Tour de France: Froomes Rückkehr als Wasserträger

Chris Froome 2021

Viermaliger Toursieger nur Helfer

Tour de France: Froomes Rückkehr als Wasserträger

Von Michael Ostermann (Brest)

Zwei Jahre nach seinem schweren Unfall kehrt der viermalige Gesamtsieger Christopher Froome zur Tour de France zurück. Doch diesmal kämpft der Brite nicht um das Gelbe Trikot, sondern schlüpft in die Rolle des Wasserträgers.

Die Anreise nach Brest zum Grand Départ der Tour de France war für Christopher Froome auch eine Zeitreise. In der bretonischen Hafenstadt hatte er 2008 sein erstes Rendezvous mit dem wichtigsten Radrennen der Welt, das damals ebenfalls in Brest startete. Der Brite war da noch ein kleines Licht in einem zweitklassigen Team namens Barloworld, das dann während der Tour vor allem mit dem Ausschluss des Spaniers Moisés Duena wegen Dopings für Schlagzeilen sorgte.

Mit der Einstellung von 2008

"Ich freue mich riesig auf den Start in Brest, vor allem, weil es in Brest war, wo ich die Tour de France als Neo-Profi 2008 erstmals erlebt habe", erzählte Froome nun auf einer Video-Pressekonferenz vor dem Start der Tour. Die Freude war ihm dabei tatsächlich anzusehen. Bei der Teampräsentation in Brest bekam er dann auch einen Sonderauftritt, als er mit seinem Rad alleine auf die Bühne rollte.

Den warmen Applaus der 1.000 Zuschauer nahm er sichtlich gerührt entgegen, er ist bei solchen Gelegenheiten auch schon ausgebuht worden. Etwa 2019, als er kurz vor dem Start einen umstrittenen Freispruch der WADA erhalten hatte, nachdem er ein halbes Jahr zuvor bei der Spanien-Rundfahrt den Grenzwert für das Asthmamittel Salbutamol fast um das Doppelte überschritten hatte. Doch jetzt sieht das Publikum in ihm vor allem einen Mann, der in Brest quasi wieder von vorne anfängt.

"Komischerweise bin ich mit der gleichen Einstellung wie damals angereist", sagt Froome. Vor 13 Jahren erreichte er als einer von nur vier Fahrern seiner Equipe das Ziel in Paris mit über zwei Stunden Rückstand auf den Gesamtsieger Carlos Sastre aus Spanien. Einen viermaligen Toursieger, als der er nun nach Brest zurückkehrte, dürfte 2008 wohl niemand in dem unscheinbaren jungen Mann erkannt haben. Sein Aufstieg an die Spitze seiner Zunft war eine unwahrscheinliche Geschichte. Mit seiner Rückkehr zur Tour hat nun auch niemand gerechnet.

Dramatische Folgen eines Unfalls

Zwei Jahre lang hat Froome das Rennen nur aus der Distanz verfolgen können, nachdem er 2019 bei der Dauphiné-Rundfahrt fürchterlich stützte. Bei der Besichtigung des Kurses für ein Einzelzeifahren hatte Froome gerade die Hände vom Lenker genommen, um sich die Nase zu putzen, als er von einer Böe erfasst wurde und bei hohem Tempo in einer Mauer krachte.

Zwischen Ländle und Bretagne - zwischen DM und Tour

Tourfunk 21.06.2021 23:07 Min. Verfügbar bis 22.06.2031 ARD


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Ein doppelter Bruch des rechten Oberschenkels, Brüche an Halswirbel, Hüfte und Ellenbogen, ein gebrochenes Brustbein, Lungenkollaps - die Folgen waren dramatisch. Tagelang lag Froome auf der Intensivstation. "Ich bin froh, dass ich lebe", sagte er später und nannte die Rückkehr aufs Rad die größte Herausforderung seiner Karriere.

Der fünfte Toursieg bleibt das Ziel

Acht Monate fuhr Froome nach seinem Unfall keine Rennen, dann stoppte die Corona-Pandemie den Radsport und seine Rückkehr kurz nach seinem Wiedereinstieg ins Geschehen für weitere vier Monate. In die Verfassung wie vor dem Sturz ist der mittlerweile 36 Jahre alte Radprofi seitdem nicht mehr gekommen. Der fünfte Toursieg, der ihn auf eine Stufe mit Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain stellen würde, wird ihm wohl verwehrt bleiben. Auch wenn er selbst noch im Februar im "Guardian" erklärte, dass ihn nichts von jenem fünften Sieg abhalten könne.

Realistisch betrachtet ist Froome davon jedoch sehr weit entfernt und die Zeit läuft gegen ihn, auch wenn er hofft, noch mit 40 Jahren Radrennen zu fahren. Doch während seiner Abwesenheit sind neue, jüngere Hauptdarsteller ins Rampenlicht getreten wie der Toursieger des vergangenen Jahres Tadej Pogacar oder dessen Landsmann Primoz Roglic, die auch in diesem Jahr als die Topfavoriten an den Start in Brest gehen. Nicht einmal mehr in seinem eigenen Team ist Froome die Nummer eins.

Wasserträger bei Israel Start Up Nation

Seit Beginn des Jahres trägt Froome das Trikot der Mannschaft Israel Start Up Nation, nachdem er im Starensemble des Teams Ineos, für das er Jahre lang in die Pedale trat, keine Chance mehr sah, überhaupt noch einmal in die Nähe des Tourkaders zu kommen. Das vom kanadisch-israelischen Milliardär Sylvain Adams finanzierte Team aus Israel erhoffte sich mit der Verpflichtung von Froome besondere Aufmerksamkeit und natürlich auch den Kampf um das Gelbe Trikot.

Für Aufmerksamkeit sorgt Froome nun allein mit seiner Rückkehr nach Brest. Doch die sportlichen Hoffnungen für den Saisonhöhepunkt setzt die Equipe nun auf den Kanadier Michael Woods, 34, der einen siebten Rang bei der Vuelta a Espana 2017, Platz zwei beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich 2018 und zwei Vuelta-Etappensiege als wichtigste Erfolge in seiner Vita stehen hat. In diesem Jahr gewann er eine Etappe der Tour de Romandie und beendete die Tour de Suisse im Juni als Gesamtfünfter.

Für diesen Mann will sich der viermalige Toursieger Froome in den kommenden drei Wochen nun als Wasserträger verdingen. "Man wird mich häufig Flaschen holen sehen", kündigte Froome bereits an - so wie damals 2008. Die Arbeit als Helfer und der Start bei der Tour sind für ihn Teil des Weges zurück zu alter Stärke. "Ich bin sicher, dass der Genesungsprozess jetzt abgeschlossen ist, jetzt geht es darum meine alte Rennform wieder zurückzugewinnen", sagt Froome. "Die Tour de France ist ein Meilenstein auf diesem Weg."

Stand: 25.06.2021, 07:54

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