Bernal beim Giro - der lange Weg zurück nach ganz oben

Egan Bernal küsst in Mailand die Trophäe der Giro d'Italia

Giro d'Italia

Bernal beim Giro - der lange Weg zurück nach ganz oben

Von Tom Mustroph

Kann man so machen: Zum ersten Mal fuhr Egan Bernal beim Giro d’Italia mit - und holte sich gleich den Gesamtsieg. Über einen Radprofi, der sich mit Extremen auskennt, und eine Karriere, die mit einem Spendenaufruf begonnen hatte.

Am Ende war es nur noch eine Pflichtübung. Ohne Makel absolvierte Egan Bernal, 24, das abschließende Einzelzeitfahren des Giro d’Italia am Sonntag (30.05.2021) auf einem Stadtkurs in Mailand. Er verlor zwar 30 Sekunden auf den Gesamtzweiten Damiano Caruso - sein Vorsprung aus den vorhergehenden 20 Etappen war aber so groß, dass er schon einige Meter vor dem Zielstrich die aerodynamische Zeitfahrposition verlassen und beide Arme zum Jubel hochreißen konnte.

Es war eine Geste, aber auch eine Demonstration: Bernal hatte den Giro 2021 unter Kontrolle. Bei seinem Triumph zeigte er sein großes Talent, aber auch unterschiedliche Gesichter. In der ersten Woche des Giro war er noch der junge, ungestüme Held. Er stürmte die kurzen steilen Rampen empor und war da bereits Bester der Klassementfahrer.

Ein Held mit vielen Gesichtern

In der zweiten Woche krönte er sich zum König des Giro. Auf der 11. Etappe nach Montalcino, die über mehrere Schotterstraßenabschnitte des Eintagesrennens Strade Bianche führte, nahm er der Konkurrenz entscheidende Zeit ab. Kolumbianische Radsportfans durften das als endgültige Bestätigung für die Seriosität einer Spendenkampagne werten, die Bernal 2014 gestartet hatte. Da war er noch ein Teenager mit einem großen Traum, nur leider war der unbezahlbar.

Unmittelbar vor der Mountainbike-WM in Norwegen hatte Bernal damals über die sozialen Medien um finanzielle Unterstützung gebeten. Er stellte sich als Talent vor, versprach, sein Bestes zu geben, und sagte auch, er habe nicht das Geld für den Flug nach Übersee. Die Kampagne war erfolgreich. Bernal reiste nach Norwegen und wurde Vizeweltmeister bei den Junioren.

Seine damals erworbenen Fähigkeiten auf unbefestigten Straßen legten auch den Grundstein für diesen Girosieg, wie die 11. Etappe belegte. Am gefürchteten Monte Zoncolan war Bernal erneut der Stärkste der Klassementfahrer. Drei Ausreißer retteten sich aber noch vor ihm ins Ziel.

Bernal, der König des Giro

Am Passo Giau schließlich, dem höchsten Punkt dieses Giro, distanzierte Bernal nicht nur den Rivalen in der Gesamtwertung, sondern sammelte auch die letzten Versprengten der Fluchtgruppe des Tages ein. Kurz vor dem Zielstrich zog er sich mit steif gefrorenen Fingern die schwarze Regenjacke aus und geriet dabei kurz ins Schlingern. "Ich wollte im Rosa Trikot über den Zielstrich. Man gewinnt schließlich nicht jeden Tag in rosa eine Etappe. Mir war es egal, ob ich dabei einige Sekunden verliere", sagte Bernal.

Im Kinderzimmer ein Bild von Pantani

Mit dieser Geste fuhr er sich endgültig in die Herzen der italienischen Radsport-Tifosi. Schon zuvor hatten sie ihn wegen seiner intuitiven Attacken mit angefeuert, gerne auch mit "Pantani, Pantani"-Rufen. Bernal, zwei Jahre beim italienischen Klettererteam Androni Giocattoli unter Vertrag und mit der Heldenverehrung von Marco Pantani bestens vertraut, war gerührt. Er erzählte, dass das einzige Radsportbild in seinem Kinderzimmer ein Bild von, na klar, Pantani gewesen war.

In dieser zweiten Giro-Woche hat Bernal die Schatten vertrieben, die sich nach dem traurigen Ausstieg aus der Tour de France im vergangenen Jahr über ihn gelegt hatten. Vom Jahrhundertalent, das mit nur 22 Jahren die Tour de France gewonnen hatte, war er im Vorjahr für jene, die zu schnellen Urteilen neigen, zum Versager geschrumpft.

Ein Rückenleiden mit weitreichenden Folgen

Bernal jedoch arbeitete sich zurück. Als Grund für sein Rückenleiden, das den Ausstieg bei der Tour 2020 verursacht hatte, wurde eine anatomische Besonderheit diagnostiziert. "Eines meiner Beine ist kürzer als das andere", erzählte Bernal. Das führte zu Fehlbelastungen, die sich beim stundenlangen Rollentraining in der Pandemiesaison 2020 noch verstärkten. Mit modifizierten Pedalen und veränderter Sitzposition bekam er dieses Problem in den Griff. So gut, dass er in der zweiten Woche des Giro wie ein Wiedergänger von Eddy Merckx wirkte, den sie einst nur ehrfürchtig "Kannibale" genannt hatten.

Dieses Bild verblasste aber wenige Tage später. Bernal wirkte nun wieder menschlich, er zeigte Schwächen, am deutlichsten auf dem Anstieg nach Sega di Ala. Dort wirkte er nach einer Attacke des Briten Simon Yates angeschlagen. Aber er fing sich, ging sein eigenes Tempo und hielt den Rückstand auf den späteren Gesamtdritten Yates an jenem Tag in Grenzen.

Mal forsch, dann wieder kontrolliert

Bei den letzten beiden Bergetappen des Giro schaltete Bernal dann wieder komplett auf den Kontrollmodus um. Die forschen Sprüche der Tage zuvor waren Makulatur. "Angriff ist die beste Verteidigung", sagte Bernal - und fahr dann in der dritten Woche doch ganz anders, konservativ und kontrolliert. Seine Kraftreserven hatte Bernal nun so gut im Blick wie früher auch die Powermeter-Aficionados der Rennställe Ineos und Sky. Erinnerte Bernal mitten im Giro noch an Merckx und Pantani, so verwandelte er sich in der letzten Woche in ein Lookalike von Bradley Wiggins und Chris Froome.

Bernal ist nun der König des Giro, einer mit vielen Gesichtern. Man darf sich schon auf sein Duelle mit dem Slowenen Tadej Pogacar, dem anderen Jahrhunderttalent, das gerade im Radsport von sich reden macht, freuen. Womöglich schon bei der Spanienrundfahrt in diesem Herbst.

Stand: 30.05.2021, 20:30

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