Darya Domracheva and Ole Einar Bjorndalen beim Sprint in Hochfilzen

Olympia | Peking

Ausländische Trainer in China: Mit fremder Hilfe zur Wintersportnation?

Stand: 26.01.2022, 10:39 Uhr

China ist wahrlich keine Wintersportnation, in Pyeongchang belegte es gerade einmal den 16. Rang im Medaillenspiegel. Doch bei den Heimspielen in Peking soll sich das ändern - mit Hilfe aus dem Ausland.

Von Katarina Schubert

Der Anblick war ohnehin schon kurios, immerhin teilten sich beim Skeleton-Weltcup in Innsbruck zu Beginn der Saison gleich drei Athleten das oberste Treppchen auf dem Podium. Dass aber Geng Wenqiang aus China, dem dadurch der erste Skeleton-Weltcupsieg seines Landes gelang, der Dritte im Bunde war, damit hatte vorher kaum jemand gerechnet.

Doch auch der chinesische Zweierbob der Frauen beeindruckte zuletzt mit einem sechsten Rang im Weltcup. Das Gleiche gilt für den Biathleten Cheng Fangming, der mit einem zwölften Platz beim Sprint in Oberhof einen Achtungserfolg feierte. Sie alle verbindet eines: Ihre Trainer stammen allesamt nicht aus China.

China bei Olympia: Im Sommer stark, im Winter schwach

Denn China ist wahrlich keine Wintersportnation: Im Sommer eine Weltmacht, liegt es im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele gerade einmal auf Rang 17. Zehn der 13 bisher gewonnenen Goldmedaillen wurden zudem im Shorttrack errungen, dagegen spielten chinesische Sportlerinnen und Sportler im Eiskanal oder auf der Loipe bislang kaum eine Rolle.

Trotz alledem hat sich die chinesische Sportführung ein ambitioniertes Ziel gesetzt, nämlich bei den Heimspielen in Peking in allen 109 Wettbewerben vertreten zu sein – doppelt so häufig wie in Pyeongchang 2018. Dies sei nur mit ausländischer Expertise zu erreichen, so Jeff Pain gegenüber der Sportschau. Der Kanadier war während der Spiele 2018 Nationaltrainer der chinesischen Skeletonis.

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Björndalen, Lange und Co. sollen es richten

"Das ist vor allem in neuen Sportarten der Fall, wo das interne Fachwissen fehlt. Dort müssen sie ausländische Trainer einstellen, um den Sport erfolgreich von Grund auf aufzubauen."

Für die Winterspiele in Peking hat sich China sodann auch die Dienste einiger prominenter Trainer und Ex-Sportler gesichert, darunter die Biathlon-Legenden Ole Einar Björndalen und Darya Domracheva sowie der deutsche Rekord-Olympiasieger im Bob, André Lange.

Machata: Trainer-Job in China eine spannende Herausforderung

Bevor Lange den Trainer-Job in China übernahm, gehörte dieser einem anderen Deutschen. Manuel Machata, ehemaliger Weltmeister im Zweierbob, trainierte das chinesische Bob-Team für dreieinhalb Jahre, bis zu den Spielen in Pyeongchang.

"In einem mir unbekannten Land eine komplett neue Sportart aufzubauen, war ein Abenteuer und eine spannende Herausforderung", erzählt Machata. Natürlich habe er sich im Vorfeld Gedanken über die Menschenrechtslage in China gemacht, vor Ort habe er aber gute Erfahrungen gesammelt. "Abseits des Sports kann man das sicher anders bewerten."

Inzwischen ist Machata Cheftrainer in Italien. "Ich war neun Monate im Jahr unterwegs. Für die Familie ist das nun besser." Die lange Zeit fern der Heimat, dazu Sprachbarrieren, das sind nicht die einzigen Herausforderungen, vor denen ausländische Trainerinnen und Trainer in China stehen. Häufig standen deren Schützlinge noch nie auf Skiern oder saßen auf einem Schlitten, sodass Machata und Co. bei null anfangen mussten.

Corona tut sein Übriges. "Zu Beginn waren die Trainingsbedingungen sehr gut, seit Ausbruch der Pandemie ist es aber mühsam geworden", so Wolfgang Schädler, der seit 2015 das chinesische Rodel-Team trainiert. Dass sie aufgrund des Corona-Virus die gesamte vergangene Saison verpassten, helfe ebenfalls nicht bei dem Aufbau eines jungen, noch unerfahrenen Teams.

Strenge Hierarchien stellen Trainer vor Probleme

Auch das eiserne Trainings-Regime und die strengen Hierarchien Chinas stellen ausländische Trainerinnen und Trainer wiederholt vor Probleme. "Das chinesische Sportsystem ist sehr reglementiert, sehr strukturiert und historisch geprägt. Es war schwer, sie von neuen Ideen zu überzeugen. Wir mussten ihnen also erst unseren Sport beibringen, bevor wir unsere Arbeit als Trainer richtig aufnehmen konnten", berichtet Pain, der mittlerweile in Österreich tätig ist.

Hinzukämen die hohen Erwartungen an das Team, der Erfolgsdruck auf Athleten, Trainer sowie Funktionäre sei enorm. "Der Heimvorteil ist so groß, dass alles, was nicht zu einer Goldmedaille führt, in den Augen der chinesischen Sportführung als Misserfolg gewertet wird", meint Pain.

Dabei sei es vor allem in technisch anspruchsvollen Sportarten wie Rodeln unmöglich, sich innerhalb so kurzer Zeit in die Weltspitze vorzuarbeiten, gibt Schädler zu Bedenken. Dies habe er seinen Vorgesetzten auch von Beginn an klar gemacht.

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Chinas Plan geht nicht immer auf

Dennoch könnte es im Skeleton, Bob oder Biathlon dank ausländischer Expertise und mit sehr viel Glück zu einer Medaille reichen. In anderen Sportarten geht Chinas Plan dagegen nicht auf.

So stand die Teilnahme des chinesischen Eishockey-Nationalteams der Männer, obwohl als Gastgeber automatisch für das olympische Turnier qualifiziert, auf der Kippe, da die Angst vor einer Blamage auf Seiten des Weltverbands groß war. Und das trotz italienischen Trainers sowie einer Reihe von eingebürgerten nordamerikanischen Spielern.

Es stellt sich also die Frage, wie nachhaltig Chinas Wintersport-Bemühungen sind. Erst wenn es dem Land gelinge, selbst Trainerinnen und Trainer aufzubauen, ergebe dies laut Machata alles Sinn. "Ansonsten sind sie in einem ewigen Teufelskreislauf gefangen, in dem man immer wieder Trainer aus dem Ausland holen muss."

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