vlasov leidet unter den Sturzfolgen

Er habe Probleme mit dem Rücken, klagte der Russe im Ziel. Die Folgen seines Sturzes auf der 6. Etappe am Tag zuvor, wo er im Finale bei hohem Tempo auf die Straße gekracht war. Am Schlussanstieg zur Super Planche des Belles Filles verlor Vlasov mehr als anderthalb Minuten und liegt nun in der Gesamtwertung auf Rang zwölf mit 2,41 Minuten Rückstand auf Pogacar.

Idealerweise fährt Lennard vorne jubelnd über die Ziellinie und Alex kommt vielleicht mit weniger Schaden an und klopft ihm auf die Schulter. Das wäre die Vorstellung gewesen. Aber die Realität holt einen ein.
Rolf Aldag, Sportlicher Leiter beim Team Bora-hansgrohe

Wohl auch deshalb erhielten Schachmann und Kämna von der Teamleitung bei Bora-hansgrohe freie Fahrt. "Wir wollen attraktiv fahren", sagte der sportliche Leiter Rolf Aldag. "Wir haben so viele Bergfahrer mit dabei. Wenn ein Bergfahrer vorne ist, dann haben wir immer noch drei Bergfahrer beim Kapitän. Und wenn er halt nicht besser kann, kann er nicht besser. Da kann man auch sieben Mann um ihn herum haben. Er muss schon aus eigener Kraft hochfahren."

Maximilian Schachmann freute sich über die prägenden deutschen Radprofis auf der 7. Etappe der Tour de France.

Kämna: "Ärgern bringt nichts"

So stand Bora-hansgrohe am Ende des Tages trotz großem Einsatz mit leeren Händen da. "Wir haben ganz, ganz viel investiert heute. Jetzt müssen wir erstmal durchatmen und eine Nacht drüber schlafen", erklärte Aldag.

Noch ist das Podium in Paris für Vlasov nicht außer Reichweite, und in den kommenden zwei Wochen wird es möglicherweise weitere Gelegenheiten für einen Etappensie geben. "Was soll ich mich jetzt ärgern, das bringt doch auch nichts", sagte Kämna noch, bevor er in den Teambus kletterte. "Die Tour ist noch lang."

7. Etappe - die komplette Übertragung

Sportschau, 08.07.2022 16:05 Uhr