Stürze zum Tour-Auftakt: Kopf nicht eingeschaltet

Mehrere Fahrer sind nach einem Sturz während der ersten Etappe verletzt

1. Etappe der Tour de France

Stürze zum Tour-Auftakt: Kopf nicht eingeschaltet

Von Michael Ostermann (Landerneau)

Zwei Massenstürze auf der 1. Etappe der Tour de France lösen eine Debatte über die Fans am Straßenrand aus und haben erste Folgen für den Kampf ums Gelbe Trikot.

Julian Alaphilippe hatte eine rote Mund-Nasen-Maske zum Gelben Trikot gewählt. Das war farblich sehr fein abgestimmt und zudem regelkonform. Denn auch bei der Tour de France 2021 gelten ja noch die Corona-Maßnahmen, die die Radprofis in ihrer Blase vor eine Ansteckung mit dem Virus schützen sollen.

Kehrseite des Enthusiasmus

In den Tagen vor dem Start der 1. Etappe war dennoch viel von einer Annährung an die vorpandemische Normalität die Rede gewesen. Die Rückkehr der Fans an die Straße wurde mit Vorfreude erwartet. Denn die Tour lebt auch von der Atmosphäre entlang der Strecke.

Im vergangenen September war das Peloton bei der verschobenen Frankreich-Rundfahrt zumindest in großen Teilen über fast verwaiste Straßen gerollt. Die Bretagne, eine Region in der Radsport eine große Bedeutung hat, schien da der ideale Ort zu sein für die ersehnte Rückkehr des Publikums.

Doch schon der erste Tag machte deutlich, dass der Enthusiasmus beim Ausflug zum Erlebnis Tour de France manchmal auch seine Kehrseite hat. Der Versuch einer Zuschauerin, sich ihren Fünf-Sekunden-Ruhm zu sichern, sorgte dafür, dass fast das gesamte Feld auf der Straße landete.

Schockmoment: Massensturz auf der 1. Etappe der Tour de France Sportschau 26.06.2021 01:46 Min. Verfügbar bis 26.06.2022 Das Erste

Mit dem Rücken zum Peloton

"Allez Opi Omi", stand auf dem Pappschild, das die junge Frau mit dem Rücken zum heranrauschenden Feld in Richtung Kameramotorrad hielt. Just in dem Moment als Tony Martin sich rechts am Feld vorbeischob mit dem Ziel, sein Team inklusive des Tour-Mitfavoriten Primoz Roglic ins Finale zu führen.

Martin krachte in das Schild, kam zu Fall und löste eine Massenkarambolage aus. "Es war eigentlich eine übersichtliche Rennsituation", sagte Martin später im Ziel mit blutigen Armen und Beinen: "Manche Zuschauer haben einfach keinen Respekt und schalten ihren Kopf nicht ein."

Für den deutschen Radprofi Jasha Sütterlin war die Tour danach schon beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Die meisten anderen Fahrer kamen derweil glimpflich davon, auch die Favoriten auf den Gesamtsieg wie etwa Roglic, der sich ebenfalls in dem Knäuel aus Rädern und Körpern befand.

Es mangelt nicht an Appellen

Es dauerte eine Weile, bis sich das Feld nach dem Massensturz wieder sortiert hatte. "Drunter und drüber", sei es nach dem Sturz gegangen, berichtete der deutsche Sprinter André Greipel. Auch Alaphilippe, der strahlende Sieger des Tages, hatte kurzzeitig den Anschluss verloren.

Natürlich sei es schön, dass die Zuschauer zurück seien, erklärte der 29-Jährige, der mit seinem Etappensieg inklusive Gelbem Trikot für jenen Traumstart sorgte, den sich die Franzosen erhofft hatten. "Aber", ergänzte der Weltmeister, "sie müssen natürlich vorsichtig sein."

Turbulenter Tour-Auftakt in der Bretagne

Tourfunk 26.06.2021 12:17 Min. Verfügbar bis 27.06.2031 ARD


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Alaphilippes Mahnung ist nicht neu. Seit Jahren schon wirbt die Tour für mehr Respekt vor den Fahrern. In TV-Spots warnen die Veranstalter beispielsweise vor Selfies mit dem Rücken zum Peloton, dem Abbrennen von Pyrotechnik und davor, neben den Fahrern herzurennen.

Die Appelle scheinen jedoch nicht bei allen anzukommen. "Vielleicht hilft das, dass die Leute anfangen darüber nachzudenken, was sie am Straßenrand machen", versuchte der Niederländer Robert Gesink, ein Teamkollege von Martin, dem Ganzen noch etwas Positives abzugewinnen. "Ich hoffe, dass der Schaden nicht zu groß sein wird."

Zweiter Sturz mit größeren Auswirkungen

Größere Auswirkungen auf den Verlauf der Etappe und in Teilen sogar den weiteren Tourverlauf hatte jedoch ohnehin ein zweiter Massensturz, weniger als zehn Kilometer vor dem Ziel. Ein Rennunfall der diesmal nicht von außen verschuldet, sondern durch die Hektik im Finale verursacht wurde.

Zu den prominentesten Opfern gehörte der viermalige Toursieger Christopher Froome, der nach dem Sturz eine Weile behandelt werden musste, sich aber schließlich mit fast einer Viertelstunde Rückstand ins Ziel schleppen konnte. Froome war diesmal nicht vorgesehen für den Kampf um Gelb, doch auch der nominelle Kapitän der Mannschaft, der Kanadier Michael Woods, darf seine Hoffnungen auf eine gute Platzierung in der Gesamtwertung bei fast neun Minuten Rückstand schon abschreiben.

Die beiden Topfavoriten auf den Gesamtsieg, die Slowenen Tadej Pogacar und Primoz Roglic, sortierten sich dagegen knapp hinter Tagessieger Alaphilippe ins Klassement ein. Und auch der Toursieger von 2018, Geraint Thomas, rollte ohne größeren Zeitverlust ins Ziel in Landerneau.

Ineos muss Strategie schon überdenken

Dennoch wird das Team Ineos seine Strategie nun überdenken müssen. Zwar hielt neben Thomas auch Richard Carapaz seinen Zeitverlust in Grenzen, aber der Australier Richie Porte (+ 2:16 Min.) und der Brite Tao Geoghegan Hart (+ 5:33 Min.) liegen nach dem chaotischen ersten Tag schon deutlich zurück. Das mindert die taktischen Optionen der britischen Equipe, die Pogacar und Roglic ja im Kollektiv das Leben schwer machen wollte.

Der zweite Tag der Tour mit Ziel an der Mur de Bretagne droht jedenfalls auch wieder hektisch zu werden. "Das ist die Tour de France", sagte Tony Martin in Landerneau mit dem Fatalismus des durch zwölf Tourteilnahmen gestählten Radprofis: "Gefühlt erleben wir das jedes Jahr."

Stand: 26.06.2021, 19:37

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