Cavendishs tränenreiche Rückkehr auf die Tour-Bühne

Mark Cavendish

Tour de France, 4. Etappe

Cavendishs tränenreiche Rückkehr auf die Tour-Bühne

Von Michael Ostermann (Fougères)

Mark Cavendish gewinnt in Fougères zum 31. Mal eine Etappe der Tour de France. Dabei sah es im Winter schon so aus, als wäre seine Karriere beendet.

Die meisten der 177 verbliebenen Fahrer der Tour de France waren längst durchgerollt in Richtung der Mannschaftsbusse, auch die meisten Interviews hinter der Ziellinie längst geführt. Übrig blieben drei Fahrer in den blauen Trikots der Deceuninck-Quick-Step-Equipe und mussten noch Fragen beantworten. Es waren Teamkollegen des Tagessiegers Mark Cavendish.

4. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 29.06.2021 06:29 Min. Verfügbar bis 29.06.2022 Das Erste

In Tränen aufgelöst

"Selbst wenn ich nicht in seinem Team fahren würde, hätte ich mich heute für ihn gefreut", sagte der Däne Kasper Asgren. Nur hundert Meter entfernt stand Cavendish auf dem Podium, nahm den Jubel der Fans entgegen und versuchte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen. Schon unmittelbar, nachdem der Sprinter von der Isle of Man mit geballten Fäusten über den Zielstrich der 4. Etappe in Fougères gerast war, hatten ihn die Tränen übermannt.

Tränen bei Cavendish, Proteste im Fahrerfeld

Tourfunk 29.06.2021 15:51 Min. Verfügbar bis 30.06.2031 ARD


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Schluchzend bestritt Cavendish anschließend auch das Siegerinterview. "Ich habe nicht geglaubt, dass ich noch einmal zu diesem Rennen zurückkommen würde", sagte der 36 Jahre alte Radprofi von seinen Gefühlen übermannt. "Aber so viele Leute haben an mich geglaubt."

Erfolgreichster Sprinter der Tour-Geschichte

Cavendish ist der erfolgreichste Sprinter in der Geschichte der Tour de France. 2008 gelang ihm sein erster Etappensieg. Der Sieg in Fougères war bereits sein 31. Tageserfolg beim wichtigsten Radrennen der Welt. Nur der legendäre Eddy Merckx hat mit 34 Etappensiegen mehr Erfolge in Frankreich gefeiert. Dieser Sieg sei ihm so wichtig wie der erste, behauptete Cavendish.

4. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 29.06.2021 05:00 Min. Verfügbar bis 29.06.2022 Das Erste

Merckx' Rekord? Cavendish denkt nicht dran

Bis zum Dienstag sah es so aus, als würde Merckx' Rekord für viele weitere Jahre Bestand haben. Doch jetzt kann man sich da nicht mehr so sicher sein. Cavendish allerdings wollte davon nichts wissen. "Es ist gerade mal eine halbe Stunde her, dass ich gewonnen habe und ihr habt schon vergessen, wie schwierig es ist, eine Etappe bei der Tour zu gewinnen", echauffierte er sich über entsprechende Fragen.

Sein Sieg in Fougères war allerdings durchaus überlegen herausgefahren. Eine Radlänge ließ Cavendish zwischen sich und der Konkurrenz. Er profitierte dabei nicht nur von der exzellenten Vorarbeit seines Teams, für die er sich später überschwänglich bedankte, sondern auch davon, dass mit Caleb Ewan der wohl beste Sprinter im Feld das Rennen nach seinem schweren Sturz auf der 3. Etappe verlassen musste.

Karriereende vor Augen

Dass Cavendish überhaupt in Frankreich dabei ist, verdankt er einer Knieverletzung des Iren Sam Bennett, der im vergangenen Jahr der beste Sprinter der Tour gewesen war und sich das Grüne Trikot gesichert hatte. "Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes", sagte Cavendish, "aber es tut gut, auch mal wieder ein bisschen Glück zu haben."

4. Etappe - die komplette Übertragung Sportschau 29.06.2021 03:10:03 Std. Verfügbar bis 29.06.2022 Das Erste

Davon hat er in der Tat seit 2016, als er zuletzt eine Touretappe gewann, nicht mehr allzu viel gehabt. Zwei Jahre lang litt er an Pfeifferschem Drüsenfieber. Zwischen 2018 und Ende 2020 gelang ihm kein Sieg mehr. Und als er im vergangenen Jahr - am Ende einer von der Corona-Pandemie geprägten Saison - über den Zielstrich des belgischen Klassikers Gent-Wevelghem rollte, brach er in Tränen aus, weil er ohne Vertrag für 2021 dastand. Er fürchtete, dass seine Karriere einfach so zu Ende sein würde.

Ein Leben für die Tour

Doch dann offerierte ihm der mit allen Radsport-Wassern gewaschene Chef des Teams Deceuninck-Quick Step, Patrick Lefevere, einen neuen Kontrakt für ein Jahr - in jenem Team, für das Cavendish einen Großteil seiner Erfolge feierte. "Ich brauchte jemanden, der etwas von Radrennen und der mich versteht - und das war Patrick Lefevere", sagte Cavendish.

Nun ist der Brite im Herbst seiner Karriere also noch einmal zurück auf der ganz großen Radsport-Bühne. Die Tour, sagte Cavendish, habe sein Leben geprägt: "Und ich habe mein Leben der Tour gegeben."

Stand: 29.06.2021, 21:20

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