Japan debattiert über die Olympischen Spiele in Tokio

Olympia 2020 in der Kritik

Mediziner warnen

Japan debattiert über die Olympischen Spiele in Tokio

Die Olympischen Sommerspiele in Tokio sollen trotz des weltweiten Infektionsgeschehens stattfinden. Die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, auch ein hochrangiger Politiker aus der Regierungspartei äußert Zweifel und befeuert damit die Debatte.

In einer Fernsehsendung sagte der Generalsekretär der Liberaldemokratischen Partei, Toshiniro Nikai, jüngst dass Japan die Olympischen Sommerspiele zu "einem Erfolg" machen möchte, allerdings noch "viele Probleme zu lösen" seien. Mit Blick auf die Corona-Pandemie stellte der Politiker klar: "Wir müssen ohne zu Zögern absagen, wenn sie nicht länger möglich sind".

Laut einer Umfrage der Nachrichten-Agentur "Kyodo News" sind mittlerweile über zwei Drittel der Japaner und Japanerinnen gegen die Austragung in diesem Sommer. Ganze 39 Prozent sind für eine generelle Absage.

Olympische Spiele sollten Japans Wirtschafts stärken

Dabei haben die Wettkämpfe wirtschaftlich einen großen Stellenwert. Koichi Nakano, Politikprofessor an der Sophia Universität in Tokio, erklärt im Interview mit der Sportschau: "Die Olympischen Spiele haben eine Schlüsselrolle in der generellen ökonomischen Ausrichtung Japans in den letzten acht Jahren". Der Plan: Das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt will mit einer tourismusorientierten Wirtschaftspolitik Ausländer und ausländische Investoren anziehen.

Das Einreiseverbot stoppt das Vorhaben, wodurch wichtige Einnahmen wegfallen. Dadurch habe sich die Stimmung gewandelt, so Prof. Nakano: „Der japanischen Bevölkerung wurden die Spiele lange als günstig, ökonomisch und ökologisch verträglich verkauft. Jetzt, aufgrund der geringeren Einnahmen werden die Menschen fragen, zu welchen Kosten die Spiele stattfinden.”

Ausufernde Kosten stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen

Der japanische Rechnungshof schätzt die Kosten für die Olympischen Spiele – auch durch die Verschiebung auf dieses Jahr – mittlerweile auf mehr als das Vierfache, der ursprünglich kalkulierten 6,1 Milliarden Euro. Die Sommerspiele werden zu einer enormen Belastung für den japanischen Haushalt. Vom Investitionsmotor Olympia scheint wenig übrig geblieben.

Im Schattenreich der Ringe - das IOC und die Menschenrechte Sportschau 02.05.2021 33:38 Min. Verfügbar bis 02.05.2022 Das Erste

Das Land weist die höchste Staatsverschuldung aller Industriestaaten aus. Japans Regierung gerät unter Druck. Denn für einen großen Teil der Bevölkerung stehen die Kosten der Spiele in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen.

Mediziner halten Austragung für schwierig

Im Kampf gegen die Pandemie hat die Regierung aufgrund stark steigender Infektionszahlen erneut den Corona-Notstand ausgerufen - bereits zum dritten Mal. Zusätzlich stockt die Impfkampagne. Nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung haben eine erste Impfung erhalten - der niedrigste Wert unter allen Industriestaaten. Bislang ist in dem eher impfskeptischen Land nur das Vakzin von Biontech/Pfizer zugelassen.

Haruo Ozaki, Chef der Medizinischen Vereinigung Tokios, hält die Austragung für "wirklich schwierig". Auch weil zehntausende Sportler, Trainer und Medienschaffende aus aller Welt an den Spielen beteiligt wären. Kentaro Iwate, Professor für Infektiologie in Kobe, pflichtet ihm bei. "Es geht darum, die Varianten des Virus einzudämmen. Ihre Entstehung lässt sich nicht verhindern, aber man muss sie regional unter Kontrolle bringen, damit sie keine zu große Bedrohung für die Menschen werden", sagt Iwata im Gespräch mit der Sportschau."Die Olympischen Spiele abzuhalten macht genau das Gegenteil. Das ist völlig kontraproduktiv zu der bisherigen Bekämpfung der Virusvarianten.”

Politikwissenschaftler Koichi Nakano glaubt trotzdem an die Austragung: "Die unternehmerische Elite hat das Geld gerochen. Die Medien sind auf den Zug aufgesprungen. Ein Rückzieher erfordert eine Menge Mut."

Den bringt die japanische Regierung wohl eher nicht auf – und das IOC und Thomas Bach haben mehrfach klar gemacht, an der Spielen im Sommer festhalten zu wollen. Mit Blick auf Japans Wirtschaft und die globale Pandemie darf nachgetragen werden: Koste es, was es wolle.

Stand: 01.05.2021, 18:22

Darstellung: