Tour de France: Cavendish im blauen Zug Richtung Merckx' Rekord

Mark Cavendish (grünes Trikot) beim Zielsprint mit seinem Team

Brite braucht noch einen Etappensieg

Tour de France: Cavendish im blauen Zug Richtung Merckx' Rekord

Von Michael Ostermann (Malaucène)

Ein Etappensieg fehlt Mark Cavendish noch, um den-Tour-de-France-Rekord von Eddy Merckx mit 34 Tageserfolgen einzustellen. Er profitiert bei der Rekordjagd von der Stärke seines Teams in den Sprintfinals.

Der Mann, der sie alle trifft - die Etappensieger, Trikotträger und kämpferischsten Fahrer der Tour de France - heißt Sébastien Piquet. Der 46 Jahre alte Franzose ist seit 2005 die Stimme von Radio Tour, der die Teams über das Renngeschehen informiert. Im Ziel führt er dann die internationalen Interviews mit jenen Radprofis, die auf dem Podium geehrt werden.

Der Lord Voldemort des Radsports

Seit der 4. Etappe trifft Piquet dabei nun täglich Mark Cavendish, den Träger des Grünen Trikots. In Fougères gewann Cavendish den Sprint, es war sein 31. Etappensieg bei der Tour de France. Und sofort tauchte die Frage auf, ob der Brite einen historischen Rekord würde knacken können - gehalten von der größten Legende des Radsports: Eddy Merckx. Der Belgier hat während seiner Karriere zwischen 1969 und 1977 insgesamt 34 Tageserfolge eingefahren.

Natürlich hat auch Sébastien Piquet nach dem Rekord fragen wollen. Doch noch bevor er die Frage ausformuliert hatte, wurde er von Cavendish unterbrochen. "Nicht den Namen nennen, sagen Sie den Namen nicht", beschwor Cavendish den Fragesteller, als handle es sich bei Merckx um eine Art Lord Voldemort des Radsports.

Schon am Ende der Woche an Merckx vorbei?

Mark Cavendish - Der Mann in Grün siegt erneut Morgenmagazin 07.07.2021 01:12 Min. Verfügbar bis 07.07.2022 Das Erste

Seit jenem Donnerstag in Fougères spielen Piquet und Cavendish nun dieses Spiel. Der Name wird nicht genannt, und die Frage nach dem Rekord nicht gestellt. Aber sie ist doch stets präsent. Am Dienstag (06.07.21), als der Sprinter von der Isle of Man in Valence seinen dritten Etappensieg bei dieser Tour ersprintete, beendete Piquet das Interview mit dem Satz: "Ich habe die Frage nicht gestellt!"

Cavendish lachte, erhob sich von seinem Stuhl, dann entfuhr ihm ein: "Yeah, shit!" Natürlich ist auch ihm längst klar, dass der Rekord nun nur noch ein Etappensieg entfernt ist, und er diesen am Ende der zweiten Tourwoche vermutlich nicht nur eingestellt haben, sondern den, dessen Name nicht genannt werden darf, sogar überholt haben wird.

Lehrvideo für klassische Sprintvorbereitung

Am Donnerstag in Nimes wird erneut ein Massensprint erwartet. Nach Lage der Dinge muss man davon ausgehen, dass Cavendish auch diesmal wieder als erster über die Ziellinie rasen wird. Das liegt vor allem daran, dass sein Team Deceuninck-Quick Step, ihm die Sprints perfekt vorbereitet.

Wollte man ein Lehrvideo für eine klassische Sprintvorbereitung produzieren, man müsste nur die Bilder der letzten Kilometer der 10. Etappe nehmen. Der blaue Zug mit dem Grünen Trikot im Schlepptau spannte sich im Finale vor das Peloton und ließ der Konkurrenz gar keine Gelegenheit, ihre Sprinter in eine vernünftige Ausgangsposition zu bringen.

"Es war wie früher, wenn man alte Radsportmagazine angeschaut hat", sagte Cavendish. "Ich musste gar nichts tun, erst auf den letzten 150 Metern. Ich musste es einfach vollenden." Tatsächlich wirkte der Auftritt der Equipe wie aus einer anderen Zeit. Die Ära der Sprintzüge, die sich wie an einer Schnur aufgereiht vor ihren Sprinter spannen, ist eigentlich vorbei.

10. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 06.07.2021 04:22 Min. Verfügbar bis 06.07.2022 Das Erste

Klassikerqualitäten zahlen sich aus

Die Sprints verlaufen heutzutage ungeordneter, der Kampf um die Positionen ist hart. Doch Deceuninck-Quick Step hat in der Mannschaft ausreichend PS, um die klassische Sprintvorbereitung wiederzubeleben.

"Du hast den Gewinner der Flandern-Rundfahrt, den Weltmeister, Michael Morkov, der bei Olympia starten wird, den Gewinner von Omloop Het Nieuwsblad, die einfach alles für mich auf der Straße lassen", geriet Cavendish in Valence ins Schwärmen über seinen Sprintzug mit Kasper Asgreen, Julian Alaphilippe, Morkov und Davide Ballerini.

Am Dienstag kamen zudem die Klassikerqualitäten der belgischen Mannschaft zum Tragen, als sie Cavendish zunächst sicher über die Hügel vor dem Finale geleiteten und dann auch an einer Windkante, an der sich das Feld teilte, vorne hielt. "Wir wussten, dass die anderen Teams an den Anstiegen etwas versuchen würden", sagte Cavendish.

Cavendish in den Hügeln abschütteln

Das dürfte auch auf den beiden kommenden Etappen nach Nimes und Carcassonne die Strategie von Cavendishs Konkurrenten sein. Die Equipe Lotto-Soudal, das einzige Team, das Deceuninck-QuickStep in den Sprints wohl hätte Paroli bieten können, hat ihren Sprinter Caleb Ewan durch einen Sturz früh verloren.

Den anderen Mannschaften bleibt nur die Option, Cavendish schon vor dem Sprintfinale loszuwerden. Nur so dürften sie derzeit eine Chance haben, Etappensiege auf den Flachetappen einzufahren und Merckx' Rekord zu schützen. Er werde auf jeden Fall alles dafür tun, dass Eddy den Rekord behalte, sagte der Belgier Wout Van Aert, der am Dienstag in Valence hinter Cavendish auf Rang zwei landete und tags drauf die Etappe über den Mont Ventoux gewann.

Merckx selber scheint sich nicht so sehr darum zu scheren, ob der Brite ihm diesen entreißt oder nicht. "Wenn er Erfolg hat, dann soll es so sein", sagte Merckx der belgischen Zeitung Het Laatste Nieuws. "Außerdem habe ich fünf Mal die Tour gewonnen und 96 Mal das Gelbe Trikot getragen. Er wird mir diesen Rekord nicht wegnehmen." Dafür reicht der blaue Zug tatsächlich nicht.

Tour de France - Die Renaissance von Mark Cavendish

Sportschau 06.07.2021 01:55 Min. Verfügbar bis 06.07.2022 ARD Von Moritz Cassalette


Stand: 08.07.2021, 08:39

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