Funk im Radsport: Wenn ein Knopf im Ohr zum Lebensretter wird

Greg van Avermaet

Technik bei der Tour de France

Funk im Radsport: Wenn ein Knopf im Ohr zum Lebensretter wird

Von Tom Mustroph

Der Funkverkehr bei Radrennen war eine Zeitlang schwer verpönt. Kritiker sahen darin ein Instrument, das Rennen noch langweiliger, noch vorhersehbarer, noch fremdgesteuerter zu machen. Im Profialltag wird der Knopf im Ohr aber immer mehr zum Lebensretter. Denn die sportlichen Leiter warnen über den Funk auch vor Gefahrenquellen. Eine Technologie im Bewertungswandel.

Radsport ist ein Mannschaftssport. Das erkennt man nicht nur daran, dass Teammitglieder Rennkleidung in den gleichen Farben tragen.

Ein Radrennen selbst wirkt zuweilen wie ein Match im American Football. Da stehen die Coaches mit Headsets an der Seitenlinie, geben taktische Anweisungen und halten Motivationsansprachen. Im Radsport ist es ähnlich, nur läuft es versteckter ab.

Knopf im Ohr gibt die Richtung vor

Die sportlichen Leiter stecken in den Begleitwagen, in deren Inneres selten der Blick einer TV-Kamera gelangt. Die Profis im Peloton haben aber den Knopf im Ohr – und müssen sich danach richten.

Zuweilen löst dies Frustrationen aus. Remco Evenepoel, das belgische Jahrhunderttalent, riss sich im Mai auf der Schotterstraßenetappe des Giro d’Italia wütend die Hörhilfe aus dem Ohr. "Die Verbindung war sehr schlecht", versuchte er später die Wogen zu glätten.

Er war aber zornig, weil inmitten all des Chaos von hochwirbelndem Staub und durchgeschüttelten Knochen sein Teamkollege Joao Almeida nicht auf ihn gewartet hatte. Almeida wurde dann später zurückgerufen, beide Fahrer verloren viel Zeit, und aus war es mit dem angepeilten Giro-Sieg. Es war ein großes Kommunikationschaos.

Geplapper und echte Hilfen

Tony Martin beim Einzelzeitfahren

Nicht immer sind auch die Anweisungen sinnvoll. "Das kommt ganz auf den sportlichen Leiter an. Es gibt sportliche Leiter, die erzählen dir einen halben Roman und haben dabei nichts gesagt", erzählteTony Martin der Sportschau. Auf welchen seiner vielen sportlichen Leiter in seiner langen Karriere er sich dabei bezieht, lässt er im Ungewissen.

Seinen aktuellen Partner am anderen Ende der Leitung lobt er aber in höchsten Tönen: "Wenn man dagegen einen hat wie Grischa Niermann, der dir vom Auto aus extrem wertvolle Informationen weitergibt, dann ist das wirklich hilfreich und kann für das gesamte Team von Vorteil sein."

Martin ist Road Captain bei Jumbo-Visma, dem Team um Primoz Roglic, einer der beiden Top-Favoriten dieser Tour. Er stellt dabei aber nicht die taktischen Hinweise in den Vordergrund. "Da ist der Instinkt der Fahrer vorn oft wichtiger", meint er.

Hilfreich aber seien die Hinweise, wann eine Gefahrenstelle drohe. "Wann kommt ein Kreisverkehr, wann eine enge Kurve, wann eine Fahrbahnverengung generell. Da muss man rechtzeitig schauen, dass man weit vorn fährt. Und da hilft uns unser Bauchgefühl weniger."

Nur den nächsten Kilometer im Blick

Ähnlich sieht es in Roger Kluge ein weiterer erfahrener Radprofi. "Man hat die Strecke zwar auf seinem Renncomputer. Ich habe das aber meist so weit aufgezoomt, dass ich nur den nächsten Kilometer sehe. Und da sind die Ansagen aus dem Teamfahrzeug wirklich hilfreich", sagt der Berliner zur Sportschau.

Roger Kluge (l) in Antwerpen

Roger Kluge (l.) in Antwerpen

Sogar im Getümmel des Massensprints kann der Funk helfen. "Wenn man sich in der Hektik der Sprintvorbereitung mal verloren hat, kann man über den Funk wieder zusammenfinden", meint der Anfahrer des derzeit schnellsten Sprinters im Peloton, Caleb Ewan.

Weitere sinnvolle Einsatzgebiete für den Funk sieht Kluge in Ausreißergruppen: "Beobachtungen aus dem Teamfahrzeug können da helfen. Welcher der anderen Ausreißer ist schon müde, wer startet gleich eine Attacke."

Funk bedeutet nicht zwangsläufig Langeweile

Und natürlich nehmen die sportlichen Leiter über den Funk auch Einfluss auf das Rennen. "Radsport ist ein Teamsport, da sind alle beteiligt, da fließen alle Informationen zusammen", sagt Nikias Arndt, Road Captain im deutschen Team Sunweb. "Das macht die Rennen dann auch kalkulierter", hat er beobachtet.

Nikias Arndt beim  Giro d'Italia

Nikias Arndt beim Giro d'Italia

Langweiliger werden sie wegen der größeren Informationsdichte aber nicht zwangsläufig. "Zuletzt beim Giro hat man gesehen, dass wieder mehr Fluchtgruppen durchkommen", sagt Arndt. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die aktuelle Rennfahrergeneration nicht mehr so gut im Kopfrechnen ist, um den Abstand zu kalkulieren.

Manchmal bleibt der Funk im Bus

Es gibt aber Situationen, bei denen auch die aktuellen Tour-de-France-Profis auf den Funk gern verzichten. "In den Bergen spürt man jedes Gramm. Wenn ich weiß, heute geht es für mich nur um das Überleben im Gruppetto, dann spare ich mir die 100 bis 200 Gramm Extragewicht mitunter", sagt Kluge.

Und auch wenn man sich in einer Fluchtgruppe befindet, dabei am Ende der Kräfte ist, und der sportliche Leiter nur noch schreit: "Kämpfen, Kämpfen, Kämpfen!" fliegt der Knopf zuweilen aus dem Ohr. "Man kämpft dann ja schon und braucht den Spruch wirklich nicht", sagt Kluge.

Wichtig für die Sicherheit der Fahrer

Komplett auf den Funk verzichten würde aber keiner der drei erfahrenen Profis. Denn die Ansagen über potenzielle Gefahrenquellen auf der Strecke sind für sie essenziell. "Da hat sich leider wenig geändert. Die neuen Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrersicherheit helfen nicht viel", sagt Tony Martin.

Stand: 24.06.2021, 14:00

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