Eklat im Streit um Olympia an Rhein und Ruhr – IOC kritisiert DOSB heftig

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Olympia 2032

Eklat im Streit um Olympia an Rhein und Ruhr – IOC kritisiert DOSB heftig

Von Hajo Seppelt und Nick Butler

Ein vertraulicher Brief des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) dokumentiert die Eskalation eines Streits um die Olympia-Vergabe 2032 - nachdem der DOSB die mangelnde Transparenz des Auswahlverfahrens öffentlich kritisiert hatte. Das IOC zeigt sich ob der Kritik "überrascht und enttäuscht".

Es kriselt zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Das zeigt ein vertraulicher Brief, der der ARD vorliegt. Auslöser ist die plötzliche Ankündigung des IOC im vergangenen Monat, über die Sommerspiele 2032 bevorzugt mit dem australischen Brisbane verhandeln zu wollen. Das hat die sonst so harmonische Beziehung der beiden hochrangigen Sportfunktionäre Thomas Bach, IOC-Präsident, und seinem Nachfolger als Präsident des DOSB, Alfons Hörmann, offenbar belastet.

Denn Bachs Vorgehen stellt einen Bruch dar. Bislang war gängige Praxis, den Gastgeber Olympischer Spiele frühestens sieben Jahre vorher bekanntzugeben. Hörmann hatte behauptet, nur wenige Stunden zuvor vom IOC über dessen Tendenz für den australischen Bewerber benachrichtigt worden zu sein. Bei dem Verfahren gingen "Berechenbarkeit und Transparenz für Außenstehende" verloren, so Hörmann. Sogar Falschaussagen hatte der DOSB-Präsident dem IOC vorgeworfen.

IOC kritisiert "unrichtige öffentliche Äußerungen"

In einem vertraulichen Brief, der der ARD-Dopingredaktion vorliegt, hat Bachs IOC auf Hörmanns Kritik reagiert. "Angesichts der vermehrten unrichtigen öffentlichen Äußerungen sehe ich mich gezwungen, Ihnen heute zu schreiben", heißt es in dem auf den 26. März datierten Schreiben von Kristin Kloster Aasen, Leiterin der zuständigen Kommission zur Vergabe der Sommerspiele 2032. Die Norwegerin wendet sich an den DOSB "einerseits, um meine Überraschung und meine Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen, und andererseits, um angesichts unserer sehr klaren und eindeutigen Gespräche um eine Richtigstellung zu bitten."

Nach Kloster Aasens Darstellung ist der DOSB bereits am 1. November über die theoretischen Änderungen des Vergabeverfahrens informiert worden. Demnach könne ein "offener Dialog" mit jeder Stadt geführt werden, deren Olympia-Bewerbung vom jeweiligen Nationalen Olympischen Komitee des Gastgeberlandes unterstützt wird. Das sei dem DOSB bekannt gewesen, so Kloster Aasen. Und dennoch habe Hörmann mit einer offiziellen Unterstützung für Olympia 2032 an Rhein und Ruhr gewartet, um unter anderem den Ausgang der für den September geplanten Bürgerbefragung abzuwarten.  In zwei weiteren Videokonferenzen im Januar sei der neuartige Vergabeprozess besprochen worden, heißt es in dem Schreiben an Hörmann weiter. Bereits im Februar vergangenen Jahres habe Hörmann erstmals mit Bach persönlich über den neuen Prozess gesprochen.

Und trotzdem hatte der DOSB-Präsident behauptet, von der Quasi-Entscheidung für Brisbane überrumpelt worden zu sein. "Wir haben erst Stunden vorher in einem Bericht davon erfahren", sagte er kurze Zeit nach der Ankündigung. Deshalb hätte auch ein früherer Eintritt in Gespräche mit dem IOC über eine Bewerbung "nach unseren Erkenntnissen definitiv zu keiner anderen Vorgehensweise oder Entscheidung aufseiten des IOC geführt", hieß es weiter.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet warf dem DOSB daraufhin im vergangenen Monat vor, "kein Gespür" dafür zu haben "was sich im IOC" tue.

"Ich muss Sie um Klarstellung bitten"

Kloster Aasen besteht darauf, dass das IOC stets "klar und deutlich" in den Gesprächen gewesen sei und dass sie selbst Hörmann bereits im Januar informiert habe, dass das IOC für 2032 in naher Zukunft in den "gezielten Dialog" gehen werde. "Ich muss Sie um Klarstellung bitten und darum, sicherzustellen, dass die Fehlinformationen aufhören. Nur so können wir in gutem Glauben zum Geiste einer guten Zusammenarbeit zurückfinden", schließt sie den Brief.

Der DOSB lehnte auf Nachfrage der ARD einen Kommentar zu dem Brief ab und erklärte, er werde "Inhalte vertraulicher Korrespondenz weder veröffentlichen noch kommentieren".

Eine Kopie des Briefes hat auch Thomas Bach erhalten, der notorisch feindselig auf Kritik am IOC reagiert. Und trotz seiner unangefochtenen Wiederwahl, die ihm eine zweite Amtszeit von vier Jahren bescherte, dürfte Bach nicht erfreut sein: Denn die Kritik an seinem Verhalten nimmt in seinem Heimatland zu.

Es war Bach, der die Veränderungen im Vergabeprozess vorangetrieben hat, nachdem die deutschen Olympiabewerbungen für die Winterspiele 2022 in München und für die Sommerspiele 2024 in Hamburg per Referendum gescheitert waren. Seitdem hat das IOC zunehmend hinter verschlossenen Türen über künftige Olympia-Gastgeber verhandelt, weil dies möglichen Bewerbern Kosten spare und unpolitischer sei. Offenbar führt das aber auch zu weniger Möglichkeiten für demokratische Kontrolle im Vergabeprozess. Hinzu kommt: Öffentlicher Widerstand ist so weniger zu befürchten.  

In Deutschland teilen viele Sportler und Funktionäre die kritische Haltung zum geschlossenen Verfahren des DOSB offenkundig. Max Hartung, Vorsitzender des Vereins Athleten Deutschland, hatte die Vorentscheidung für Brisbane als nicht nachvollziehbar kritisiert. Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, hatte gar gerügt, das Verfahren sei "an Intransparenz kaum noch zu überbieten".

Stand: 31.03.2021, 14:36

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