Sprinter unter sich - wer ist der Schnellste bei der Tour 2021?

Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe gewann die zehnte Giro-Etappe.

Kampf um Tagessiege und das Grüne Trikot

Sprinter unter sich - wer ist der Schnellste bei der Tour 2021?

Von Olaf Jansen

Vorjahressieger Sam Bennett ist nicht dabei, Peter Sagan allmählich in die Jahre gekommen. Wer wird schnellster Mann bei der Tour de France 2021? Kandidaten gibt es einige - für Sprintsiege und das Grüne Trikot.

Es war schon ein rechter Paukenschlag, als das deutsche Team Bora-hansgrohe vor wenigen Tagen bei seiner Teamvorstellung für die Tour de France offenbarte, dass Pascal Ackermann keinen Platz im achtköpfigen Ensemble erhalten würde. Der aktuell beste deutsche Sprinter wird also nicht starten beim Saison-Höhepunkt, was Teamchef Ralph Denk ganz pragmatisch begründete: "Er hat im Moment nicht die Form, um bei der Tour starten zu können."

Bora nimmt stattdessen mit Peter Sagan nur einen seiner ganz schnellen Männer mit, auch wenn der mittlerweile 31-Jährige als nicht mehr ganz so explosiv und damit für Siege prädestiniert gilt, wie noch einst. Immerhin konnte der Slowake, der bereits drei Weltmeistertitel eingeheimst hat, schon insgesamt sieben Mal das Grüne Trikot des Punktbesten bei der Tour gewinnen. Favorit auf dieses Jersey und auf Siege bei den insgesamt acht Flachetappen der Tour 2021 dürften diesmal aber andere sein.

Caleb Ewan (Lotto-Soudal)

Als Caleb Ewan beim Giro d'Italia im Laufe der 8. Etappe an den Straßenrand fuhr und die Rundfahrt aufgab, waren sie in Italien schon ein bisschen angefressen. Zwei Etappen hatte der 26-jährige Australier bis dahin gewonnen, nun unterstellte man ihm, er wolle sich bereits frühzeitig und möglichst störungsfrei auf die Tour de France und damit den nächsten Höhepunkt vorbereiten. Ewan hat schließlich bereits vor der Saison bekannt gegeben, dass sein Saisonziel sei, bei allen drei großen Rundfahrten 2021 Etappensiege einzufahren. Nach seinem Ausstieg in Italien versicherte er aber, Knieprobleme seien der Grund für die Aufgabe gewesen. Dass diese nicht gravierend gewesen sein können, zeigte er kurz darauf bei der Belgien-Rundfahrt, als er einen Tagesabschnitt in gewohnt sicherer Manier gewann. Ob Ewan bei der Tour "nur" auf Tagessiege aus ist oder auch das Grüne Trikot in Angriff nimmt, wird rasch zu sehen sein. Dann, wenn er neben den Massensprints in den Zielorten auch die Zwischensprints unterwegs ernsthaft angehen sollte.

Arnaud Démare (Groupama-FDJ)

Kann endlich einmal wieder ein Franzose in den Kampf ums Grüne Trikot eingreifen? Die einheimischen Fans setzen ihre größten Hoffnungen in dieser Frage auf Arnaud Démare, der 2020 die Punktewertung des Giro d'Italia für sich entschied. Es ist ganz klar: Démare gehört bei den Sprintetappen zu den schnellsten Leuten im Feld. Aber ob er auch das Zeug zum Sieg bei den Punktbesten hat? Bislang fehlte dem 29-Jährigen stets die Tempohärte außerhalb der flachen Etappen. In den Bergen gehört Demare meist zu den Ersten, die abgehängt werden. Und ihm droht eigentlich stets das Überschreiten des Zeitlimits und damit das Ausscheiden. Zuletzt war Demare 2017 und 2018 bei der Tour dabei, als er jeweils eine Etappe gewann. Danach setzte sein Team ganz auf die Gesamtwertung und Thibaut Pinot. Diesmal will man mit einer Doppelspitze ins Rennen gehen.

Wout Van Aert (Jumbo-Visma)

Der 26-jährige Belgier gilt als so etwas wie das Chamäleon unter den besten Radprofis der Welt. Es gibt im Radsport irgendwie nichts, was Van Aert nicht kann: Ursprünglich als Radcrosser groß geworden, dominiert er nunmehr in fast jeder Disziplin des Straßen-Radsports. Die Watt-Zahlen, die er offenbar dauerhaft zu treten in der Lage ist, ließen schon bei der vergangenen Tour erstaunte Fachleute zurück. Van Aert kann, was kein anderer kann: Bei der Tour de France schaffte er es, an einem Tag die Klassementfahrer seiner Jumbo-Equipe durchs Hochgebirge zu eskortieren und am nächsten Tag bei einer Massenankunft den Sprint für sich zu entscheiden. Eigentlich ist er also wie gemacht für den Kampf ums Grüne Trikot. Aber: Jedes scheinbar sichere Ding birgt so seine Tücken. Die Gesundheit zum Beispiel. Und mit der hatte der Belgier in diesem Jahr zu kämpfen: Nach einer Blinddarm-Operation Anfang Mai brauchte Van Aert in den vergangenen Wochen einige Zeit, um wieder in die Nähe seines gewohnten Levels zu kommen.

Sonny Colbrelli (Bahrain Victourious)

Zu einem heißen Kandidaten auf Grün hat sich zuletzt Sonny Colbrelli gemausert. Auch wenn der Italiener bei den ganz flachen Sprints nicht zu den Allerschnellsten gehört, so beeindruckte er in diesem Jahr immer wieder dadurch, dass er auch an bergigeren Tagen noch vorne dabei war, wenn alle Sprinter abgeschüttelt wurden. Das dürfte ihm häufig die Chance geben, Punkte zu sammeln, wenn seine Kontrahenten leer ausgehen. Bei der Dauphiné Anfang Juni beeindruckte der 31-Jährige. Dort gewann er die Punktewertung in überlegener Manier. Colbrelli wird mit seinem Team bemüht sein, die welligen und flachen Etappen so schwer zu gestalten, dass seine Kontrahenten frühzeitig den Anschluss an die Spitze verlieren. Wo er dann halt noch sein will.

Tim Merlier (Alpecin-Fenix)

Wenn Mark Cavendish ehrfürchtig vom "derzeit schnellsten Mann auf der Straße" spricht, sollte man aufmerken. Tim Merlier ist genau dieses Prädikat jüngst vom erfahrenen Mann von der Isle of Man verliehen worden - Cavendish weiß, wovon er spricht. Merlier ist aktuell derjenige, den es zu schlagen gilt, wenn die Sprinter die Ziellinie ins Visier nehmen. Dabei ist der schon 29-Jährige ein klassischer Spätstarter - zumindest im Straßen-Radsport. Wie so viele seiner Landsleute legte Merlier seinen Schwerpunkt jahrelang auf Cyclocross - erst 2019 gelang ihm mit dem Gewinn des belgischen Meistertitels der Durchbruch auch auf Asphalt. Ob Merlier wirklich ein Mann für das Grüne Trikot ist? Es darf bezweifelt werden, schließlich hat sein Team bei der Tour ganz besonders auf Kapitän Mathieu van der Poel zu achten. Tagessiege aber - das ist ganz klar - sind für Merlier allemal drin.

Muss passen: Sam Bennett (Deceuninck-Quickstep)

Der Punktesieger von 2020, der in diesem Jahr sein Grünes Trikot verteidigen wollte, muss bei der aktuellen Tour zuschauen. Der Grund: Bennett zog sich Anfang Januar eine Knieverletzung zu, die ihn zuletzt zu einer Ruhepause zwang. "Es ist eine Patellasehnenverletzung, und wir wissen momentan nicht, ob Sam für die Tour bereit sein wird", hatte sein Teammanager Patrick Lefevere zuvor erklärt. Es reichte für Bennett dann nicht. Für den Iren zog Quickstep seinen Joker aus dem Ärmel: Mark Cavendish. Der mittlerweile 35-Jährige zeigte sich kürzlich bei der Belgien-Rundfahrt in Top-Verfassung und schlug die versammelte Elite der Sprinter. Und dass ein Quickstep-Fahrer am Ende entscheidend in den Kampf ums Grüne Trikot eingreifen wird, garantiert quasi der wichtigste Mann im Schatten der Sieger: Der Däne Michael Morkov gilt derzeit als stärkster Anfahrer der Welt.

Stand: 21.06.2021, 16:09

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