Die Bahnrad-EM beim Diktator

Bahnrad-WM in Berlin

Europameisterschaft in Minsk

Die Bahnrad-EM beim Diktator

Von Tom Mustroph

15 Monate ist der Bahnrad-Sport nun schon ohne Wettkampf. Demnächst steht endlich die EM auf dem Programm - allerdings in Belarus.

Der Bahnradsport steckt in einem Dilemma. Seit der WM im Februar 2020 in Berlin gab es keinen großen Wettbewerb für die Bahnradsportler. Der nächste wird die EM im Juni sein. "Das sind 15 Monate ohne Wettkampf", sagt Enrico Della Casa der Sportschau. Der Italiener ist Präsident des europäischen Verbands UEC, der die EM ausrichtet.

"Gewalt, Folter und Übergriffe"

Das Problem ist: Sie soll in Minsk stattfinden, in Belarus, im Reich von Alexander Lukaschenko. Wegen der Gewalt der Sicherheitsorgane gegenüber dem eigenen Volk fordert die Belarusische Sport und Solidaritätsstiftung BSSF deshalb eine Absage der EM.

"Belarus kann solange kein Ausrichter für größere internationale Sportveranstaltungen sein, solange Menschenrechte und Menschenwürde dort verletzt werden und die Einwohner Gewalt, Folter und Übergriffen ausgesetzt sind. Ein Sportfest kann nicht abgehalten werden in einem Land, in dem physischer, juristischer und psychischer Terror gegen die eigene Bevölkerung ausgeübt wird", teilt die Vorsitzende der BSSF, Aljaksandra Herassimenja, der Sportschau per E-Mail mit.

Herassimenja ist selbst Sportlerin. Von den Olympischen Spielen in London und Rio de Janeiro kehrte sie mit Silber- und Bronzemedaillen im Schwimmen zurück. Zuvor war sie allerdings auch mit einer zweijährigen Dopingsperre belegt. In ihrer Heimat engagiert sie sich für Neuwahlen.

Die Auszeichnung, ein "Verräter" zu sein

Inzwischen wird sie von den Sicherheitskräften Lukaschenkos verfolgt. "Letzte Woche wurde eine Anzeige erstattet gegen sie und gegen den Direktor der BSSF, Alexandr Apejkin", berichtet Vadim Krivosheev, Radsporttrainer und früherer Leiter des Nationalen Olympischen Zentrums für Radsport in Minsk, der Sportschau.

Krivosheev wertet das als "ein Zeichen dafür, wie sehr wir der Macht die Stimmung verdorben haben, wie sehr wir das Image dieser Regierung im Ausland geschädigt haben. Die ganzen sportlichen Institutionen im Land nennen uns nur noch 'Verräter des Vaterlandes'. Und für mich sind diese zwei Anzeigen die beste Auszeichnung, die man für seine Arbeit bekommen kann."

Verbandsmotto: Augen zu und durch

"Wir sind uns der Lage bewusst und auch nicht glücklich über die Situation. Aber wir haben uns entschieden, an der Ausrichtung der EM festzuhalten", erklärt UEC-Präsident Della Casa. Der Radsportfunktionär verwies dabei vor allem auf die lange wettkampflose Zeit für die Athletinnen und Athleten. "Aktuell ist es schwer, überhaupt Wettkämpfe stattfinden zu lassen. Die Europameisterschaften sind zum gegenwärtigen Stand der einzige größere Wettkampf überhaupt, den es vor Olympia geben kann", sagt er.

Eine Nachfrage der Sportschau beim Bund Deutscher Radfahrer bestätigte dies. Die Sportlerinnen und Sportler wollten den Wettkampf, hieß es aus Reihen des BDR. "Zum jetzigen Zeitpunkt ist bei uns auch noch keine einzige Absage eines nationalen Verbands eingegangen", meint Della Casa.

Boykotte oder nicht?

Vadim Krivosheev berichtet indes über andere Informationen. "Vorletzte Woche haben die Schweizer angekündigt, dass sie die EM eventuell boykottieren würden. Und letzte Woche haben die Österreicher auch einen Boykott angekündigt." Auf Nachfragen der Sportschau erklärt der Österreichische Verband, an der EM teilnehmen zu wollen. Swiss Cycling äußerte sich nicht.

Von Deutschland erhofft sich Krivosheev, in Rio 2016 noch Cheftrainer der Radsport-Olympiamannschaft von Belarus, ein besonderes Engagement: "Ich denke, dass die deutsche Radsport-Delegation eine Lokomotive in dieser Sache sein sollte. Der deutsche Radsport-Verband sollte Initiative zeigen und seine Kandidatur als Gastgeber vorschlagen." Genau eine solche Initiative würde auch dem kritisierten europäischen Verband aus der Bredouille helfen.

Kein Geld für Alternativstandorte

Indes: "Wir haben keinen anderen Ausrichter gefunden. Niemand wollte die Kosten übernehmen", klagt Della Casa. Bahnen gibt es eigentlich genug in Europa. Aber offensichtlich konnte oder wollte kein Staat, kein Verband das Geld auftreiben, das für die Ausrichtung einer Bahn-EM notwendig ist. Della Casa grenzt den Betrag auf "weniger als eine Million Euro" ein.

Alexander Lukaschenko (l.) und sein Sohn Viktor Lukaschenko

Alexander Lukaschenko (l.) und sein Sohn Viktor Lukaschenko

Noch einen Grund gibt es, warum die UEC am Austragungsort Minsk festhält. "Hätten das IOC oder der Internationale Sportgerichtshof CAS das NOK Belarus suspendiert, wie es das mit Russland wegen der Dopingaffäre gemacht hat, hätten gar keine internationalen Wettkämpfe in Belarus stattfinden dürfen. Das IOC hat aber lediglich den neuen NOK-Präsidenten, Alexander Lukaschenko junior, den Sohn des Staatspräsidenten, nicht anerkannt. Dem NOK selbst billigte das IOC aber Fortschritte zu", erklärt Della Casa. Kein Geld für einen Alternativausrichter und die wachsweiche Haltung des IOC sorgen also für Bahnradwettbewerbe in Minsk.

Hoffnung auf Publikum im Velodrom

Dass die Athletinnen und Athleten viel von der Lage im Land mitbekommen werden, ist nicht zu erwarten. Wegen Corona müssen sie sich ohnehin in einer Hygieneblase zwischen Hotel und Wettkampfstätte aufhalten. Doch Della Casa rechnet mit Publikum: "Wir wollen keine Massenveranstaltung, aber etwas Atmosphäre wäre gut. Belarus ist weit fortgeschritten in der Impfkampagne, weiter als Italien zum Beispiel. Und Fußballspiele vor Publikum gibt es bereits. Wir haben das selbst in einem Stadion gesehen."

Bange wird Della Casa aktuell nur bei der Aussicht, dass sich vielleicht Lukaschenko selbst bei der EM zeigen könnte. "Wir wollen die Politik heraushalten. Aber wenn die Politik Sichtbarkeit will, haben wir ein Problem“, gibt der Verbandschef zu.

Die Bahnrad-EM droht so zu einem Tanz auf der Rasierklinge zu werden. Zumal es nicht garantiert ist, dass die Wettkämpfe tatsächlich stattfinden werden. "Noch hat kein Verband zurückgezogen. Aber wenn 15 Verbände absagen, müssen wir uns tatsächlich etwas überlegen", blickt Della Casa in eine extrem ungewisse Zukunft.

Belarus - Diktatur auch im Sport Sportschau 30.08.2020 32:46 Min. Verfügbar bis 30.08.2021 Das Erste

Stand: 22.04.2021, 06:00

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