Premiere - Gebärdensprache beim großen Sportereignis Paralympics

Paralympische Winterspiele - Snowboard

Paralympics

Premiere - Gebärdensprache beim großen Sportereignis Paralympics

Insgesamt acht Dolmetscherinnen und ein Dolmetscher bilden das Team, das in der deutschen Fernsehlandschaft für eine Premiere sorgt: Noch nie gab es Gebärdensprache bei einem großen Sportereignis. Und es ist das erste Mal, dass eine Landesrundfunkanstalt einen solchen Service für die Sportsendungen beider großen Sender produziert.

"Ich stehe noch voll unter Strom", sagt Claudia Lorz, die mit ihrer Kollegin Claudia Oelze im Studio 5 in der MDR-Zentrale steht. Dort werden bis zum 18. März tagsüber Berichte von den Paralympics in Südkorea übersetzt. Die zweite Gebärdensprachdolmetscherin fährt fort: "Am Eröffnungstag der Paralympics habe ich mich schon gefragt, was ich hier mache… Das ist die totale Pionierarbeit für die gehörlosen Menschen. Und wir machen das! Hier in Leipzig, für das ganze Land! Und auch noch für das ZDF." Die gebürtige Sächsin Lorz wirft ein: "Dazu noch die beeindruckenden Emotionen bei der Eröffnung. Das ist unglaublich."

Sportspezialisten seien sie nicht unbedingt, sagen die beiden, als sie in der Maske sitzen. Ihre Kompetenz ist Gebärdensprache, aber schon im Herbst 2017 gab es einen ersten Workshop zu Sportgebärden, unterstützt von der MDR-Sportredaktion. Das Handwerkzeug wurde mit gehörlosen Sportlern im Januar vervollständigt. Oelze erklärt: "Sportberichte sind für Dolmetscher jeder Art überhaupt so eine Sache. Nehmen Sie einen Satz wie: 'Der Skispringer springt aufs Podest.' Dieses Sprachbild sagt dem durchschnittlichen Gehörlosen überhaupt nichts. Ich muss das Bild erklären."

Das ist aber nicht die einzige Hürde. Olelze ergänzt: "Dazu kommt, dass Sportbeiträge neben den vielen Metaphern oft sehr dicht getextet sind. Das ist dann ein hohes bis sehr hohes Sprechtempo, noch höher als Nachrichten." Lorz kennt die Lösung bei diesem Tempo: "Es muss einen Fokus geben, den Du rüberbringst. Denn 100 Prozent zu übersetzen, ist wegen der Metaphern und der Informationsdichte im Sport vollkommen unmöglich." Maskenbildnerin Ina Grahl wirft ein: "Die machen das alles aus dem Stand, ohne jeden Teleprompter." Schon steht Aufnahmeleiterin Susi Kirsten in der Tür - die Arbeit ruft.

Claudia Oelze macht Gebärde

Online auf Sendung für die Paralympics: Claudia Oelze.

Simultanes Dolmetschen ist anstrengend

Anders als bei der Eröffnung geht es nun um die sportlichen Höhepunkte des paralympischen Tages im ZDF-Programm, die die beiden für höreigenschränkte Menschen in Gebärdensprache übersetzen. Das Dolmetschen ist anstrengend. Etwa alle zehn Minuten müssen sie sich vor der Kamera abwechseln. Die Sendeplanung können sie einsehen: Die Beitragstexte aus Pyeongchang stehen da aber nicht drin. Lorz erklärt: "Normalerweise haben wir beim Dolmetschen im Vorfeld mehr Informationen zum Inhalt - unabhängig davon, ob wir nun Nachrichten oder ein Vortrag bei einer Veranstaltung übersetzen. Wir sind aber trotzdem gut vorbereitet. Wir wissen ja, wer die aktuellen Wettkämpfe gewonnen hat. Welcher Sportler in welcher Wettkampfart, ob stehend, sitzend - das Hintergrundwissen brauchen wir auf jeden Fall."

Gebärde für die Paralympics

Vom MDR in Leipzig ins ZDF-Programm: Paralympics mit Gebärdensprache

Maskottchen Bandabi braucht eine Gebärde

Fans mit Maskottchen Bandabi

Fans mit Maskottchen Bandabi

Ob Sportler, Sportart oder anderes - schon im Vorfeld haben sich die Dolmetscherinnen darüber verständigt, wie sie die jeweiligen Namen gebärden werden. Für das Paralympics-Maskottchen Bandabi, ein asiatischer Schwarzbär, gab es bisher keine deutsche Gebärde. Nun haben sie einen Halbmond festgelegt. Oelze kennt das: "Das ist ganz oft so beim Übersetzen. Bei uns unbekannten Personen oder Gegenständen, für die wir noch keine Gebärde kennen, greifen wir gerne auf den Namen zurück. Oder wir finden eine Gebärde, die mit dem äußeren Erscheinungsbild zu tun hat." Lorz fährt fort: "Den Namen mit dem Fingeralphabet zu buchstabieren braucht einfach zu lange. Der Bär hat ein halbmondförmiges Zeichen auf der Brust mit zwei zusätzlichen Sternen. Das macht es für die gehörlosen Zuschauer sofort ersichtlich."

Oelze: "Gehörlose tauschen sich intensiv aus"

Anders als viele denken, gibt es die eine Deutsche Gebärdensprache (DGS) nicht. Gebärdensprache ist individuell, vielfältig und lebt - ganz so, wie Lautsprache. Und trotzdem, sagt die Erfurterin Oelze, sei es wichtig das Fachvokabular für die Zielgruppe kohärent rüberzubringen. Für manche Sportbegriffe haben die MDR-Dolmetscher in den beiden Workshops gemeinsam eine Art visuelles Lexikon erstellt, das derzeit etwa 100 Gebärden umfasst. Das hilft auch gegen die eigene Nervosität, weiß Oelze: "Na ja, als Dolmetscherin sehen mich viele unterschiedliche Gehörlose. Jeder hat seine ganz genaue Vorstellung, wie ich etwas übersetzen soll, von den gebärdensprachlichen Dialekten mal ganz abgesehen. Man steht total im Fokus und die Gehörlosen tauschen sich intensiv über die einzelnen Dolmetscher aus. Sich mit Kollegen auf bestimmte Vokabeln zu verständigen, ist eine Hilfe." Und dann checken die beiden noch auf der Webseite der Sportschau, wie ein gehörloser Dolmetscher das Wort Snowboarden übersetzt. Insgesamt sechs solcher Clips gibt es zu den paralympischen Sportarten. Sie sollen kurz die spezifischen Grundsportarten der Paralympics erläutern - in Gebärden- und Lautsprache sowie mit Untertiteln.

gsh/mkö | Stand: 14.03.2018, 01:50

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