André Greipel: Der Gorilla macht Schluss

André Greipel

Sprinter beendet Karriere

André Greipel: Der Gorilla macht Schluss

Von Michael Ostermann

André Greipel wird seine Karriere als Radprofi zum Ende der Saison beenden. Der "Gorilla" feierte in den vergangenen 17 Jahren 158 Siege und stand doch immer irgendwie im Schatten.

Man wird vermutlich nicht erfahren, was in André Greipel vorgeht, wenn er am Sonntag (18.07.2021) zum letzten Mal seine Runden dreht auf den Champs Élysées in Paris. Über seine Gefühle redet Greipel nicht so gerne, und warum sollte das diesmal anders sein. Einen tränenreichen Abschied von der Tour sollte man jedenfalls nicht erwarten.

Elf Etappensiege bei der Tour

"Ich mache einen Punkt hinter meine Karriere", hatte Greipel am Samstagmittag (17.07.2021) in einer Videobotschaft seines Teams Israel Start Up Nation mitgeteilt, in der er das Ende seiner Karriere als Radprofi zum Saisonende ankündigte. "Ich schaue nicht im Ärger zurück, sondern mit Freude in die Zukunft."

Mit Greipel geht einer der erfolgreichsten deutschen Radprofis in den Ruhestand. In seiner Palmarès finden sich 158 Profisiege, darunter elf Etappensiege bei der Tour de France, sieben Etappensiege beim Giro d'Italia und vier bei der Spanien-Rundfahrt. Das ist eine enorme Bilanz, und doch stand Greipel immer ein wenig im Schatten.

Greipel zum Karriereende: "Das nächste Mal mit dem E-Bike" Sportschau 17.07.2021 02:39 Min. Verfügbar bis 17.07.2022 Das Erste

Aufgestiegen im Untergang des Radsports

17 Jahre als Radprofi werden es für ihn am Ende der Saison gewesen sein. Als er für 2005 beim Team Wiesenhof seinen ersten Profivertrag auf Continental-Ebene erhielt, fieberte die Nation im Sommer noch mit Jan Ullrich. Als Greipel ein Jahr später in dessen Team T-Mobile wechselte, versanken Ullrich und der deutsche Radsport im Dopingsumpf der Fuentes-Affäre.

"Für mich als Radsportler war das keine einfache Zeit. Ich habe immer an das Gute im Athleten geglaubt und musste dann erfahren, dass viele Idole, zu denen man hochgeguckt hat, Fake-Idole waren", erzählte Greipel in der ARD-Doku "Der Tanz des Gorillas".

Es folgten Jahre, bei denen sich auch Greipel während des Trainings als Doper beschimpfen lassen musste, weil sein Sport unter Generalverdacht stand. Auch er hat sich damals gefragt, ob er im Radsport richtig ist: "Aber es hat mich auch noch mal bestätigt, dass ich Ziele mit sauberen Mitteln erreichen kann."

Konkurrenz mit Mark Cavendish

Weil sich das Publikum in Deutschland angewidert vom Radsport abwendete, blieben Greipels erste Erfolge fast unbemerkt. Etwa 2008, als er seine erste Giro-Etappe gewann für das Team HTC-Highroad, den T-Mobile-Nachfolger. Dort sprintete damals auch der Brite Mark Cavendish, der im selben Jahr bei der Tour de France seine ersten Etappensiege feierte.

Es ist bezeichnend, dass Greipel sein Karriereende ankündigt, während Cavendish gerade mit 36 Jahren noch einmal im Grünen Trikot nach Paris fahren wird und dort vielleicht seinen insgesamt 35. Etappensieg einfahren wird. Die Konkurrenz zwischen den beiden ist einer der prägenden Aspekte von Greipels Karriere.

"André gewinnt nur die beschissenen kleinen Rennen", behauptete Cavendish einmal, da fuhren beide noch in einem Team. Wie falsch er damit lag, zeigte sich erst später, als auch Cavendish manchmal in den großen Sprints bei der Tour gegen Greipel das Nachsehen hatte.

"Großartige Reise" mit Lotto-Soudal

Später kam dann Marcel Kittel, der Sonnyboy des deutschen Sprints, dem die Herzen der Fans zuflogen und der gemeinsam mit Tony Martin und John Degenkolb als neue Generation des deutschen Radsports mit einer klaren Anti-Dopinghaltung gefeiert wurde. Greipel, der im Umgang etwas sperriger ist und eine Art von Humor hat, die sich nicht sofort erschließt, nahm das zur Kenntnis. Er lasse lieber seine Beine sprechen, als selbst zu erzählen, sagte er einmal.

"Ich glaube, wenn André sich entscheiden müsste zwischen Cavendishs oder Kittels Weg, er würde sich wieder für seinen Weg entscheiden", sagt Marc Sergeant, der Teamchef von Lotto-Soudal. Für die belgische Équipe hat Greipel seine größten Erfolge gefeiert. "Es war eine großartige Reise mit ihm. Er war der wichtigste Fahrer des Teams in den vergangenen zehn Jahren", sagt Sergeant.

Mit der Kraft des Gorillas

Der Belgier holte Greipel 2011 in seine Mannschaft und gab ihm damit die Chance, auch auf der größtmöglichen Bühne, der Tour de France, zu sprinten. Bei seinem Debüt feierte Greipel in Carmaux seinen ersten Etappensieg, auf den zehn weitere folgten - alle für Lotto-Soudal. "Er ist ein purer Sprinter, immer gerade zur Linie, niemals aggressiv wie andere, weil er niemanden in Gefahr bringen will", sagt Sergeant. "Und als Mensch war er immer freundlich und respektvoll zu jedem."

Wegen seines stämmigen Körperbaus, seiner kraftvollen Art zu sprinten, haben sie Greipel den "Gorilla" getauft. Er hat das zu seinem Markenzeichen gemacht. Aber das gelte nur auf dem Rad, hat Greipel stets betont. Abseits des Rades sei er ein Familienmensch. Er wisse, wo er herkommt und sei immer bodenständig geblieben.

Nicht mehr volles Risiko

In den Sprints bei dieser Tour de France hat Greipel nicht mehr mithalten können. Auch, weil er nicht mehr bereit ist, alles zu riskieren. Am Freitag vor seiner Rücktrittsankündigung ist er 39 Jahre alt geworden. "Mit Sicherheit ist es so, dass man vielleicht nicht mehr so hungrig ist wie am Anfang der Karriere", hat Greipel vor der Tour gesagt. "Man überlegt vielleicht mehr, man bremst vielleicht früher, weil man ja doch ein gewisses Risiko hat in den Sprints."

Sprinter dürfen nicht überlegen, aber ein paar Sprints wird Greipel in den kommenden Monaten noch absolvieren. Am Sonntag noch einmal auf den Champs Élysées, wo er 2015 siegte - dem Jahr, in dem er gleich vier Touretappen gewann. Wenn er verliert, wird man ihn besser nicht ansprechen. Der Ehrgeiz ist ja immer noch da, das Adrenalin auch. Aber dann wird es irgendwann vorbei sein - man wüsste gerne, wie er sich dann fühlen wird.

Stand: 17.07.2021, 16:51

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