Jubelnde Menschen bei der Teampräsentation
Tourreporter

Grand Départ in Kopenhagen Fahrräder und Euphorie - Dänemark feiert Tourstart

Stand: 30.06.2022 18:45 Uhr

Die Tour de France startet am Freitag in Kopenhagen. Die Dänen sind voller Euphorie und feiern vor allem den Vorjahreszweiten Jonas Vingegaard.

Von Michael Ostermann, Kopenhagen

Fahrräder wohin man blickt, sie stapeln sich auf Radstationen und an Fahrradständern rund um den Hauptbahnhof von Kopenhagen. Die breiten gut gepflegten Radwege sind ausgelastet. Lastenräder, Rennräder, Hollandräder, Leihräder, E-Bikes, Mountainbikes - alles unterwegs. Es hätte die Tour de France also nicht gebraucht, um den Dänen das Radfahren näher zu bringen.

Image-Effekt für die Tour de France

Sieben von zehn Dänen besitzen ein Fahrrad, in Kopenhagen sind es sogar neun von zehn, auf ein Auto kommen in der Stadt fünf Fahrräder. "Warum ein Fahrrad haben, wenn man drei haben kann?", rief Kopenhagens Oberbürgermeisterin Sophie Haestorp Andersen bei der Präsentation der Tour de France-Teams am Mittwochabend (29.06.22) in die Menge, die sich im Tivoli gegenüber dem Bahnhof versammelt hatte.

Und erntete einen ausgedehnten Jubelsturm. Kein Wunder also, dass Tourdirektor Christian Prudhomme Kopenhagen als "Radfahr-Nirvana" bezeichnete, als der Tour-Tross am Montag in der dänischen Hauptstadt eintraf.

Sportschau Tourfunk, 30.06.2022 17:10 Uhr

Nördlich wie noch nie

Zum 24. Mal startet die Tour de France, das wichtigste Radrennen der Welt, außerhalb Frankreichs. So weit nördlich war der Grand Départ allerdings noch nie. Diesmal ist es jedoch eher die Tour, die sich einen Image-Effekt vom Startort erwartet - nicht umgekehrt. Radfahren gilt vor allem in städtischen Räumen als ein Zukunftspfeiler der Mobilität. Die Organisatoren der Tour versuchen deshalb schon seit Jahren, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Profiradsport und dem umweltfreundlichen Alltagsradeln.

Und wo ließe sich das besser tun als in Kopenhagen, wo die Zukunft schon Gegenwart zu sein scheint? Auch wenn der Tourtross mit all seinen Trucks nach den ersten drei Etappen in Dänemark einen Transfer von rund 900 Kilometern absolvieren muss. "Wir wollen den Rest der Welt inspirieren", erklärte Kopenhagens Bürgermeisterin, "weil Radfahren einfach, grün, gesund und billig ist." Sophie Haestrop Andersen spannte den Bogen dann auch ganz im Sinne der Tourdirektion zum Profisport und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der Grand Départ als Inspiration für dänische Radprofis der Zukunft dienen wird.

Radfahren Teil der dänischen Kultur

Dabei kann sich schon die Gegenwart sehen lassen: Zehn dänische Radprofis werden am Freitag beim Zeitfahren von der Startrampe in Kopenhagen in die Tour de France starten. Das ist einer mehr als aus Deutschland und der Radsportnation Spanien. Dänemark und die Tour verbindet eine lange Geschichte. Ein Mann namens Christian Christiansen war 1913 der erste Däne, der das Rennen in Angriff nahm, es aber nicht beenden konnte.

Ein Händler mit einem fliegenden Laden auf einem Rad verkauft Tour-T-Shirts

"Radfahren hat einen besonderen Platz in der dänischen Kultur", sagt Kasper Asgreen vom Team Quick Step-Alpha Vinyl. "Darum haben sie gedacht, es ist eine gute Idee, mit dem größten Radrennen der Welt hierherzukommen." Das hätte schon 2020 passieren sollen, fiel dann aber der Corona-Pandemie zum Opfer. Wegen der verschobenen Fußball-EM mit Spielen in Kopenhagen war es auch 2021 nicht möglich. Nun ist es aber soweit. Das Budget für den Grand Départ stieg nach Angaben der Veranstalter in dieser Zeit von umgerechnet rund 11,8 Millionen Euro auf 12,6 Millionen Euro.

Rund eine Million Zuschauer erwartet

Der teure Spaß soll entlang der Strecke nun zu ausschweifender Begeisterung werden. Nimmt man die bierselige Stadionatmosphäre während der Teampräsentation zum Maßstab, dürften die drei Tage in Dänemark tatsächlich außergewöhnlich werden. Zum Zeitfahren in Kopenhagen wird mit rund einer Million Zuschauer entlang der 13,2 Kilometer langen Strecke gerechnet.

Die meisten von ihnen werden auf einen dänischen Sieger hoffen. Auch Kasper Asgreen, ein guter Zeitfahrer, hatte große Ambitionen für diesen Tag, bevor ihn ein schwerer Sturz bei der Tour de Suisse lange um seine Tourteilnahme bangen ließ. "Ich habe nicht das Gefühl, dass das noch realistisch ist", sagt der 27-Jährige nun auf die Frage, ob er das beim Kampf gegen die Uhr ganz vorne landen könne.

Hoffungsträger Jonas Vingegaard

Die größten Hoffungen der Dänen ruhen darum nun auf einem jungen Mann, der bei der Tour de France im vergangenen Jahr die große Entdeckung war und als Gesamtzweiter in Paris ankam: Jonas Vingegaard. Als der 25 Jahre alte Radprofi am Mittwoch mit seinem Team Jumbo-Visma auf die Bühne rollte, wollte die Begeisterung kein Ende nehmen. Vingegaard - überwältigt von so viel Zuneigung - standen Tränen in den Augen, viel mehr als "Yes, Yeah, Ja", brachte er nicht über die Lippen.

Die Teampräsentation von Jumbo Visma

Sportschau, 30.06.2022 16:12 Uhr

Vingegaard gilt als einer der Mitfavoriten auf den Toursieg. Gemeinsam mit Primoz Roglic stellt er die Doppelspitze des Teams Jumbo-Visma. Im vergangenen Jahr war er es, der Pogacar am Mont Ventoux zumindest kurzzeitig in Bedrängnis bringen konnte. Man darf davon ausgehen, dass er am Freitag von einem Jubelorkan durch die Innenstadt von Kopenhagen getragen wird, der ihn dann bis Paris tragen soll - am besten im Gelben Trikot.

Keine Einladung für Bjarne Riis

Vingegaard wäre nicht der erste Toursieger aus Dänemark. Das war Bjarne Riis 1996 für das deutsche Team Telekom. Auch Riis gab Jahre später wie so viele andere zu, dass sein Erfolg damals auf EPO-Doping beruhte. Sein Gelbes Trikot läge in einer Kiste in der Garage, wo man es gerne abholen könne, erklärte er damals. Eine Respektlosigkeit, die ihm die Tourveranstalter fast noch krummer nahmen als den Betrug.

Riis hat zur offiziellen Tour-Sause in Kopenhagen deshalb auch keine Einladung erhalten, was er nun wiederum nicht so toll findet, hört man. Aber die Schatten der Vergangenheit sollen das strahlend gelbe Fest nicht stören. "Es gab einen großen Kulturwandel bezüglich Doping, nicht nur in Dänemark", sagt Asgreen. Er sei froh, in der heutigen Zeit Radprofi zu sein und nicht damals.

So ist also alles bereitet für den großen Tag, mit dem die 109. Auflage der Tour de France startet. Das erste Gelbe Trikot hat Christian Prudhomme im Überschwang der Gefühle allerdings schon vorab vergeben. An das Publikum im Tivoli. Auch dafür gab es grenzenlosen Jubel. Am Samstag dann setzt sich der Tross in Bewegung. In Kopenhagen haben sie ihre schönen Radwege dann wieder ganz für sich.

Windkanten, Kopfsteinpflaster und hohes Risiko

Sportschau