Projekt #Pillenkick – der Fußball hat ein Schmerzmittelproblem

Hau rein die Pille

Recherche von der ARD-Dopingredaktion und "Correctiv"

Projekt #Pillenkick – der Fußball hat ein Schmerzmittelproblem

Von Hajo Seppelt, Shea Westhoff, Josef Opfermann und Wigbert Löer

Profis und Amateure erklären, warum sie häufig Schmerztabletten nehmen. Ein Bundesliga-Arzt sagt, dies sei eigentlich Doping. Der DFB-Präsident kündigt eine Reaktion an. Eine Recherche von der ARD-Dopingredaktion und "Correctiv".

Zum Beispiel Dani Schahin, 30. Ausgebildet beim Hamburger SV, dann bei drei Erst- und zwei Zweitligaklubs unter Vertrag und bei drei Vereinen im Ausland. "Wenn man drauf angewiesen ist zu spielen, dann ist es einfach nicht realistisch, ohne Schmerzmittel weiterzumachen", sagt Schahin. "Die letzten drei, vier Jahre ging eigentlich gar nichts mehr ohne Schmerzmittel."

Der Mann, der als Stürmer von Fortuna Düsseldorf bekannt wurde und seine Karriere vergangenen Sommer beendet hat, nahm Tabletten auch "prophylaktisch". Er habe die Spiele "frei angehen" wollen, sagt Schahin, "ohne mir Gedanken zu machen, dass mein Knie jetzt doch anfängt zu schmerzen in der 15. oder 20. Minute".

Zum Beispiel Jonas Hummels. Bruder des BVB-Verteidigers Mats Hummels, bis 2016 bei der SpVgg. Unterhaching, heute 29 Jahre alt und Experte im Fernsehen. "Du kannst mir neun Mal sagen: 'Du nimmst zu viele Schmerzmittel, lass es!' Ich hör’ neun Mal weg", sagt Hummels. Einmal, als klassische Tabletten nicht mehr halfen, ließ er sich sein Knie vor Anpfiff mit vier Spritzen örtlich betäuben.

Geheimsache Doping - "Hau rein die Pille!" Sportschau 09.06.2020 44:14 Min. Verfügbar bis 09.06.2021 Das Erste

"Ibuprofen wird wie Smarties verteilt"

Schmerztabletten im Fußball, die Einnahme regelmäßig und manchmal auch hoch dosiert, vor Spielen und zuweilen auch vor dem Training: Davon erzählten etliche Profi- und Amateurfußballer den Reportern der ARD-Dopingredaktion und des Recherchezentrums Correctiv. Der Bundesliga-Profi Neven Subotic, der lange bei Borussia Dortmund spielte und heute für Union Berlin aufläuft, sagt: "Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe – Ibuprofen wird wie Smarties verteilt."

Tim Göhlert, 35, ist Arzt für Arbeitsmedizin. Als er für den 1. FC Heidenheim in der Zweiten Liga spielte, hatte er sein Medizinstudium bereits hinter sich. Trotzdem nahm er nach eigener Einschätzung im Laufe seiner Karriere "wahrscheinlich zu viele Schmerzmittel". Jochen Kientz, 47, heute Sportlicher Leiter des Drittligisten Waldhof Mannheim, hielt das als Profi ähnlich. "Ich habe es auf jeden Fall übertrieben", sagt Kientz, der in Spanien, beim Hamburger SV, 1860 München und Hansa Rostock spielte. "Das ist Raubbau am Körper, und das schleppt man dann auch die Jahre danach mit."

Die #Pillenkick-Recherche

Dieser Artikel ist Teil einer Recherche der ARD-Dopingredaktion und des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv. Die Plattform der Recherche ist die Seite pillenkick.de

Das Projekt enthält:

  • eine große TV-Dokumentation im Ersten ("Hau rein die Pille!", produziert im Auftrag des rbb)
  • ausführliche Texte von Correctiv-Reportern
  • die ausführliche Auswertung der Online-Umfrage zu Schmerzmitteln im deutschen Fußball
  • weitere TV- und Onlinebeiträge
  • Berichte auf den Radiowellen der ARD.

"Hey Doc, ich brauch ne Ibu"

Der Fußball hat ein Schmerzmittelproblem, das zeigen die Recherchen, für die ARD-Dopingredaktion und Correctiv mit mehr als 100 Protagonisten gesprochen haben. Denn übermäßiger Konsum der Pillen kann das Herz angreifen, die Leber, die Nieren und den Magen. Zudem können Verletzungen mit den Tabletten verschleppt und chronisch werden.

Manche Mannschaftsärzte aus dem Profifußball haben das Problem erkannt. Konstantinos Cafaltzis betreut den Drittligisten Waldhof Mannheim. "Ich habe Spieler erlebt, die gesagt haben: 'Hey Doc, ich brauche eine Ibu'. Wir sind da sehr restriktiv, geben nicht gleich so eine Schmerztablette."

"Dann muss man ihm das abgewöhnen"

Kommt ein Spieler mit solchen Wünschen zu Thomas Frölich, dem Mannschaftsarzt der TSG Hoffenheim, der früher für den VfB Stuttgart arbeitete und seit Jahrzehnten im Profigeschäft ist, bekommt er ebenfalls Gegenwind. Frölich: "Dann ist natürlich die erste Frage: 'Warum? Was hast Du? Weshalb brauchst Du das?' Wenn er dann sagt: 'Das hab ich immer genommen', dann muss man versuchen, ihm das abzugewöhnen."

Allerdings haben die Mannschaftsärzte durchaus nicht das letzte Wort, wenn es darum geht, Spieler einsatzfähig zu machen. Das zeigte sich auf einer Tagung der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main. Dort wurden im Januar 2020 Fußballärzte fortgebildet, einen der Vorträge hielt ein Referent der Berufsgenossenschaft. Der Mann hatte zuvor eine Umfrage unter Trainern und Teamärzten ausgewertet. Das Ergebnis fiel recht eindeutig aus.

Werfen Fußballer Schmerztabletten zu Dopingzwecken ein? Sportschau 09.06.2020 06:23 Min. Verfügbar bis 09.06.2021 Das Erste

"Einfach eine Weitergabe von Druck"

Die Veranstaltung war nicht öffentlich, doch Correctiv und der ARD-Dopingredaktion liegt ein Audiomitschnitt vor. Demnach berichtete der Referent von den "Return-to-competition"-Standards, den Richtlinien für die Rückkehr nach bestimmten Verletzungen. Diese einzuhalten, dazu haben sich die meisten Klubs verpflichtet. Doch der Arbeitsalltag sieht offenbar anders aus.

Bei der Befolgung der Standards sei von den Ärzten als häufigste Probleme angegeben worden, "dass der Spieler bzw. der Trainer diesen Prozess verkürzt haben". Die medizinische Einschätzung der Mannschaftsärzte ist folglich alles andere als bindend. Der Referent: "Der Trainer lacht dann schon auch gerne mal über diese schönen Stufen und Meilensteine und sagt dann: 'Das ist mir doch egal, ich will ihn aber zwei Monate früher zurückhaben.'"

Spieler, die nach Verletzungen schneller als empfohlen wieder auf den Platz sollen oder wollen. Trainer, die sich über ärztliche Expertise hinwegsetzen. Einzelfälle sind das nicht. Der Fußballprofi Neven Subotic spricht von einem System, das "einfach eine Weitergabe von Druck" sei. "Der gibt’s auf den Nächsten, auf den Nächsten, auf den Nächsten. Und am Ende hat der den meisten Druck, der am meisten zu verlieren hat." Er selbst, sagt Subotic, halte sich von Schmerzmitteln außer in Ausnahmefällen komplett fern.

Fast 42 Prozent der Teilnehmer wollen Einfluss auf ihre Leistung nehmen

Das kann man nicht von allen Profis sagen - und auch nicht von allen Amateurspielern. An einer deutschlandweiten Befragung von Correctiv und der ARD-Dopingredaktion zum Thema Schmerzmittelgebrauch beteiligten sich 1142 Fußballer. Das Ergebnis der nicht repräsentativen Online-Erhebung: 47 Prozent der Teilnehmer nehmen mehrmals pro Saison Schmerzmittel, 21 Prozent gar einmal pro Monat oder öfter.

Als Grund gaben sie längst nicht nur die Bekämpfung akuter Schmerzen an. Fast 42 Prozent der Teilnehmer wollen mit den Pillen Einfluss auf ihre Leistung nehmen. Konkret wollen sie die Belastbarkeit erhöhen. Sie wollen an Sicherheit gewinnen und den Kopf frei haben. Einige erklärten in der Befragung auch direkt, ihre Leistung steigern zu wollen.

In Hoffenheim hat der langjährige Bundesliga-Mannschaftsarzt Thomas Frölich eine klare Ansicht zum Gebrauch von Schmerzmitteln. "Wir im Hochleistungssport sagen natürlich, Doping ist nur das, was auf der Liste steht. Aber rein von der grundsätzlichen Definition ist das alles. Alles, was man nimmt, um seine Leistung zu bestärken oder zu verbessern auf nicht natürliche Art und Weise", sagt Frölich.

"Im Endeffekt verdient man Geld"

Der Ex-Profi und heutige Arzt Tim Göhlert klingt im Interview ähnlich nüchtern. "Im Endeffekt verdient man Geld, wenn man am Wochenende Fußball spielt, vor allem im Profibereich. Ein Schmerzmittel kann dazu dienen, dass man die Woche über öfters trainieren kann, noch besser trainieren kann, mit weniger Schmerzen trainieren kann." Demnach helfen die Pillen den Spielern, die gewünschte Leistung zu erreichen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) legt in ihrem Anti-Doping-Code drei Kriterien fest. Ein Mittel gehört auf die Verbotsliste, wenn es dazu beiträgt, "die Leistung zu steigern", es ein "Gesundheitsrisiko darstellt" oder die Einnahme "gegen den Sportsgeist verstößt". Treffen zwei dieser Kriterien auf ein Medikament zu, müsste es laut WADA als im Sport verbotene Substanz gelten.

Für Schmerzmittel allerdings, sagt der WADA-Wissenschaftsdirektor Olivier Rabin im Interview, gelte das nicht. "Es gibt eine allgemeine Sichtweise unserer Experten, dass Schmerzmittel die Leistung nicht steigern. Sie können Leistung wiederherstellen, aber sie steigern die Leistung nicht unbedingt." Die Mittel seien auch nicht riskant, wenn sie nach den Hinweisen der Hersteller genutzt würden.

Dopingforscher sieht Kriterien erfüllt

Der Kölner Dopingforscher Hans Geyer widerspricht der Ansicht der WADA – für ihn ist der Konsum von Schmerzmitteln im Sport Doping. Die Kriterien Leistungssteigerung und Gesundheitsgefährdung seien "auf jeden Fall erfüllt", sagt Geyer, denn: "Man kann bessere Leistungen bringen, als man normalerweise erbringen könnte, wenn man Schmerzmittel nimmt. Und die Nebenwirkungen von Schmerzmitteln können gravierend sein."

Nach seinem Verständnis von Sport, fügt der Wissenschaftler hinzu, widerspreche der Einsatz von Schmerzmitteln auch der Ethik des Sports. "Wenn man nur noch Sport treiben kann, indem man Schmerzmittel oder Medikamente nimmt, dann ist das schon sehr merkwürdig."

"Keine große Aufklärungsarbeit"

Neven Subotic fordert unterdessen Aufklärung, ganz unabhängig von der Frage, ob Schmerzmittel auf der Dopingliste stehen sollten. "Von den Vereinen gibt es da auch nach meinem Wissen keine große Aufklärungsarbeit, weil sie eben auch unter Druck stehen, den Spieler so schnell wie möglich auch fitzukriegen." Jonas Hummels sagt, "so eine Bewusstseinsschärfung öffentlich würde wahnsinnig viel Sinn machen".

Der DFB-Präsident Fritz Keller sah das im Gespräch mit der ARD-Dopingredaktion ähnlich. Als ihm das Ergebnis der Befragung der 1142 vor allem Amateurfußballer gezeigt wurde, zeigte er sich "betroffen" – und kündigte eine Reaktion an: "Da müssen wir unbedingt an unsere Landesverbände gehen und über Trainer eine Sensibilisierung hinkriegen." Der Sport im Amateurbereich, so Deutschlands ranghöchster Fußball-Vertreter, sei "zur Gesunderhaltung gedacht und nicht dafür, dass man sich kaputt macht".

Haben Sie Erfahrungen oder Hinweise zu Medikamentenmissbrauch oder Doping im Fußball? Auf pillenkick.de können Sie sich offen oder anonym an uns wenden.

Stand: 09.06.2020, 07:00

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