Tourstart ohne Maskenpflicht - Brest rüstet sich zum Grand Depart

Fahrer vor dem Start einer Etappe der Tour de France

Tour de France 2021

Tourstart ohne Maskenpflicht - Brest rüstet sich zum Grand Depart

Von Tom Mustroph

Die Tour de France steht kurz bevor. Die Rennställe checken noch einmal das Material. Die letzten Entscheidungen über das Personal werden getroffen. Manch Streit bricht dabei aus, wie etwa bei der Nichtberücksichtigung von Sprinter Pascal Ackermann durch Bora hansgrohe und beim Hin und Her um Altstar Mark Cavendish bei Deceuninck Quick Step.

Auch die Bretagne, Gastgeberregion des Grand Departs am 26. Juni, macht sich bereit. Die Vorfreude ist groß. Denn die Infektionszahlen gehen nach unten. Bei 32 Infektionen pro 100.000 Einwohnern lagen sie in Frankreich letzte Woche, in der Bretagne bei 28.

Rückgang der Corona-Zahlen

"Die Situation entwickelt sich erfreulich, alle Ampeln stehen dank unserer Maßnahmen, aber auch dank des Verantwortungsbewusstseins der Bretonen auf grün", sagte auf einer Pressekonferenz am 18. Juni Stéphane Mulliez, Generaldirektor der regionalen Gesundheitsbehörde ARS.

Im April gab es mit 337 Infektionen in der Bretagne (und mehr als 360 Neuinfektionen landesweit) noch mehr als zehn Mal so viele. Auch der Vergleich zur Tour de France 2020 macht Hoffnung. 58,9 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohnern wurden zum Beginn der Tour 2020 in Nizza Ende August im ganzen Land gezählt, bei 112,8 lag diese Marke bei Tour-Ende. Optimistisch stimmt ARS-Direktor Mulliez zudem die  Zahl der Impfungen. "51Prozent aller Bretonen sind bislang mit mindestens einer Impfdosis geimpft“, sagte er. Die Bretagne ist damit landesweiter Spitzenreiter.

Lockerungen vor dem Tourstart

Deshalb wird gelockert. Seit 17. Juni muss an den Stränden und auf öffentlichen Plätzen in der Bretagne keine Maske mehr getragen werden. Viele Einwohner liefen dennoch weiter mit Mund- und Nasenschutz durch die Stadt. "Man hat sich so sehr daran gewöhnt", sagte eine Passantin dem Lokalblatt Le Telegramme. "Für mich kommt das zu früh. Es sind doch noch nicht alle geimpft. In meiner Familie gibt es vulnerable Personen. Ich will da lieber vorsichtig sein", sagte der 20-jährige Student Serguei.

Wie es die vielen auswärtigen Tour de France-Fans halten werden, lässt sich schwer prognostizieren. "Wir fordern die Fans auf, Abstände zu halten und Zusammenballungen zu vermeiden. Sie sollen kommen, aber sich möglichst auf der gesamten Strecke verteilen und sich nicht an Start und Ziel konzentrieren", sagte ein Sprecher von Tourausrichter ASO der Sportschau.

Maximal 1.000 Personen

Er wies darauf hin, dass es für Veranstaltungen im Freien weiterhin eine Obergrenze von 1.000 Personen gebe. "Auch bei der Teampräsentation dürfen nicht mehr als 1.000 Personen anwesend sein", sagte er.

Das erinnert an die Teampräsentation vor der Tour 2020 im August letzten Jahres in Nizza. Auch damals waren die Zuschauerzahlen am Ort auf 1.000 begrenzt und eine feste Bestuhlung mit Sicherheitsabständen auf der Place Massena installiert.

Wie die Veranstalter die Begrenzung auf 1.000 Zuschauer entlang der Strecke organisieren wollen, ist derzeit unklar. "Wir werden sicherlich nicht hinter jeden Zuschauer einen Gendarmen stellen", meinte trocken Ivan Bouchier, Unterpräfekt der Stadt Brest. Auch er rief die Fans zur Nutzung der gesamten Strecke und nicht nur der klassischen Konzentrationspunkte Start, Ziel und Berge auf.

Die Zufahrt zu den Gipfeln soll immerhin für nicht akkreditierte Autos gesperrt werden. "Die Besucher müssen zu Fuß zu den Gipfeln kommen", betonte ein ASO-Sprecher gegenüber der Sportschau.

Erwartung von Massenszenen

Szenen wie früher am Berg sind dennoch zu erwarten. Bereits beim Giro d’Italia in diesem Mai musste das Peloton durch ganz enge Gassen, die sich erst im letzten Moment öffneten. "Die Zuschauermenge war schon überraschend. Zum Teil standen sie dicht gedrängt", sagte Nikias Arndt, Road Captain des deutschen Rennstalls DSM bei den großen Rundfahrten, der Sportschau. "Ich selbst habe mich nicht unsicher gefühlt", meinte Arndt, und verwies darauf, dass die Begegnungen am Berg nur kurz waren. "Und in den Innenstädten bei Start und Ziel war für ausreichend Abstand zu den Bussen gesorgt. Aber ich würde mir doch wünschen, dass die Zuschauer auch untereinander Abstand hielten", sagte er. Dass die Fans untereinander zum Virusverbreiter werden, wünscht sich wohl niemand im Peloton.

Business as usual bei Peloton und Tourismusmanagern

Für die Profis selbst hat sich wenig verändert. "Sieben Tage und drei Tage vor dem Start machen wir die Coronatests. Fahrer und Betreuer bleiben in den Hygieneblasen", sagte Roger Kluge, als Anfahrer für den derzeit wohl besten Sprinter des Pelotons, Caleb Ewan, für die Tour nominiert, der Sportschau. Die Regelungen bleiben auch deshalb in Kraft, weil aktuell nicht das komplette Peloton geimpft ist. Einzelne Teams wie etwa UAE vom Toursieger Tadej Pogacar impften bereits im Frühjahr. Bei anderen hält man sich an den Flickenteppich der Regelungen der Herkunftsländer.

"Grundsätzlich ist das Team der Ansicht, dass so schnell wie möglich so viele wie möglich geimpft werden sollten. Aber das ist natürlich auch von den Impfstoffen und den verfügbaren Terminen abhängig", erzählt DSM-Profi Arndt der Sportschau. Für Unsicherheit sorgt auch, inwieweit Nebenwirkungen des Impfens die sportliche Leistungsfähigkeit einschränken. "Unsere Regel ist: Drei Tage vor einem Wettkampf sollte man sich nicht impfen lassen", sagt Arndt.

Auch für den Medientross gelten die gewohnten Corona-Regeln. Akkrediert wird nur bei Vorweisen negativer Tests oder abgeschlossener Immunisierung mindestens zwei Wochen vor Anreise.

Tourismusbüro Brest: Tour ein Glücksfall

Nicht geändert hat sich die Perspektive von Tourismusveranstaltern auf den potenziellen Zuschauermagneten Tour de France. "Die Tour ist für uns ein Glücksfall. Die Hotels sind schon länger allein wegen der Teams und des Trosses ausgebucht", sagte Armel Gourvil, Chef des Tourismusbüros Brest. Er verwies darauf, dass in der Vergangenheit die meisten Besucher, die durch die Tour angezogen werden, Erstbesucher der jeweiligen Region seien. Diese Erhöhung des Bekanntheitsgrades erhofft er sich auch jetzt. "Unsere Sommersaison beginnt mit einem Mega-Event, dem größten in ganz Frankreich. Das ist für unsere Branche enorm wichtig, besonders nach den Absagen der großen Events im letzten Jahr", betonte Gourvil.

Sorge vor Virusvariante Delta

Jetzt kommt es darauf an, die Tourismusmaschine mit der Pandemievermeidungsmaschine in eine solche Balance zu bekommen, dass die Öffnung nicht zum Bumerang wird. Sorgen bereitet aktuell vor allem die Verbreitung der ansteckenden Delta-Variante des Virus in der Bretagne. Bei einem Mann wurde diese Variante letzte Woche diagnostiziert, fünf weitere Verdachtsfälle in der Region gebe es, betonte Gesundheitschef Mulliez. Angesichts der erwarteten internationalen Reisenden empfiehlt sich also trotz aufgehobener Maskenpflicht, das Textil dennoch immer wieder über das Gesicht zu stülpen.

Stand: 20.06.2021, 09:54

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