Lefevere gegen Denk - Duell der Mächtigen im Radsport

Grafiken mit Bora-Boss Ralph Denk (l.) und Radsport-Manager Patrick Lefevere (r.)

Neue Methoden im Radsport

Lefevere gegen Denk - Duell der Mächtigen im Radsport

Von Tom Mustroph

Patrick Lefevere, Doyen der Radsportbosse und seit 1979 im Geschäft, wirft Bora-Boss Ralph Denk unfeines Verhalten im Poker um Geld und gute Fahrer vor. Denk hält die Anschuldigungen für falsch und unsinnig zugleich. Das seltsame Duell ist ein Indiz dafür, dass im Radsport Gepflogenheiten aus dem Fußball um sich greifen könnten.

Ihre Fahrer standen bei Mailand - Sanremo nicht ganz vorn an der Rampe. Weltmeister Julian Alaphilippe vom Deceuninck Quick Step-Team Lefeveres, wurde auf der Via Roma nur enttäuschender 16. Bora hansgrohe konnte zwar drei Fahrer in die Top 20 bringen. Die Classicissima-Debütanten Pascal Ackermann und Maximilian Schachmann wurden 20. und 14., Altmeister Peter Sagan holte sich mit Platz 4 eine weitere "Holzmedaille" ab. Mehr war nicht drin.

Ganz vorn an der virtuellen Rampe der Sänger- und Radsportstadt Sanremo drängelten sich währenddessen die Rennstallchefs Patrick Lefevere und Ralph Denk. Den Aufschlag hatte Lefevere gemacht. In belgischen Medien bezichtigte er Denk, ihm seinen Rennstall komplett abkaufen zu wollen.

"Wir trafen uns im Sheraton Hotel in Brüssel. Dort erzählte er mir seine ganze Lebensgeschichte, vom kleinen Fahrradmechaniker zum Manager von Bora. Zwischendrin fragte ich: 'Ralph, das ist alles sehr bewegend. Aber warum sind wir hier?' Der frühere kleine Mechaniker kam dann auf den Punkt und fragte: 'Was ist der Preis für uns, um Deceuninck Quick Step zu übernehmen?'"

Das Ringen um die Supertalente

Als die Sportschau Denk nach dem Zieleinlauf in Sanremo damit konfrontiert, meint der Bora-Chef verärgert: "Das ist ja nur noch lächerlich. Was soll ich denn mit einem zweiten Team? Ich habe schon eins. Und nach UCI-Regularien wäre es auch gar nicht erlaubt, zwei Rennställe zu haben."

Das von Lefevere erwähnte Treffen streitet Denk gar nicht ab. Dabei sei es aber nicht um den Rennstall selbst, sondern um den Radprofi Remco Evenepoel gegangen. Der steht bei Deceuninck Quick Step unter Vertrag, und ist, wenn man den Schwärmereinen in Belgien glauben schenken will, eine Art Mischung aus Tour de France-Jungstar Tadej Pogacar und den Gelände-Helden Wout van Aert und Mathieu van der Poel.

Ging es um Evenepoel - oder gleich ums ganze Team?

Man kann auch sagen, so etwas wie der neue Eddy Merckx - mit dem Unterschied, dass Evenepoel auch noch Fußball spielen kann - gut genug zumindest für die Nachwuchsauswahlteams. "Alle haben Interesse an Remco", meint Denk. "Weil Patrick ihn entdeckt hat und auch einen Vertrag mit ihm hat, bin ich zu ihm gegangen. Ich habe dabei sogar den höflichen Weg eingeschlagen und bin nicht direkt zu Remco gerannt", betont der Rennstallmanager aus Bayern sein, in seinen Augen untadeliges Verhalten. "Patrick hat dann gesagt: Er hat noch keine Sponsoren für nächstes Jahr. Aber er hat eine Option für Remco und für noch andere Rennfahrer. Und die wäre diskutierbar im Falle dessen, dass er kein Team mehr hat."

Denks Erinnerung an das Gespräch zufolge ging es also nicht um den Abkauf eines ganzen Teams. Sollte es Lefevere nicht gelingen, neue Teamsponsoren zu finden, wäre er über jene Fahrer, die vertraglich direkt an ihn gebunden sind, zu einer Art Agent mutiert. Da wäre es um Geld gegangen, möglicherweise aber auch um die Rolle, die der Belgier in solch einem neu zusammengestellten Team spielen mag.

Rennstallfusionen sind kein Neuland

Zusammenschlüsse von Rennställen sind im Profiradsport vor allem dann üblich, wenn dem einen, der eine Lizenz vom Weltradsportverband UCI besitzt, das Geld ausgeht - und jemand anders das Geld hat, aber noch nicht die Lizenz oder nicht die Fahrer. Israel Start Up Nation, der neue Rennstall von Tour de France-Dauersieger Chris Froome entstand so. Sein neuer Boss, der kanadisch-israelische Investor Sylvan Adams, erwarb die Katjuscha-Lizenz, als in Moskau der Ehrgeiz, im Weltradsport eine große Rolle zu spielen, plötzlich erlahmte.

Denk stichelt zurück: "Vielleicht ist er zu alt"

Gewöhnlich laufen solche Gespräche aber ohne Medienpräsenz ab. Im Falle Lefeveres darf man vermuten, dass er mit der Schimpferei seine Geldgeber aus der Deckung locken wollte. "Wie ich gehört habe, hat er inzwischen auch die Sponsoren gefunden, was gut ist. Jeder Sponsor ist gut für den Radsport", meinte Denk.

Als "wenig gentleman-like bezeichnete er den Ausbruch dennoch, und stichelte dann seinerseits: "Vielleicht ist er zu alt."

Agenten, Petrodollars - Radsport auf Spuren des Fußballs

Man könnte die Episode als Hahnenkampf zweier Alphamännchen im Testosteronsport Straßenradsport abtun. Man kann sie aber auch als Hinweis für einen Zeitenwechsel deuten. Lange Zeit wurden Verträge im Radsport noch mit Handschlag geschlossen - und meistens eingehalten. Je mehr Geld ins Spiel kam, desto wichtiger wurde die Rolle der Fahreragenten. Einige von ihnen haben - analog zum Fußball - schnell begriffen, dass sie selbst mehr Geld verdienen können, wenn ihre Fahrer früher wechseln, und diese dann beim neuen Arbeitgeber auch noch ein höheres Salär bekommen.

Druck aus dem Umfeld soll zum Beispiel auch bei der vorzeitigen Vertragsauflösung des Schweizer Supertalents Marc Hirschi mit dem deutschen Rennstall Sunweb, jetzt DSM, eine Rolle gespielt haben. Der Sieger des Halbklassikers Flèche Wallonne fährt jetzt im Team von Toursieger Pogacar. Das wird von Petrodollars aus den Arabischen Emiraten finanziert. Dies ähnelt immer mehr dem Branchengebaren im Fußball. Kurios, dass die aktuelle Episode ein früheres Talent im Kicken betrifft.

Stand: 21.03.2021, 11:45

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