Florian Lipowitz - vom Biathlon-Traum zum Rad-Talent

Rad-Nachwuchstalent Florian Lipowitz

Radsport

Florian Lipowitz - vom Biathlon-Traum zum Rad-Talent

Von Florian Kurz

Eigentlich wollte Florian Lipowitz ein Weltklasse-Biathlet werden. Jetzt hat er bei der Tour of the Alps ein bemerkenswertes Profi-Debüt als Radsportler hingelegt.

"Mach bloß keinen Blödsinn. Damit nicht noch einer wegen dir stürzt": Gedanken wie diese gehen Florian Lipowitz durch den Kopf an der Startlinie bei der Tour of the Alps. Seine persönliche Premiere, in einem Wettbewerb gegen absolute Topfahrer bei Profi-Straßenrennen.

Chris Froome ist da, der viermalige Tour-de-France-Sieger. Simon Yates, ehemaliger Gewinner der Vuelta, wie auch der Kolumbianer Nairo Quintana. Echte Weltstars. Und mittendrin ein 20-Jähriger vom kleinen Rennstall Tirol KTM Cycling Team, der vor 13 Monaten noch an keinem richtigen Straßenrennen teilgenommen hatte.

Beim Profi-Debüt gleich bester Deutscher

Florian Lipowitz ist nicht nur dabei, er fährt klasse. Wird als 18. bester Deutscher, ist bei der extrem schweren Rundfahrt durch das Hochgebirge in Österreich und dem italienischen Trentino kaum abzuhängen. In den Alpen-Anstiegen sind auch die Gedanken an die prominenten Konkurrenten schnell vergessen. Dann heißt es bei ihm nur noch: "Verlier nicht das Hinterrad des Vordermanns, bleib dran. Irgendwie."

Lipowitz' Leistung dort hat auch seinen Mitentdecker Dan Lorang nachhaltig beeindruckt. Lorang trainiert beim Team Bora-hansgrohe Stars wie Emanuel Buchmann und Maximilian Schachmann. "Wie konstant Florian alle fünf Etappen gefahren ist, das war wirklich bemerkenswert. Er hat einen großen Motor. Wenn er dranbleibt, hat er wirklich die Möglichkeit später mal für eine World Tour Mannschaft zu fahren", urteilt der erfahrene Leistungsexperte.

Im Biathlon-Nachwuchs-Nationalkader

Dabei hatte der Nachwuchssportler aus Laichingen auf der Schwäbischen Alb vor zwei Jahren noch einen ganz anderen sportlichen Traum - er wollte ein Weltklasse-Biathlet werden. Seine Vorbilder hießen Johannes Thingnes Bö und Martin Fourcade. "Mich fasziniert diese Kombination von Ausdauer und absoluter Präzision". Bis zum deutschen Schülermeistertitel brachte es Lipowitz, gehörte zum Nachwuchs-Nationalkader.

Dann warfen ihn eine langwierige Knieentzündung und anschließend noch ein Kreuzbandriss aus der Bahn. "Eine frustrierende Zeit. Leute, die ich sonst immer im Griff hatte, kamen auf einmal vor mir ins Ziel. Das war ganz schwierig für die Motivation."

Rennrad nur als Ausgleich

Alles war auf den Wintersport ausgerichtet. Mit 14 Jahren zog Florian Lipowitz gemeinsam mit Bruder Philipp nach Österreich, ging aufs Ski-Internat in Stams, der besseren Trainingsbedingungen wegen. Rennrad fuhr der Biathlet damals nur als Ausgleich, um vor allem im Sommer die Ausdauer zu verbessern.

Seine Spezialität werden später die Anstiege im Hochgebirge - je länger, desto besser. Bis vor anderthalb Jahren startete der Nachwuchsfahrer ausschließlich bei Jedermann-Rennen, gern auch gemeinsam mit Vater Marc. 2019 gewann Lipowitz den berühmten Engadiner Radmarathon. 214 Kilometer, 3.800 Höhenmeter. Da war er gerade mal 18 Jahre alt.

Eine schwere Entscheidung

"Die Entscheidung, ganz zum Radfahren zu wechseln, war dennoch nicht einfach. Schließlich hatte ich jahrelang alles in den Biathlonsport investiert."

Und so war es auch ein Biathlon-Event, dass der Sportlerlaufbahn von Florian Lipowitz, die entscheidende Wendung gab. Beim Sommer-Biathlon 2019 in Ruhpolding war zufällig auch Rad- und Triathlon-Trainer Dan Lorang vor Ort. Lipowitz Vater Marc sprach ihn an, die Neugier war schnell geweckt.

Lorang organisierte einen Leistungstest auf dem Rad. Dessen Ergebnisse haben auch den Experten beeindruckt. "So etwas machen wir natürlich nicht ohne Eigennutz. Je nachdem wie Florian sich entwickelt, könnte er vielleicht mal einer für unser Bora-hansgrohe-Team werden".

In der U23-Klasse lernen, Rennen zu gewinnen

Auch auf dem Rad führte der Weg für Lipowitz nach Österreich, zur kleinen Kontinental-Mannschaft Tirol KTM Cycling Team. Ein Sprungbrett für Nachwuchs-Talente.

Für Quereinsteiger Lipowitz gilt es nun, sich in der hektischen Enge eines Profi-Pelotons zurechtzufinden. Schließlich hat der Ex-Biathlet gerade einmal 14 Renntage bei normalen Straßenrennen vorzuweisen, nachdem seine erste Radsaison coronabedingt fast ausschließlich aus Training bestand.

"Auch wenn Florian hohes Potenzial hat, ist es vielleicht ganz gut, wenn er noch ein bis zwei Jahre bei seiner Nachwuchs-Mannschaft bleibt. Dort in der U23-Klasse kann er besser lernen, Rennen zu gewinnen", rät Dan Lorang.

"Kleiner Egan"

Allerdings hat Florian Lipowitz die Rennpremiere gegen absolute Weltklasseprofis bei der Tour of the Alps Appetit gemacht auf eine baldige Wiederholung. "Da ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Schließlich habe ich den Profis, gegen die ich dort gefahren bin, früher immer nur vom Streckenrand zugejubelt, als Fan beim Giro d'Italia oder der Tour de France."

Kein abwegiger Gedanke, dass Quereinsteiger Lipowitz selbst mal diese Rennen fahren wird. Schon jetzt nennen ihn seine Team-Kollegen beim Tirol KTM Team "kleiner Egan", in Anlehnung an Tour-de-France-Sieger Egan Bernal.

Stand: 26.04.2021, 10:57

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