Praktikum statt Planche für Max Hartung

Fechter Max Hartung

Tokio 2020: "Heute wäre mein großer Tag gewesen"

Praktikum statt Planche für Max Hartung

Von Anke Feller

Eigentlich wäre Fechter Max Hartung einer der Ersten gewesen, die sich in diesen Tagen in Tokio einen Traum erfüllt hätten. In der Serie "Heute wäre mein großer Tag gewesen" stellen wir jeden Tag einen der Stars vor, die in Tokio um Medaillen kämpfen wollen.

Nach London und Rio de Janeiro wäre es seine dritte und vermutlich auch letzte Olympiateilnahme gewesen. Doch dann kam die Corona-Pandemie, und das IOC verschob die Spiele ins kommende Jahr. Drei Tage zuvor hatte der Welt- und Europameister im Säbelfechten bekannt gegeben, dass er, obwohl er bereits qualifiziert war, nicht an den Sommerspielen teilnehmen werde.

Social Distancing auf der einen Seite und eine Olympiavorbereitung mit einem großen Trainer- und Betreuer-Stab auf der anderen: Für ihn war das nicht zu vereinen. Statt zweimal täglich trainierte Max Hartung nur noch einmal pro Tag und hatte auf einmal Zeit.

Praktikum statt Planche für Max Hartung

Sportschau 25.07.2020 02:16 Min. Verfügbar bis 25.07.2021 ARD Von Anke Feller

Berufliche Weiterbildung aus Langeweile

"Mich hat die Langeweile aus dem Haus getrieben." Zwar arbeitet er nach wie vor für den Verein "Athleten Deutschland", dessen Präsident und Gründungsmitglied er ist, und kämpft engagiert für die Rechte der Sportler. Aktuell fordert der Verein mehr Teilhabe und eine größere Transparenz bei der Planung der Sommerspiele im kommenden Jahr.

Da die Geschäftsstelle des Vereins aber in Berlin ist, kann sich Hartung von seinem Wohnort in Köln aus nur limitiert einbringen. Deshalb wendete sich der 30-Jährige im Frühjahr an den Geschäftsführer der Sportstiftung NRW, Jürgen Brüggemann, um sich beruflich weiterzubilden. Nach seinem Bachelor in Soziologie, Politik und Wirtschaft, den Erfahrungen bei der Gründung des Vereins "Athleten Deutschland" und seiner Arbeit im Aufsichtsrat der Stiftung "Deutsche Sporthilfe" wollte Hartung die Arbeitsweise einer Landesstiftung kennenlernen.

Vierfacher Europameister als Praktikant

Seit Anfang Juni absolviert der Säbelfechter ein Praktikum in der Geschäftsstelle der Stiftung. Dreimal pro Woche, immer montags, mittwochs und freitags, geht es für ihn nach dem morgendlichen Athletiktraining auf der Jahnwiese neben dem Kölner Stadion mit seinem Athletiktrainer nur ein paar Schritte weiter in die Räume der Sportstiftung NRW am Sportpark in Müngersdorf.

Der deutsche Athletensprecher Max Hartung

Der deutsche Athletensprecher Max Hartung

Geschäftsführer Brüggemann ist begeistert von seinem neuen Praktikanten: "Er ist klar strukturiert, verfolgt seine Ziele, weiß was er will, erkennt schnell Zusammenhänge, aber bleibt trotzdem ruhig und gelassen. Er beeindruckt mich wirklich." Auf der Geschäftsstelle durchläuft Hartung sämtliche Abteilungen, die fünf Mitarbeiter nehmen sich Zeit, um ihre Arbeitsbereiche zu erläutern. Und Max Hartung fragt nach und gibt Denkanstöße.

Die "Unternehmensberatung" Max Hartung

"Es hat gar nicht lange gedauert, da haben wir einen mehrtägigen Workshop abgehalten, den Max geplant und mit durchgeführt hat," sagt Brüggemann. "Er ist wie eine Unternehmensberatung, die sich hier reinsetzt und schaut, wie es funktioniert." Vor allem über Input zu den speziellen Bedürfnissen der Sportlerinnen und Sportler freut sich der Geschäftsführer der Sportstiftung NRW sehr.

Ende Juli endet das zweimonatige Praktikum. Dann steht für Hartung ein kurzer Urlaub auf dem Programm, bevor er in die intensive Vorbereitung auf Tokio 2021 einsteigt. Im Herbst will der Säbelfechter mit einem Masterstudiengang an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg beginnen, wenn die monatlich stattfindenden Weltcup-Turniere nicht wieder aufgenommen werden und die damit verbundene Reiserei entfällt.

Jonglieren mit sechs Bällen

"Diese Unsicherheit ist jetzt erstmal da, die akzeptiere ich, und versuche für alle Eventualitäten Pläne zu machen. Das fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich mit fünf oder sechs Bällen jonglieren und hoffen, dass am Ende einer oder zwei da ankommen, wo sie sollen."

Ob die Olympischen Sommerspiele in Tokio im kommenden Jahr stattfinden werden? Max Hartung ist skeptisch: "Ich schaue nach vorne und versuche, meine Energie in andere Bahnen zu lenken und mich auf das zu konzentrieren, was ich auch beeinflussen kann."

Olympia-Traum während Corona - Max Hartung hält sich bereit Sportschau 02.05.2020 05:03 Min. Verfügbar bis 03.05.2021 Das Erste

Stand: 24.07.2020, 08:00

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