Der Mythos der "Goldenen Generation"

Fußball-WM

Der Mythos der "Goldenen Generation"

Von Frank van der Velden

Wie vor jedem großen Turnier macht derzeit ein Begriff die Runde, der einen ein wenig ehrfürchtig werden lässt - oder zumindest neugierig: Die "Goldene Generation". Doch was hat es damit auf sich?

Die belgische Fußball-Nationalmannschaft war vielleicht noch sie so gut besetzt wie jetzt. Stars wie Axel Witsel, Marouane Fellaini, Kevin De Bruyne, Eden Hazard, Romelu Lukaku und Dries Mertens spielen schon seit Jahren zusammen und sind auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Klar, dass Verband und Fans sich Hoffnungen machen. Belgiens "Goldene Generation" gehört als Geheimfavorit zum erweiterten Kreis der Titelkandidaten bei der Fußball-WM 2018 in Russland.

Den Begriff "Goldene Generation" hört und liest man im Zusammenhang mit Belgien in diesen Tagen oft. Er kommt ein wenig schwammig daher. Wie viele Spieler es braucht, um als "golden" durchzugehen, steht nirgendwo. Und sollte Belgien den WM-Titel nicht holen, darf man das Team dann immer noch so bezeichnen? Oder ist das ein Begriff, den nur Sieger verdienen?

Vorreiter Portugal

Offenbar nicht. Zum ersten Mal tauchte der Begriff in Portugal auf. Ende der 1980er Jahre steckte das Land viel Arbeit und viel Geld in den Nachwuchsbereich. Heraus kamen dabei Spieler wie João Pinto, Paulo Sousa, Luís Figo, Rui Costa oder Nuno Gomes. Das Team gewann 1989 und 1991 die U20-WM. Das reichte, um den Begriff der "Goldenen Generation" zu kreieren. Dahinter steckte wohl die Hoffnung, dass Portugals Nachwuchs dann auch im Männerbereich einen Titel nach dem anderen holt - was bekanntlich nicht passierte. Das stets mit Stars gespickte Portugal blieb viele Jahre lang vieles schuldig.

Spanien - drei Titel in Serie

Eine "Goldene Generation", die ihren Namen verdiente, hatte dagegen Spanien. Das Team um Iker Casillas, Sergio Ramos, Andres Iniesta und Xavi wurde Europameister 2008, Weltmeister 2010 und Europameister 2012. Welt- und Europameister in Folge - das gelang auch Frankreich 1998 und 2000.

Und fast wäre das auch Deutschland geglückt, doch das Team von Bundestrainer Joachim Löw scheiterte nach dem WM-Titel 2014 zwei Jahre später bei der EM in Frankreich im Halbfinale. Dennoch hatten auch die Deutschen ihre "Goldene Generation". Phillip Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski beispielsweise spielten schon 2004 gemeinsam in der Nationalmannschaft, sie krönten sich 2014 bei der WM in Brasilien mit dem Titel.

Nicht wenige sehen jetzt schon eine neue "Goldene Generation". Schließlich wurde Deutschland im vergangenen Jahr U21-Europameister und gewann, gespickt mit Spielern aus der zweiten Reihe, den Confed Cup.

In Schönheit gestorben

Viele andere "Goldene Generationen" sind dagegen - wie lange Zeit Portugal - dazu verurteilt, in Schönheit zu sterben. Ein Beispiel ist Tschechien. Das Team um Karel Poborský, Tomáš Rosický, Pavel Nedvěd und Milan Baroš blieb zwischen 1996 und 2004 unvollendet. Oder England, für das es selbst mit David Beckham, Frank Lampard, John Terry, Steven Gerrard und Wayne Rooney nie zu einem Titel reichte.

Inflationär benutzt

"Goldene Generationen" gab es schon immer, nur dass sie früher nicht so genannt wurden. Erinnert sei an die Niederlande, die 1974 und 1978 jeweils nur Vize-Weltmeister wurde, oder an Ungarn bei der WM 1954.

Der Unterschied: Der Begriff wird heute inflationär benutzt. Die Liste der Mannschaften, die angeblich goldenen Glanz versprühen, nur weil sie einige Jahre lang einige Topstars in ihren Reihen hatten, ist lang.

Sogar die Schweiz soll eine "Goldene Generation" haben, nur weil sich das Land vier Mal in Folge für eine WM qualifiziert hat - und Kroatien, weil dort Ivan Rakitic, Luka Modric und Mario Mandzukic auflaufen. Die ersten dichten jetzt schon den Isländern die umstrittene Bezeichnung an. Schließlich habe sich das Team dank guter Jugendarbeit zwei Mal in Folge für ein großes Turnier qualifiziert.

England in den Startlöchern

Nun reklamiert Belgien den Mythos für sich. Das Land mag zwar die besten Fußballer zur WM schicken, die es je hervor gebracht hat, doch ob das zum Titel reicht? Am Ende sind Belgiens Beste dann vielleicht doch nicht stark genug für Spanien oder Brasilien.

Welches Land bei der WM 2022 in Katar die "Goldene Generation" stellt, ist jetzt schon klar. England wurde 2017 U20-Weltmeister, U17-Weltmeister und U19 Europameister und hat damit wahrlich beste Aussichten - jedenfalls auf dem Papier. Der frühere Nationalspieler Gary Lineker ist sich jedenfalls sicher: "Wir haben eine neue goldene Generation." Die muss sich dann in vier Jahren beweisen.

Stand: 05.06.2018, 07:55

Darstellung: