Bora-hansgrohe: Ein Kapitän, fünf Helfer und zwei Freie

Wilco Kelderman

Tour de France

Bora-hansgrohe: Ein Kapitän, fünf Helfer und zwei Freie

Von Michael Ostermann

Das deutsche World-Tour-Team Bora-hansgrohe peilt bei der Tour de France eine Top-5-Platzierung und einen Etappensieg an. Die Ziele sind nicht neu, doch die Kapitänsrolle übernimmt diesmal ein anderer als Emanuel Buchmann.

Die Tour de France hat für Bora-hansgrohe schon mit Stress begonnen, bevor der erste Kilometer überhaupt gefahren ist. Der Streit um die Nichtberücksichtigung des deutschen Sprinters Pascal Ackermann für den achtköpfigen Tour-Kader hat die Equipe in den Tagen vor der Anreise zum Grand Départ nach Brest in Atem gehalten. Doch der übliche Trubel rund um die Tour dürfte schnell dafür sorgen, dass die Aufregung sich legt.

Niederländer Kelderman als Anführer

Bei der deutschen World-Tour-Equipe sind sie natürlich sowieso der Meinung, dass sie die besten acht Radprofis ausgewählt haben für die Reise nach Frankreich. Angeführt wird die Mannschaft vom Niederländer Wilco Kelderman, der nach dem Willen von Teamchef Ralph Denk einen Platz unter den Top-5 in der Gesamtwertung einfahren soll. Was angesichts der Konkurrenz eine ziemlich ehrgeizige Vorgabe ist.

"Es ist besser, sich hohe Ziele zu setzen, als tiefzustapeln", findet Enrico Poitschke, der als Sportlicher Leiter des Teams die richtige Taktik entwerfen muss, damit die Vorgabe des Teamchefs erreicht werden kann. Dass Kelderman das Zeug dazu hat, in der Gesamtwertung weit vorne zu landen, habe die Dauphiné-Rundfahrt Anfang Juni gezeigt, so Poitschke.

Dort belegte der 30 Jahre alte Radprofi am Ende den vierten Rang in der Gesamtwertung. Allerdings fehlten dort unter anderem die beiden Topfavoriten auf den Toursieg in diesem Jahr, die Slowenen Primoz Roglic und Tadej Pogacar.

Kelderman fährt seit Anfang der Saison für Bora-hansgrohe, nachdem er zuvor vier Jahre für die andere deutsche World-Tour-Equipe, dem Team Sunweb (inzwischen Team DSM), an den Start gegangen war. In der vergangenen Saison beendete er den Giro d'Italia als Gesamtdritter auf dem Podium. Bei der Vuelta a España, der dritten großen Drei-Wochen-Rundfahrt, war Kelderman 2017 schon einmal Vierter.

Zwischen Ländle und Bretagne - zwischen DM und Tour

Tourfunk 21.06.2021 23:07 Min. Verfügbar bis 22.06.2031 ARD


Download

Tempoharte Helfer für die Klassikeretappen

Dazwischen war er immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen worden. Auch sein Start bei Bora-hansgrohe verlief denkbar ungünstig. Im Januar gehörte Kelderman zu einer Gruppe von Fahrern, die während einer Trainingsausfahrt am Gardasee mit einem Auto kollidierte. Ein Wirbelbruch und eine Gehirnerschütterung waren die Folge. Nun aber stimmt die Form. "Er ist auf einem super Niveau", sagt Poitschke.

Kelderman zur Seite steht eine Gruppe von Helfern, die ihn sicher über den Parcours der Tour in diesem Jahr geleiten soll. Bei nur drei Bergankünften und zahlreichen Etappen, die das Profil von Eintagesklassikern aufweisen, wird es auf Fahrer wie den Kölner Nils Politt oder den erst 23 Jahre alten Ide Schelling, wie der Kapitän ein Niederländer, ankommen. Auch die tempoharten Daniel Oss aus Italien und Lukas Pöstlberger aus Österreich werden auf diesem Terrain wichtig. In den Bergen soll dann vor allem der Österreicher Patrick Konrad möglichst lange bei Kelderman bleiben.

Freie Fahrt für Emanuel Buchmann

Emanuel Buchmann bekommt dagegen die Freiheiten, sich selbst zu auszuprobieren. Bora-hansgrohes Tourkapitän in den vergangenen Jahren war diesmal eigentlich gar nicht vorgesehen für den Ausflug nach Frankreich. Die wenigen Bergankünfte plus zwei Zeitfahren mit insgesamt 58 Kilometern Länge kommen Buchmann als zähem Kletterer mit Blick auf die Gesamtwertung nicht entgegen. Deshalb sollte Buchmann beim Giro d'Italia im Mai auf das Podium fahren. Auf dem Weg dorthin stoppte ihn ein Sturz zu Beginn der dritten Woche.

"Er hat sich relativ schnell von den Sturzfolgen erholt und regeneriert", sagt Poitschke. Das Team wollte mit der Tour-Nominierung vor allem auch verhindern, dass Buchmann in ein Loch fällt, nachdem es ihm nun schon zum zweiten Mal in Folge den Saisonhöhepunkt verhagelt hat. Im vergangenen Jahr war er kurz vor der Tour in Topform zu Boden gegangen. Danach war das Ziel Podium in Paris wegen der Verletzungen nicht mehr zu realisieren.

Jetzt darf er in Frankreich befreit auffahren - ganz ohne Erwartungsdruck. "Ich möchte die Tour ohne Druck von Tag zu Tag nehmen, meine Chancen nutzen und offensiv fahren, wenn es möglich ist", sagt Buchmann. Vielleicht könne der 28 Jahre alte Ravensburger in den Bergen so einen Etappensieg einfahren, hofft Enrico Poitschke.

Sagan will nochmal Grün

Ähnlich wie es Lennard Kämna im vergangenen Jahr mit einem beeindruckenden Solo gelang. Der Bremer ist diesmal nicht dabei, nachdem er sich derzeit eine Auszeit gönnt. Körperlich und mental ist der 24 Jahre alte Kämna derzeit nicht in der Verfassung, den Stress bei der Tour de France zu bewältigen.

Ein Tageserfolg bei der Tour de France bleibt eines der Hauptziele auch für Bora-hansgrohe. Peter Sagan kommt dafür ebenfalls in Frage. Der dreimalige Weltmeister aus der Slowakei peilt aber vor allem sein achtes Grünes Trikot an. Der Ire Sam Bennett, der das Maillot Vert im vergangenen Jahr eroberte, ist diesmal wegen einer Verletzung nicht dabei. Doch mit den derzeitigen Wundermännern des Radsports Matthieu van der Poel aus den Niederlanden und Wout Van Aert aus Belgien ist die Konkurrenz auch diesmal sehr groß.

Tourfunk - Teamchef Ralph Denk über Buchmann, Sagan und die Tour

Tourfunk 09.06.2021 51:33 Min. Verfügbar bis 10.06.2031 ARD


Download

Stand: 23.06.2021, 07:45

Darstellung: