Pogacar versetzt der Tour de France den K.o.-Schlag

Tadej Pogacar (r.) setzt sich von Richard Carapaz ab

Erste Bergetappe in den Alpen

Pogacar versetzt der Tour de France den K.o.-Schlag

Von Michael Ostermann (Le Grand Bornand)

Mit einer furiosen Attacke setzt sich Vorjahressieger Tadej Pogacar schon auf der 8. Etappe der Tour de France deutlich von der Konkurrenz ab. Der zweite Toursieg scheint dem Slowenen jetzt schon sicher. Und schon wachsen die Zweifel.

Als Primoz Roglic und Geraint Thomas das Ziel in Le Grand Bornand Seite an Seite erreichten waren exakt 35 Minuten und eine Sekunde vergangen, seitdem Dylan Teuns, der Sieger der 8. Etappe der Tour de France, dort angekommen war.

Roglic und Thomas galten vor einer Woche noch als Mitfavoriten auf den Gesamstieg bei der Frankreich-Rundfahrt - die erste Etappe im Hochgebirge der Frankreich-Rundfahrt beendeten die beiden nun im Gruppetto, noch gerade so in der Karenzzeit.

Pogacar: "Ich habe die Tour nicht getötet"

Tadej Pogacar hatte zu diesem Zeitpunkt längst das Gelbe Trikot ausgehändigt bekommen und versuchte, den Schaden, den er angerichtet hatte, zu relativieren. "Ich habe die Tour nicht getötet", sagte der Slowene bestimmt. "Es kann noch viel passieren, vielleicht schon morgen."

8. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 03.07.2021 06:12 Min. Verfügbar bis 03.07.2022 Das Erste

Was genau passieren soll in den verbleibenden zwei Wochen der Tour de France, ließ Pogacar allerdings offen. Mit seiner furiosen Attacke am Col de Romme, dem vorletzten Anstieg des Tages, versetzte der Vorjahressieger dem Rennen einen K.o.-Schlag, von dem es sich voraussichtlich bis Paris nicht mehr erholen wird.

Keine Illusionen mehr im Kampf um Gelb

Pogacar setzte sich am Samstag in Le Grand Bornand nicht nur an die Spitze der Gesamtwertung, sondern gleich auch deutlich ab von jenen, die sich anders als die in der ersten Woche gestürzten Roglic und Thomas vor diesem Tag noch Illusionen hingegeben hatten, im Kampf um das Gelbe Trikot mitzumischen.

Allen voran Richard Carapaz vom Team Ineos-Grenadiers. Der Sieger des Giro d'Italia von 2019 war der einzige, der Pogacars Angriff zunächst parieren konnte, doch bei der zweiten Beschleunigung musste auch der Ecuadorianer die Segel streichen. Der Rest war eine fulminante Solofahrt des Slowenen, der auch fast noch den späteren Etappensieger eingeholt hätte.

Pogacar kommt auch ohne Team klar

Pogacar führt die Gesamtwertung nun mit 1:48 Minuten Vorsprung vor Wout Van Aert an. Der Belgier gehört allerdings nicht zu den Klassementfahrern. Die folgen, angeführt vom Kasachen Alexey Lutsenko vom Team Astana, mit deutlich mehr als vier Minuten Abstand. Alle taktischen Überlegungen, wie man die Schwäche von Pogacars UAE-Team nützen könnte, um den Slowenen zu isolieren, sind damit jedenfalls hinfällig.

Pogacar scheint sehr gut alleine klarzukommen. Seinen Angriff verstand er auch als Revanche für den Vortag, als er seine Mannschaft bei der Verfolgung einer großen Außreißergruppe verschleißen musste. "Angriff ist die beste Verteidigung", sagte Pogacar in Le Grand Bornand. "Gestern sind alle gegen uns gefahren, heute bin ich 'all in' gegangen, um Zeit zu gewinnen. Sonst wäre es jeden Tag so gegangen."

Beginn einer neuen Ära?

So steuert der Slowene nun bereits auf seinen zweiten Toursieg zu. Pogacar ist erst 22 Jahre alt, und viele Beobachter der Tour de France sprechen bereits vom Beginn einer neuen Ära. Davon hat es bereits einige gegeben in der mittlerweile schon 118 Jahre währenden Geschichte der Frankreich-Rundfahrt.

Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain - sie alle haben die Tour fünf Mal gewonnen und das Rennen dabei meist im Würgegriff gehabt. Pogacars Solofahrt wäre auch eines Merckx würdig gewesen.

Nur dass der Belgier, den sie wegen seines Sieghungers den "Kannibalen" nannten, vermutlich auch Dylan Teuns noch eingeholt, aber auf keinen Fall den beiden Ausreißern Ion Izagirre und Michael Woods, die sich in der Abfahrt vom Col de la Colombière an Pogacars Hinterrad klemmten, die Plätze zwei und drei sowie die Bonussekunden überlassen hätte.

Die Pogacar-Show

Tourfunk 03.07.2021 15:13 Min. Verfügbar bis 04.07.2031 ARD


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Wie Merckx oder wie Armstrong?

Merckx gilt als der beste Fahrer aller Zeiten und wird im Radsport wegen seiner vielen Siege bis heute als Legende verehrt. Seine Erfolge stammen aus Vor-EPO-Zeiten und gelten als sauber, obwohl auch damals schon leistungssteigernde Präparate im Umlauf waren.

Doch erst seit der Ära Lance Armstrong, dessen sieben Siege inzwischen aus den Annalen gestrichen sind, weil sie durch systematisches Doping zustande kamen, radelt der Generalverdacht bei der Tour de France stets mit. So auch diesmal.

In den sozialen Netzwerken wurde Pogacar während der Etappe schon in "Pogstrong" umgetauft. Und seine Entourage beim Team UAE lässt die Zweifel wachsen, weil sich dort zahlreiche Personen mit einschlägiger Vergangenheit tummeln. Auch seine jeweiligen Leistungsexplosionen im Zeitfahren der Tour im vergangenen Jahr und am vergangenen Mittwoch schüren diese Skepsis.

Vielleicht aber ist Pogacar ja wirklich einfach so viel besser als die Konkurrenz - ein neuer Merckx quasi. Für die Glaubwürdigkeit des Radsports und der Tour de France wäre das sicher besser.

Stand: 03.07.2021, 20:33

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