Neven Subotic - der Systemkritiker

Neven Subotic

Bundesliga-Profi über Schmerzmittel im Fußball

Neven Subotic - der Systemkritiker

Von Wigbert Löer, Jonathan Sachse und Hajo Seppelt

Neven Subotic ist einer der Profis, die Einblicke in eine sonst verschlossene Branche gewähren. Der 31-Jährige spricht über Macho-Sätze, die Weitergabe von Druck und den falschen Weg für junge Spieler.

Er wirkt nicht so riesig an diesem Tag im Februar in Berlin, nicht so breitschultrig und kraftstrotzend wie im Fernsehen. Wie der Neven Subotic, der früher in Dortmund nach langem Sprint einen Ball ins Seitenaus grätschte. Der mal auf dem eigenen Auto mit hunderten Fans und lautem Gegröle die Meisterschaft für Borussia feierte.

Der Neven Subotic, der zum Interview mit dem Recherchezentrum Correctiv und der ARD-Dopingredaktion kommt, wirkt ruhig. Interessiert und zugewandt im Gespräch, aber es wird kein Smalltalk.

Zu Beginn der langen Recherche zu Schmerzmitteln im Fußball hatten wir einen Trainer getroffen. Er erzählte aus dem Alltag der Bundesliga. Inzwischen schaut er sich das Geschehen als Rentner an, ein großer Name noch, geachtet für seine Erfolge. Doch als wir ihn fragten, ob er seine Aussagen vor der Kamera wiederholen würde, schüttelte er den Kopf. Er werde bei so einem Thema doch nicht den Ankläger machen, sagte er.

Neven Subotic: "Schmerzmittel sind im Fußball sehr präsent" Sportschau 09.06.2020 03:31 Min. Verfügbar bis 09.06.2021 Das Erste

Lange Karriere im Profifußball

Um hinter die Fassaden des Millionengeschäfts Fußball zu blicken und die Einblicke dann auch veröffentlichen zu können, braucht es keine Ankläger. Tatsächlich aber braucht es ein paar Menschen, denen die Sache wichtiger ist als die Benimmregeln der Branche. Neven Subotic ist so einer.

Er wurde im früheren Jugoslawien geboren, in Banja Luka im heutigen Bosnien und Herzegowina. 1990, im Alter von zwei Jahren, kam er mit seinen Eltern nach Baden-Württemberg. Als dort die Abschiebung drohte, ging die Familie in die USA. Acht Jahre später kehrte er als Fußballprofi zu Mainz 05 zurück.

Mit seinem Trainer Jürgen Klopp wechselte er dann zu Borussia Dortmund, wurde Pokalsieger, zweimal Meister und Liebling der Fans. Kurze Zeit lief der Innenverteidiger auch für den 1. FC Köln auf und in Frankreich für AS Saint-Étienne. Heute spielt er beim 1. FC Union Berlin.

Die #Pillenkick-Recherche

Dieser Artikel ist Teil einer Recherche der ARD-Dopingredaktion und des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv. Die Plattform der Recherche ist die Seite pillenkick.de

Das Projekt enthält:

  • eine große TV-Dokumentation im Ersten ("Hau rein die Pille!", produziert im Auftrag des rbb)
  • ausführliche Texte von Correctiv-Reportern
  • die ausführliche Auswertung der Online-Umfrage zu Schmerzmitteln im deutschen Fußball
  • weitere TV- und Onlinebeiträge
  • Berichte auf den Radiowellen der ARD.

Keine Antwort von den Vereinen

Der hochbezahlte Fußball, in dem sich Neven Subotic recht lange schon behauptet, wird heute mehr denn je als Hochglanzprodukt vermarktet. Die Vereine der Bundesliga steuern die Außendarstellung weitgehend, kreieren Images und versuchen, mithilfe von Kommunikationsprofis den richtigen Spin zu setzen. Es verwundert nicht, dass die Pressestellen der 18 Erstligisten unsere Fragen zum Umgang mit Schmerzmitteln inhaltlich fast ausnahmslos unbeantwortet ließen.

Neven Subotic hingegen berichtet uns ausführlich von seinen Eindrücken. Er hat Zeit mitgebracht. Er selbst, sagt er nach einer Viertelstunde, halte sich außer in Ausnahmefällen komplett fern von Schmerzmitteln.

Schmerzmittel seien "sehr präsent"

Viele andere offenbar nicht. Schmerzmittel hält Subotic im Fußball für "sehr präsent". Er sagt: "Was ich jetzt in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe - Ibuprofen wird wie Smarties verteilt. Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen." Er habe viele Spieler kennengelernt, "die Woche für Woche vor dem Spiel nochmal Schmerzmittel brauchen".

Warum ist das so? Er will spielen, klar, seine Karriere vorantreiben. Ein anderes Motiv sieht Subotic in der Mentalität. "Im Fußball kommen immer wieder diese typischen Macho-Sätze, um den Spielern auch ein schlechtes Gewissen zu geben, wenn sie sich jetzt nicht überwinden und nicht mit Verletzung oder Schmerzmittel spielen", hat der 31-Jährige beobachtet.

Die Sätze, die Spieler von Trainern zuweilen zu hören bekämen, würden variieren. "Es geht los mit: 'Was ist, wenn das das Endspiel ist? Ich brauche Leute, die jedes Spiel so angehen, als wäre es das Endspiel.' Und entweder bist du so einer oder nicht. Das ist natürlich eine sehr schwierige Situation, in die man vor allem auch junge Spieler versetzt."

"Dann wird das mit Schmerzmitteln geregelt"

Ein Profiklub zahlt viel Geld für die Dienste seiner Spieler, Monatsgehälter und Prämien, meistens auch Ablösesummen an Vereine oder Handgelder an die Spieler. Das Interesse, jeden im Kader einsatzfähig zu haben, ist entsprechend groß. Die Profis sollen spielen können. "Und wenn das mit Schmerzmitteln geht, dann geht das halt mit Schmerzmitteln, und dann wird das geregelt", sagt Neven Subotic.

"Auf der anderen Seite hat man auch den Spieler, der auch eine sehr große Motivation hat, seinen Platz nicht zu verlieren und eben so früh wie möglich Leistung zu bringen." Ein Spieler denke sich durchaus schon mal, wenn er dieses Schmerzmittel jetzt nicht nehme, "dann ist das Ganze in Gefahr".

Langfristige Gesundheit in Gefahr

Zudem stehen im professionellen Fußball auch Manager und Trainer unter Erfolgserwartung. Hier wird Subotic grundsätzlich. "Das System, wie es aktuell ist, ist einfach eine Weitergabe von Druck. Der gibt’s auf den nächsten, auf den nächsten, auf den nächsten. Und am Ende ist es der, der den meisten Druck hat, der am meisten dabei zu verlieren hat."

Damit meint Subotic die Gesundheit des Spielers, dessen Fähigkeit, sich auch nach der Profikarriere noch ordentlich bewegen und auch noch Sport treiben zu können. Der Ex-Profi Jochen Kientz, heute Sportlicher Leiter beim Drittligisten Waldhof Mannheim, sagte im Interview für das Projekt Pillenkick, er könne heute nicht mehr einfach so losjoggen. Kientz nahm aufgrund zahlreicher Verletzungen über lange Zeit regelmäßig Schmerzmittel und sagt, das sei damals "schon relativ normal" gewesen. Er spricht von "Arbeitsverletzungen".

"Wenn er eine kurze Karriere haben möchte, dann einfach weiter so"

Neven Subotic sagt, er selbst versuche nach Verletzungen immer, zuerst die komplette Leistungsfähigkeit zurückzugewinnen, nicht nur 90 oder 95 Prozent. Dann erst melde er sich einsatzbereit. Er verzichte darauf, die letzten Prozente mithilfe von Schmerzmitteln zu erreichen. "Wenn ich einen jungen Spieler vor mir hätte, der tatsächlich Schmerzmittel wie Smarties einnimmt, dann würde ich ihm raten, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Vielleicht wirkt das gerade in dem Moment super. Aber sehr wahrscheinlich wird das mittel- und langfristig Folgen haben. Wenn er eine kurze Karriere haben möchte, dann einfach weiter so. Wenn er aber noch mehrere Jahre spielen möchte, und vor allem auch auf die 100 Prozent kommen möchte, dann ist das mit Sicherheit der falsche Weg."

Nach Subotics Erfahrung ist das längst nicht allen Fußballprofis klar. Der Ex-Profi Jonas Hummels sagt im Interview für das Projekt Pillenkick, "eine Bewusstseinsschärfung öffentlich würde wahnsinnig viel Sinn machen". Subotic sieht ebenfalls Bedarf. "Von den Vereinen gibt es nach meinem Wissen keine große Aufklärungsarbeit, weil sie eben auch unter Druck stehen, den Spieler so schnell wie möglich auch fitzukriegen." Man sei wohl erst "ganz am Anfang dieser Reise, dieses Problem dann tatsächlich auch zu beseitigen".

Haben Sie Erfahrungen oder Hinweise zu Medikamentenmissbrauch oder Doping im Fußball? Auf pillenkick.de können Sie sich offen oder anonym an uns wenden.

Stand: 09.06.2020, 07:00

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