Schwarze Jockeys - Amerikas vergessene Sport-Stars

Jockey Kendrick Carmouche

147. Kentucky Derby

Schwarze Jockeys - Amerikas vergessene Sport-Stars

Von Heiko Oldörp

Pferderennen in den USA werden dominiert von weißen oder Latino-Jockeys. Beim wichtigsten Saison-Event, dem Kentucky Derby, startet mit Kendrick Carmouche ein Afroamerikaner. Eine Rarität - dabei haben Schwarze den Sport einst geprägt.

Am liebsten würde Kendrick Carmouche das 147. Kentucky Derby am Samstag (01.05.2021) so angehen wie jedes andere Pferderennen. Doch das geht einfach nicht. Zum einen hat das "Rennen um den Rosenkranz" auf der historischen Bahn von Churchill Downs in Louisville als Amerikas älteste Sportveranstaltung und Höhepunkt der Galoppsaison eine viel zu große Bedeutung. Und zum anderen ist sich der 37-Jährige darüber im Klaren, dass er, ob gewollt oder nicht, ein besonderes Interesse auf sich zieht.

Denn Carmouche ist der erste schwarze Jockey seit 2013 beim Derby. Und er könnte der erste afroamerikanische Sieger nach 119 Jahren werden. Er hoffe, sagt Carmouche, dass seine Geschichte, wie er es als schwarzer Reiter zum Kentucky Derby geschafft habe, Menschen inspiriere. Denn Leute zu begeistern, das habe er schon immer in seiner Karriere gewollt. Seine wichtigste Botschaft lautet: "Es geht nicht um die Hautfarbe, sondern darum, wie erfolgreich du im Leben bist - und wie sehr du darum kämpfen kannst, erfolgreich zu sein."

Carmouches Teilnahme drängt zu Fragen

Kendrick Carmouche gibt dem US-Galopprennsport in diesen Tagen die Gelegenheit, in den Spiegel zu schauen. Und Fragen zu stellen. Wichtige Fragen, wie: Warum sind schwarze Jockeys so selten geworden? Warum ist Carmouche erst der vierte afroamerikanische Reiter beim Kentucky Derby seit 1921? Oder wie es "ESPN" formuliert: "Seine Präsenz beim größten Event des Pferderennens ist eine Erinnerung daran, wie die Branche schwarze Jockeys marginalisiert hat - und zwar bis zu dem Punkt, an dem sie aus dem Sport so gut wie verschwunden sind."

Viele Pferderenn-Fans wüssten nichts vom Vermächtnis der afroamerikanischen Jockeys, die einst die Rennbahnen beherrschten, hieß es bereits im Jahr 2000 in der Tageszeitung "Baltimore Sun". Damals war Marlon St. Julien der erste schwarze Jockey seit 1921 beim Kentucky Derby gewesen.

Erste Jockeys waren Sklaven

Die Geschichte der schwarzen Reiter beginnt Anfang des 17. Jahrhunderts. Sie handelt von Engländern, die ihre Liebe für den Pferdesport mit über den Atlantik in die neue Welt brachten, vor allem in die Südstaaten. Und sie ist auch eine von Sklaven, so wie Simon. Wie viele Sklaven hat er keinen Nachnamen. Simon gewinnt zwischen 1811 und 1815 auf "Haney’s Maria" alle Rennen gegen die Reiter und Pferde des späteren US-Präsidenten Andrew Jackson.

Dieser soll ihm deshalb einst gedroht haben: "Simon, wenn mein Pferd an dir vorbeizieht, dann spucke ihm oder dem Reiter nicht deinen Tabak in die Augen - so, wie du es manchmal machst." Doch Simon ist nicht nur ein schneller Jockey, sondern auch ein schlagfertiger: "Ich bin schon oft gegen Ihre Pferde geritten, Herr General. Aber keines war nah genug an mir dran, um meine Spucke abzubekommen", antwortet er.

Schwarze Reiter dominieren Kentucky-Derby-Premiere

Schwarze Jockeys sind schon weit vor afroamerikanischen Baseballspielern, Football-Profis oder Basketballern fester und sogar prägender Teil des US-Sports. Laut "Baltimore Sun" waren "Tausende von schwarzen Jockeys, eine kleinere Anzahl weißer Jockeys und gelegentlich Boxer unsere ersten Profi-Sportler" gewesen.

Bei der Premiere des Kentucky Derby 1875 sind 13 der 15 Reiter Schwarze - so auch der Sieger, Oliver Lewis. In den Folgejahren triumphieren Afroamerikaner noch 14 Mal. Der bislang letzte Gewinner ist 1902 Jimmy Winkfield. Dass sie anschließend fast komplett verschwinden, hat mehrere Gründe. Die Armut im Süden treibt einige in den Norden. Durch die Wirtschaftskrise Ende der 1920er/Anfang der 30er müssen viele Rennstrecken schließen. Und dann sind da noch Rassentrennung und Rassismus.

Derby-Champion erhält Morddrohungen

Winkfield erhält Morddrohungen vom Ku-Klux-Klan und wird von Konkurrenten in Rennen absichtlich in die Absperrzäune gedrängt. "Weiße Trainer und Pferdebesitzer wurden aufgrund solcher Vorfälle zurückhaltender, wenn es darum ging, schwarze Reiter zu verpflichten", sagt Chris Goodlett, Historiker des Kentucky Derby Museums. Andere Afroamerikaner bekommen schlichtweg keine Lizenzen.

Kendrick Carmouche wächst quasi auf der Rennstrecke auf. Sein Vater Sylvester ist Jockey gewesen - und hat ihm die Liebe zu den Pferden und dem Sport mit allen seinen Tricks und Tücken vermittelt. Als der Sohn 13 Jahre alt ist, setzt Sylvester Carmouche den Junior nicht mehr auf's Shetland-Pony, sondern ab sofort auf ein richtiges Rennpferd. "Im ersten Rennen wurde er unter vier Startern Zweiter und kam mit einem Grinsen zurück, das er seitdem nicht mehr abgelegt hat", erinnert sich Carmouche Senior.

Viele glückliche Tränen bei einem Sieg

Mit 16 erhält Kendrick Carmouche seine Jockey-Lizenz und wird Profi. Seitdem hat er mehr als 3.400 Rennen gewonnen und mehr als 118 Millionen Dollar an Preisgeldern erritten. Mit seinem Hengst "Bourbonic" zählt er beim Kentucky Derby unter den 20 Startern zwar eher zu den Außenseitern, doch niemand solle den Fehler machen, ihn abzuschreiben, so Carmouche.

Und falls er sogar gewinnt und Geschichte schreibt? Carmouche muss kurz überlegen. "Das würde viele Menschen berühren. Es würde viele glückliche Tränen geben."

Stand: 01.05.2021, 20:00

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