Roger Kluge als Ausreißer: "Es ist einfach Arbeit"

Roger Kluge (l.) und  Greg Van Avermaert

Tour de France

Roger Kluge als Ausreißer: "Es ist einfach Arbeit"

Von Michael Ostermann (Chateauroux)

Mehr als 120 Kilometer war Roger Kluge auf der 6. Etappe der Tour de France als Ausreißer unterwegs. Am Ende war die Flucht vergeblich. Im Interview spricht Kluge über das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Feld.

Sportschau: Herr Kluge, Ausreißer auf einer Flachetappe der Tour de France, da ist das Scheitern quasi vorprogrammiert. Warum macht man es trotzdem?

Roger Kluge: Teamziele, Taktik - ganz klar. Wir haben vor drei Tagen gesagt, mit dem Verlust von Caleb Ewan stellen wir die Taktik um und versuchen, in die Gruppen zu gehen. Klar gibt es Tage, wo es eigentlich aussichtslos ist, aber trotzdem sagt man: Wir versuchen es. Wir haben immer noch sieben starke Männer, die jetzt alle ihre Chancen haben.

Sportschau: Caleb Ewan galt als Favorit für die Sprintetappen. Sie sollten ihm die Sprints vorbereiten. Nach seinem Sturz auf der 3. Etappe ist er nicht mehr dabei. Wie stellt man sich da innerlich um?

Kluge: Die Motivation, die Moral waren natürlich schon unten, als ich Caleb da habe liegen sehe vor dem Ziel und mit klaren Anzeichen dafür, dass er wahrscheinlich nicht weiter fahren wird. Wir hatten nur diesen einen Kapitän und das große Ziel, mit ihm mehrere Etappen zu gewinnen. Aber der nächste Tag hat uns dann schon wieder so viel Schub gegeben.

Sportschau: Als ihr Teamkollege Brent Van Moer erst kurz vor dem Ziel der 4. Etappe eingeholt wurde ...

Kluge: Ja, wir wussten, das Brent definitiv zu den stärksten Kandidaten gehört, der aus so einer Gruppe heraus gewinnen kann. Und das hat er eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Das hat uns einen Schub gegeben. Vorher wollten wir für Caleb arbeiten, er hätte den Erfolg eingefahren und den ganzen Ruhm geerntet. Aber jetzt liegt es an uns. Jetzt können wir uns selber diesen Ruhm abholen und jeder hat die Chance dazu.

Sportschau: Heute waren Sie an der Reihe, aber die Chance war nicht sehr groß. Der Abstand zum Feld war nie größer als um die zwei Minuten. Überlegt man da zwischenzeitlich mal, die Beine hochzunehmen?

Kluge: Man fährt natürlich nicht Vollgas von Anfang bis Ende. Man kennt das Spiel. Es ist selten, dass eine Gruppe heutzutage noch mehr als zwei, drei Minuten Vorsprung kriegt. Gerade bei solchen Sprintetappen, weil es ja immer wieder mal vorkommen kann, dass die Teams hinten sich doch verkalkuliert haben oder die Gruppe zu stark ist, selbst wenn es nur zwei Leute sind. Vor zwei Tagen haben 200 Meter gefehlt.

Deswegen ist es inzwischen Standard, dass man den Ausreißern nur zwei, drei Minuten lässt. In den alten Zeiten waren es auch mal sieben, acht Minuten. Das war schon ein bisschen angenehmer. Aber auch dort wurde man zurückgeholt. Also, ob nun zwei oder sieben Minuten Vorsprung, am Ende kommt das gleiche Ergebnis raus.

6. Etappe - die Stimmen Sportschau 01.07.2021 02:47 Min. Verfügbar bis 01.07.2022 Das Erste

Sportschau: Sie waren heute mehr als 120 Kilometer gemeinsam mit Greg Van Avaermaert unterwegs. Was macht man da außer Treten? Unterhält man sich miteinander?

Kluge: Wir haben nur anfangs mal kurz zwei, drei Worte gewechselt, ansonsten war es relativ still. Man zählt die Kilometer runter, versucht irgendwie den gleichmäßigen Rhythmus bei der Führungsarbeit zu finden. Das ist schon relativ langweilig, aber zum Glück waren es nur 120 Kilometer. Wenn ich an morgen denke (die 7. Etappe ist 249,1 Kilometer lang, Red.), das wäre zäher geworden.

Sportschau: Macht man mentale Übungen, um die Langeweile zu verkürzen?

Kluge: Nein, das ist einfach Arbeit, ein Automatismus. Wenn wir in den Bergen gewesen wären oder langsamer gefahren wären, hätte man vielleicht mal Zeit gehabt, ein bisschen die Landschaft zu genießen. Aber es war eine relativ schnelle Etappe, viel geradeaus, da gab es nicht so viel zu sehen. An den ersten Tagen kam öfter mal ein kleiner Ort, durch den wir durchgefahren sind. Das war heute leider nicht der Fall. Das hat es nicht ganz so spannend gemacht, nicht so abwechslungsreich.

Sportschau: Am Ende ging es dann auf einer breiten Straße hinunter nach Chateauroux, man kommt dem Ziel näher und das Feld lässt einen so ein bisschen verhungern. Da weiß man ja eigentlich, dass es jetzt gleich vorbei ist.

Kluge: Ja, so ist das nun mal mit der kurzen Leine, ein Katz-und-Maus-Spiel. Klar können wir das Tempo ein bisschen bestimmen. Aber wenn sie uns eher holen wollen, holen sie uns eher. Wir haben lange gewartet, so wie jede andere Spitzengruppe das auch gemacht hätte, und 15, 20 Kilometer vor dem Ziel gesagt: Okay, jetzt versuchen wir es, jetzt geben wir alles. Wir haben dann vielleicht nochmal fünf Sekunden gewonnen. Aber klar, auf diesen Straßen mit zwei, drei kleinen Kurven hat man am Ende keine Chance. Das weiß man auch.

Aber es ist die Tour, darum versucht man es trotzdem bis zum Ende. Ich bin noch nie so weit gekommen im Finale, wo es dann wirklich um den Sieg ging. Ich war schon ein paar Mal in der Spitzengruppe, aber die wurde dann doch vorher abgefangen. Dann ging es vielleicht noch um eine Top-Ten-Platzierung oder so. Aber jetzt hat man mal so ein bisschen gemerkt, wie es sich anfühlt.

6. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 01.07.2021 05:29 Min. Verfügbar bis 01.07.2022 Das Erste

Sportschau: Klingt, als würden Sie es nochmal probieren wollen.

Kluge: Wenn es nochmal passt, würde ich nicht nein sagen. Vielleicht - jetzt, wo der Motor einmal läuft, und wenn die Gruppe ein bisschen größer ist - auch morgen nochmal. Aber da werde ich dann wahrscheinlich am Berg nicht mit den Besten mithalten können und könnte nur um Platz zehn fahren, falls die Gruppe durchkommt. Aber wie gesagt, wir haben auch andere, die können definitiv dabei sein. Ich versuche jetzt, die erste Woche zu überleben. Und dann gibt's vielleicht nochmal die ein oder andere Chance.

Das Gespräch führte Michael Ostermann.

Stand: 01.07.2021, 20:00

Darstellung: