Alexander Vlasov

Tour de France Bora-Kapitän Vlasov - Selbstbewusst zwischen Gelb und Krieg

Stand: 30.06.2022 14:53 Uhr

Das Team Bora-hansgrohe geht selbstbewusst an den Start der Tour: Der Russe Alexander Vlasov will im Kampf um Gelb mitmischen. Fragen zum Krieg in der Ukraine sind unerwünscht.

Von Michael Ostermann, Kopenhagen

Am Mittwoch (29.06.2022) konnte man in Kopenhagen – oder genauer gesagt in einer Video-Pressekonferenz aus Kopenhagen - Zeuge werden, mit welch breiter Brust das Team Bora-hansgrohe inzwischen durch die Radsport-Welt radelt. Der Russe Alexander Vlasov ist natürlich wie alle Fahrer, die bei der Tour de France in der Gesamtwertung weit vorne landen wollen, eher schmalbrüstig unterwegs. Aber der Kapitän des deutschen World-Tour-Teams geht mit großem Selbstbewusstsein in sein Tourdebüt.

Vlasov will um Sieg fahren

"Ich hoffe, dass ich hier um den Sieg mitfahren kann", erklärte Vlasov also aus dem Teamhotel den aus dem Pressezentrum oder von sonst wo zugeschalteten internationalen Journalisten. Eine Ansage, die so sonst bestenfalls der zuletzt zweimalige Toursieger Tadej Pogacar und Primoz Roglic machen. Erwartet wird in den kommenden drei Wochen ein Duell zwischen den beiden Slowenen um das Gelbe Trikot.

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Alle anderen – wie etwa Geraint Thomas, der 2018 die Tour gewann – halten sich eher zurück. "Wir haben hier nicht die Favoriten im Team", sagte der Waliser vom Team Ineos-Grenadiers, aus dessen Reihen zwischen 2012 und 2019 immerhin sieben von acht Malen der Toursieger kam.

Komplett-Update im Winter

Dass Vlasov und seine deutsche Mannschaft in diesem Jahr mit großen Ambitionen zum Grand Départ nach Dänemark gereist sind und dies auch kundtun, darf jedoch nicht verwundern. Das Team hat sich im Winter einem kompletten Update unterzogen. Der dreimalige Weltmeister Peter Sagan – seit 2018 Boras Aushängeschild während des Aufstiegs in die Spitze World Tour – und seine Entourage mussten gehen.

Die Teampräsentation von Bora-hansgrohe

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Das Team holte dafür vor allem Fahrer, die bei den Rundfahrten glänzen sollen. Allen voran den Australier Jay Hindley, den Kolumbianer Sergio Higuita und eben Vlasov. Zudem versprachen der neue Sportliche Leiter Rolf Aldag und Teamchef Ralph Denk eine aggressive und attraktive Fahrweise.

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Der Umbau war nicht ohne Risiko, aber – so muss man nach einem halben Jahr konstatieren – äußerst erfolgreich. Hindley gewann im Mai den Giro d'Italia und damit die erste große Rundfahrt für Bora-hansgrohe. Ein Triumph, auf den Ralph Denk, der das Team vor 13 Jahren ins Leben gerufen hatte, lange hingearbeitet hat. Und dem Team einen Selbstbewusstseins-Boost gegeben hat.

Giro-Sieg stärkt das Selbstbewusstsein

Und nun bei der Tour wird das Team erneut ganz auf die Gesamtwertung ausgerichtet sein. Darum hat man etwa den Sprinter Sam Benett, 2020 Gewinner des Grünen Trikots des Punktbesten, daheim gelassen. "Aus Rosa mach Gelb – das Ziel ist ein bisschen hochgegriffen. Wir würden uns aber nicht wehren, wenn es ein Podium wird", sagte Denk dem Sport-Informations-Dienst: "Unsere Aufstellung zeigt, dass wir uns voll auf das Gesamtklassement konzentrieren wollen."

Hindleys Girosieg hat dem Team den Glauben daran gestärkt. "Es war ein riesen Motivationsschub für alle, die den Giro nicht gefahren sind und in den Trainingscamps waren. Die haben das gesehen: Okay, wenn wir alle richtig gut trainieren, können wir das auch erreichen. Und ich denke, es gab einen ganz großen Schub in der Mannschaft, auch was das Selbstbewusstsein und unser Setup angeht. Dass das alles irgendwie stimmig ist und passt", sagt Lennard Kämna, der als Helfer eine großen Anteil an Hindleys Erfolg beim Giro hatte.

Kämna wird bei der Tour de France eine ähnliche Rolle spielen. Er bekommt seine Freiheiten, soll aber auch Vlasov unterstützen. Gleiches gilt auch für die beiden anderen deutschen Radprofis des Teams, den frisch gekürten nationalen Meister Nils Politt und Maximilian Schachmann. Letzterer hatte die Tour de Suisse im Vorfeld der Frankreich-Rundfahrt wegen einer Corona-Infektion verlassen müssen, diesmal aber – anders als im Winter – ohne gesundheitliche Schwierigkeiten.

Nils Politt - Deutscher Meister und Etappensieger

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Corona und der Krieg

Auch Vlasov war bei der Tour de Suisse positiv auf das Virus getestet worden und musste die Rundfahrt in Führung liegend beenden. Seine Vorbereitung habe das kaum beeinträchtigt, berichtete er: "Ich habe nur einen Tag gebangt, dass ich nicht herkommen kann. Aber dann habe ich mich gut gefühlt und war zuversichtlich, dass ich die Tour de France fahren kann."

Ähnlich nonchalant versuchte das Team das andere große Thema der Zeit beiseite zu schieben – den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Eine schriftlich via Chat gestellte Frage, wie Vlasov es beurteile, dass russische Tennisprofis in Wimbledon ausgeschlossen seien, er aber als russischer Radprofi bei der Tour de France starten dürfe, ignorierte der Pressesprecher des Teams zunächst. Und als er mündlich darum gebeten wurde, die Frage doch bitte an Vlasov zu stellen, lautete die Antwort bloß: "Nö!"

Alexander Vlasov von Bora-hansgrohe

Alexander Vlasov von Bora-hansgrohe bei der Teampräsentation.

Dabei wäre die Frage recht leicht zu beantworten. Anders als Tennisprofis sind Radprofis keine Einzelunternehmer, sondern vertraglich einem Team verpflichtet. Der Radsport-Weltverband UCI hat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine deshalb das russische Team Gazprom-RusVelo suspendiert, von dessen 21 Fahrern allerdings nur neun Russen waren. Auch alle russischen Nationalmannschaften wurden ausgeschlossen.

Teams fürchten Klagen

Die Suspendierung russischer Profis wäre demnach Sache der Mannschaften, bei denen sie unter Vertrag stehen. Mit der Folge, dass es vermutlich Schadenersatzklagen wegen Vertragsbruch geben würde. Langwierigen und vermutlich teuren Rechtstreitigkeiten gehen die Teams aber lieber aus dem Weg.

Vlasov ist der einzige russische Radprofi am Start der Tour in Kopenhagen. Im März hat er sich via Instagram einmal zum Thema geäußert. "Wie viele Russen auch möchte ich nur Frieden", schrieb er damals: "Ich bin keine politische Person und Leute wie ich wurden nicht gefragt, ob wir einen Krieg wollen. Es war für alle ein Schock und ich hoffe, dass es bald enden wird."

Das Thema wird Vlasov allerdings weiter begleiten, so sehr sein Team auch darum bemüht sein wird, es von ihm fernzuhalten, damit er sich auf sein Rennen konzentrieren kann. Aber die Tour de France ist die größte Bühne, die der Radsport zu bieten hat. Und dort werden immer auch die großen Fragen besprochen. Vor allem, wenn ein Fahrer sich dem Gelben Trikot nähern will.

Windkanten, Kopfsteinpflaster und hohes Risiko

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