Olympia-Bewerbung - NRW steht vor einem Scherbenhaufen

Die Olympischen Ringe zur Olympia-Bewerbung von NRW 2032

IOC empfiehlt Brisbane

Olympia-Bewerbung - NRW steht vor einem Scherbenhaufen

Von Robert Kempe

Eine Olympia-Bewerbung von "Rhein Ruhr City 2032" ist so gut wie vorbei. Am Mittwoch (24.02.21) verkündete das Internationale Olympische Komitee, mit Brisbane und der Region Queensland in einen "gezielten Dialog" zu gehen. Heißt: Die australische Bewerbung wird, wenn alle Formalitäten erledigt und die notwendigen Garantien von der australischen Politik abgegeben sind, sicher Austragungsort der Spiele in elf Jahren.

In Nordrhein-Westfalen sind die Köpfe des Olympiabegehrens damit düpiert: CDU-Ministerpräsident Armin Laschet fühlte sich zuletzt auf einem guten Weg, erklärte noch einen Tag vor der IOC-Bekanntgabe auf einer Pressekonferenz, dass Rhein-Ruhr "in Bälde offizieller Bewerber der Bundesrepublik für die Olympischen Spiele" werden könnte.

Michael Mronz, der Initiator von "Rhein Ruhr City 2032" und FDP-Mitglied wie auch IOC-Präsident Thomas Bach, erklärt nun, von der Entscheidung des IOC überrascht zu sein, während Alfons Hörmann interessanterweise zu einer gänzlich anderen Einschätzung kommt. Der DOSB-Präsident, und damit höchster Sportfunktionär Deutschlands, zeigte sich zwar enttäuscht über den Zeitpunkt der Bekanntgabe, sagte aber auch, dass für ihn die Auswahl von Queensland "nicht ganz überraschend" komme. Es wirkt schon jetzt wie das nächste deutsche Olympiabewerbungs-Debakel.

Entscheidung über Vergabe schon im Juli?

Während sich zumindest der organisierte Sport in Australien feiert: Einstimmig, so verkündete Bach am Mittwoch, habe der IOC-Vorstand die Empfehlung der sogenannten "Future Host Commission" angenommen. Deren Vorsitzende Kristin Kloster Aasen begründete die Entscheidung für Brisbane unter anderem mit einem "sehr fortschrittlichen Konzept", einem "großen Erfahrungsschatz im Austragen von Großereignissen" und starker politischer Unterstützung. Ein Kommissions-Bericht wurde bisher noch nicht veröffentlicht.

In der Tat aber war Queensland umtriebig: 2018 veranstaltete die Region die Commonwealth Games, an denen gut 4.500 Athleten teilnahmen. 2019 beheimatete man den Branchentreff Sportaccord, einen Gipfel des Olympischen Kosmos. Sollte der vom IOC-Vorstand nun beauftragte "gezielte Dialog" reibungsfrei verlaufen, könnten die Spiele in Queensland auf einer der nächsten Sessionen den IOC-Mitgliedern schon zur Abstimmung vorgelegt werden. Wohl noch nicht in zwei Wochen, wenn Thomas Bach als IOC-Präsident wiedergewählt wird. Doch bereits die Session im Juli vor Beginn möglicher Sommerspiele in Tokio ist ein denkbares Szenario.

Modifiziertes Bewerbungsverfahren

Möglich wird dies überhaupt erst dadurch, dass das IOC in den letzten Jahren sein Bewerbungsverfahren modifizierte. Nicht zuletzt nachdem zahlreiche Interessenten von Olympia Abstand genommen haben. So stiegen allein in den letzten acht Jahren 15 Städte aus dem Rennen um die Spiele aus. 2019 verabschiedete das IOC auf der Session in Lausanne das neue Vergabeverfahren für die Spiele. Kernelement sind zwei sogenannte "Future Host Commissions" - eine zuständig für den Sommer, die andere für den Winter. Offener und flexibler - so soll es wirken. Die Regel, nach der früher Spiele gut sieben Jahre vor Ausrichtung vergeben wurden, ist damit hinfällig: Was 2017 bei der Vergabe der Spiele an Los Angeles für 2028 eine Ausnahme war, kann damit nun zum Regelfall werden. Die frühe Festlegung auf Queensland beschrieb Bach am Mittwoch als "eine Entscheidung zu Gunsten einer interessierten Partei in diesem Moment in einer Zeit".

Keine Rolle bei der Entscheidung soll laut Bach in diesem Moment der Zeit der Australier John Coates gespielt haben. Coates ist IOC-Vizepräsident, Präsident des Internationalen Sportgerichtshofs CAS, Chef des australischen Nationalen Olympischen Komitees und war maßgeblich an der Neugestaltung des Vergabeverfahrens beteiligt - eben jenem Verfahren, dass nun Australien zum nahezu sicheren Ausrichter 2032 macht. An "keiner Art von Diskussion der IOC-Exekutivsitzung" habe John Coates teilgenommen, "die Berichte der Future Host Commission oder einen direkten oder indirekten Bezug zu den Olympischen Spielen betraf", erklärte Bach über genau die IOC-Exekutive, der der Australier Coates mit Unterbrechungen seit 2009 angehört.

Kloster Aasen nennt brisantes Detail

Am neuen Vergabeverfahren lässt sich kaum etwas nachprüfen, vieles ist intransparent. So merkte die Vorsitzende der "Future Host Commission", Kloster Aasen, an, dass auch über die Gespräche mit den deutschen Interessenten keine vertiefende Auskunft gegeben werde - und nannte in der Pressekonferenz dennoch ein brisantes Detail: Ihr zufolge habe sich der Deutsche Olympische Sportbund entschieden, im Februar nicht in einen weiteren Dialogprozess über die Austragung der Spiele eintreten zu wollen. Fakt ist, dass nur der Deutsche Olympische Sportbund sich für Olympische Spiele in Deutschland bewerben kann, und nicht etwa eine Privatinitiative wie "Rhein Ruhr City 2032".

Das wirft die Frage auf: Hat der DOSB seine Entscheidung an Armin Laschet und die Initiative um Michael Mronz nicht kommuniziert? Immerhin präsentierte sich der Ministerpräsident ja noch einen Tag vor der IOC-Bekanntgabe öffentlich zuversichtlich bezüglich der Chancen NRWs. Auf konkrete Fragen der Sportschau antwortete die NRW-Staatskanzlei am Donnerstag (25.02.21) nicht, teilte lediglich allgemein mit, die Gespräche zum Bewerbungsprozess fortzusetzen, am Freitag wolle man mit den beteiligten Kommunen die aktuellen Entwicklungen bewerten. Offen lässt das Land dabei, welche Chancen noch gesehen werden, wenn der Veranstalter der Spiele, das IOC, sich entschieden hat, nur noch mit einem anderen Kandidaten Gespräche zu führen - und auch der DOSB den Hut offiziell erst gar nicht für 2032 in den Ring geworfen hat.

Die Initiative um Rhein Ruhr teilte mit, eine offizielle Anfrage von Seiten des IOC an den DOSB sei ihnen "nicht bekannt". Was wiederum verwundert, wenn eben jener DOSB auf Sportschau-Anfrage schreibt, alle Schritte mit der Initiative "Rhein-Ruhr" abgestimmt zu haben und Michael Mronz "im ständigen Kontakt mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung" gestanden habe.

Massiver Klärungsbedarf

Weiter führt der Dachverband aus, dass das IOC erstmals in einer Videokonferenz zu Beginn des Jahres die Option einer möglicherweise kurzfristigen Entscheidungsfindung für 2032 thematisiert habe und im Nachgang sowohl der DOSB als auch "Rhein Ruhr City 2032" den gemeinsam entwickelten Zeitplan noch einmal bekräftigt hätten, "da allen Beteiligten bewusst war, dass bei einer schnellen Entscheidungsfindung des IOC die entscheidenden Voraussetzungen für eine deutsche Bewerbung kurzfristig nicht professionell realisierbar sein werden." Tatsächlich wies DOSB-Präsident Hörmann noch im Dezember auf der Mitgliederversammlung des Dachverbandes auf noch zu klärende Fragen hin: Etwa den Standort des Olympischen Dorfes, ein Finanzierungskonzept und die Einbeziehung der Bürger.

Fest steht: NRW steht in Sachen Olympia vor einem Scherbenhaufen und vor massivem Klärungsbedarf. So kritisierte Mahmut Özdemir, SPD-Bundestagsabgeordneter und sportpolitischer Sprecher seiner Fraktion gegenüber der Sportschau das Gebaren von Armin Laschet als "ziellos, planlos und willenlos". Auch den DOSB kritisierte Özdemir, der in der Ruhrgebietsstadt Duisburg seinen Wahlkreis hat. Der DOSB habe mit seinem zögerlichen Vorgehen "die gesamte Region wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen". Man werde sich merken, "wie man hintergegangen wurde", so Özdemir. Die Posse um Olympia 2032 in NRW ist früher als gedacht vorbei. Die nächste wartet schon: Die um die Aufarbeitung.

Stand: 25.02.2021, 20:25

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