Para-Biathletin Anja Wicker: "Ein bisschen was geht da noch"

Anja Wicker startet für den MTV Stuttgart

Para-Wintersport

Para-Biathletin Anja Wicker: "Ein bisschen was geht da noch"

Von Maria Köhler-Thiel

Ein knappes Jahr vor den Paralympics startet das Nordic Paraski Team Deutschland beim Langlauf- und Biathlon-Weltcup im finnischen Vuokatti (Zusammenfassungen in der Sportschau am Wochenende). Dort geht es für Para-Biathletin Anja Wicker auch darum, Defizite aufzudecken.

In einem Jahr beginnen die Paralympics in Peking (4.-13.3.2022). Beim Biathlon-Weltcup in Vuokatti will Anja Wicker, Paralympics-Siegerin 2014 im Biathlon, Defizite aufdecken. Mit einer jüngst überragenden Schießleistung und einem Podestplatz in Planica war die 29-jährige Stuttgarterin auf einem guten Weg. In Finnland (19.-23.03.2021), wo die US-Amerikanerinnen Oksana Masters und Kendall Gretsch nicht starten, können weitere gute Resultate folgen. 

Sportschau: Sie sind zum zweiten Weltcup in diesem Winter im finnischen Vuokatti. Wie geht es Ihnen?

Anja Wicker: Gut. Es ist ein traumhafter Winter, es hat leicht geschneit. Wir waren schon fünf- bis zehnmal hier, allerdings in den letzten drei Jahren nicht mehr. Es ist schön, durch den finnischen Wald zu laufen, sehr idyllisch. Es war ganz nett.

Wie sind die räumlichen Bedingungen vor Ort und wie läuft es mit den Coronatests?

Wicker: Wir wohnen in Apartments, die eigentlich für vier Personen ausgelegt sind. Ich teile es mir mit unserer Physiotherapeutin. Einen ersten Test machten wir daheim, um anreisen zu können. Der PCR-Test darf nicht älter als 72 Stunden sein. Ich war in Stuttgart in einem Testzentrum. Vor Ort sind wir noch in Quarantäne, bis ein negatives Ergebnis vorliegt. Jede Nation hat einen eigenen Aufenthaltsraum mit einem eigenen Buffet. Dann werden wir wohl alle drei Tage getestet. 

Sind Sie schon geimpft?

Wicker: Nein. Ich weiß auch nicht, ob ich das jetzt mitten in der Saison gemacht hätte. Das Risiko, flachzuliegen, wäre mir zu groß gewesen. Sobald das geht, steht das auf dem Plan.

Es wäre ja ärgerlich, wenn man mit einem dicken Arm zum Schießstand müsste - zumal die Schießleistung momentan überragend ist.

Wicker: Ja, das ist ziemlich cool. Ich habe die ganze Zeit über keinen einzigen Fehler geschossen - weder im Training noch im Wettkampf. Das ist mir auch noch nie gelungen. Ich hatte von Anfang an eine richtige Ruhe am Schießstand. Und ich habe es geschafft, am Schießstand nicht nachzudenken (lacht).

In diesem Winter werden zwei Weltcups ausgetragen, nach dem in Planica nun in Vuokatti. Überwiegt die Trauer, dass es nicht mehr sind, oder die Freude, dass es überhaupt Wettkämpfe gibt?

Wicker: Freude, definitiv Freude. Ende November gab es den Nackenschlag, dass alles abgesagt wurde. Es war offen, ob überhaupt etwas stattfindet in diesem Winter. Da hat man gezweifelt. Da war man niedergeschlagen, klar. Wir hätten verstanden, wenn es nicht geht, aber als im neuen Jahr dann die Nachricht kam, dass doch noch zwei Weltcups stattfinden, war da große Freude.

: Anja Wicker startet für den MTV Stuttgart

Warum war die Freude so groß?

Wicker: Das ist schon der Wettkampfaspekt. Wir fangen immerhin im Mai an zu trainieren. Wir haben uns ganz normal vorbereitet und gingen von der WM als Saisonhöhepunkt aus. Man will zeigen, was man drauf hat, was man trainiert hat. Und es ist natürlich die Saison vor den Paralympics: Wenn man noch irgendwelche Defizite aufdecken will, dann sollte das dieses Jahr passieren, sonst ist es zu spät. Deshalb sind Wettkämpfe so wichtig.

Gibt es denn bei Ihnen noch Defizite?

Wicker: Oh, die gibt’s, das hört nie auf. (lacht) Beim Schießen muss ich mich nicht beschweren, da klopfe ich auf Holz. Wenn dann ist das eher die Laufform. Auf der Ebene lag meine Schwachstelle. In den letzten Jahren habe ich da stark an meiner Frequenz gearbeitet und mich verbessert. Ein bisschen was geht da bestimmt noch - zumal die Vorbereitung in diesem Jahr nicht perfekt war. Das waren recht wenige Schneekilometer aufgrund des Lockdowns.

Bei den Paralympics in Pyeongchang gab es einen steilen Hang, wo Sie pro Frequenz etwa zehn Zentimeter vorwärtsgekommen sind. Woher nehmen Sie die Motivation, diese Herausforderung anzunehmen?

Na Gott sei Dank sehe ich mich da nicht selbst hochlaufen. Sonst würde ich mich das wohl auch fragen. Die Motivation ist echt kein Problem. Der Wille ist einfach da, das zu schaffen. Ich sehe die anderen, und dann will ich das auch so machen - möglichst noch schneller oder besser. Es geht darum, es sich selbst zu beweisen - in einer Manier, dass da etwas Gutes herauskommt. Die Motivation ist nie ein Problem.

Mit Merle Menje gibt es eine weitere deutsche Starterin im Sitzschlitten. Inwiefern pusht das?

Merle Marie Menje beim Rollstuhl-Rennen

Auch im Sommersport aktiv: Merle Menje

Wicker: Wir sehen uns bei Lehrgängen einige Tage im Jahr. Da sind schon gemeinsame Trainings möglich. Ich finde es immer schön, wenn noch jemand Weibliches im Schlitten dabei ist. Da passt das Tempo eher. Martin Fleig ist mir da einfach zu schnell. Wir sind mit Merle gerade ähnlich. Ich kann ihr zudem ein paar Tipps geben. Ich hoffe, dass auch sie davon profitieren kann.

Die Zuschauer fehlen. Was hat sich sonst noch im Weltcup-Winter geändert?

Wicker: Nicht viel. Aber mit den anderen Nationen können wir nur über die Entfernung reden. Man kann abschalten und findet andere Themen. Sonst haben wir beim Essen noch geredet und in der Lobby zusammengesessen. Vor allem die Trainer und Betreuer haben sich ausgetauscht. Wir sind dann oft rechtzeitig ins Bett gegangen oder waren eher in der Physiotherapie. Sonst haben wir herumgewitzelt, nun passt man mehr auf. Das ändert sich hoffentlich auch wieder.

Normalerweise stünde nun das Testevent in Peking an. Wie blicken Sie auf die nächsten Paralympics?

Wicker: Das wird spannend. Es war sonst immer gut und wichtig, sich die Umgebung etwas anzugucken. Das war für den Kopf etwas beruhigender. Das wird interessant nächstes Jahr. Da sind wahrscheinlich alle überfordert. Wir waren noch nie da und lassen uns überraschen. Vielleicht bekommt man da ein paar Daten vorher. Das wäre ganz nett. Und wenn nicht, ist das vielleicht auch ganz gut. Wenn die Strecke mir nicht so gut taugt, mache ich mir vorher keinen Kopf.

Nachdem zuletzt Medaillenränge etwas seltener waren, wurden Sie im Biathlon-Sprint Dritte - noch vor der Russin Marta Zainullina. Warum wurden die Ergebnisse wieder besser?

Wicker: Ich habe mich gut vorbereitet und mich in Slowenien besser gefühlt, als ich gedacht habe. Die warmen Bedingungen kamen mir oft nicht entgegen, wenn der Schnee so weich ist. Wenn die Bedingungen passen, kann ich zeigen, was ich drauf habe. Es ist schön zu wissen, dass ich ein Wörtchen mitreden kann. Die ersten Tage sind wir immer mittags gestartet - in der prallen Sonne. Wenn wir morgens starten und es in der Nacht durchgefroren ist, kann ich damit mehr anfangen. Andernfalls muss ich viel nach rechts und links ausgleichen. Da geht es weniger nach vorn. 

Würden Sie sich häufiger Wettbewerbe wünschen, bei denen Parasportler und Wintersportler ohne körperliche Beeinträchtigungen zusammenkommen?

: Anja Wicker startet für den MTV Stuttgart

Wicker: Das ist natürlich schon ein schönes Erlebnis, in einem großen Rahmen zu starten. Das bedeutet dann mehr Zuschauer und mehr Aufmerksamkeit. Manchmal bin ich da aber auch zwiegespalten, ob wir da nicht doch untergehen. Im Vergleich zu anderen Parasportarten kriegen wir im Ersten und im ZDF schon viele Sendeminuten. Immer mal wieder ein gemeinsames Event wäre schön, um da mal hereinzuschnuppern, dass die anderen wissen, dass es uns gibt. Man muss aber auch bedenken, mit den Schlitten können wir nicht überall laufen.

Das Gespräch führte Maria Köhler-Thiel

Stand: 17.03.2021, 16:55

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