Die Olympischen Ringe in Peking

Olympia 2022 Wie die Olympischen Winterspiele an Peking gingen

Stand: 16.12.2021 11:00 Uhr

In 50 Tagen beginnen die Olympischen Spiele in Peking. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Corona-Politik: Je näher die Eröffnung rückt, desto lauter wird die Kritik an der Vergabe. Doch warum hatte sich das IOC für Peking entschieden? Ein Rückblick.

Von Raphael Weiss

Es war knapp. Als das IOC sich im Juli 2015 in Kuala Lumpur versammelte, um über den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2022 zu entscheiden, fehlten Almaty nur drei Stimmen für die Mehrheit. Nur drei Stimmen und in 50 Tagen hätte die große Eröffnungszeremonie in Kasachstan im Zentralstadion Almaty anstatt in dem als "Vogelnest" bekannten Nationalstadion in Peking stattgefunden.

40 Funktionäre standen den 44 gegenüber, die für eine Austragung der Winterspiele 2022 in Peking stimmten. Es war eine Entscheidung zwischen zwei ungleichen Städten. Auf der eine Seite, Peking, die weltbekannte Metropole: 21,5 Millionen Einwohner. Schaltzentrale einer der mächtigsten Nationen der Welt, Knotenpunkt für den Welthandel. Auf der anderen Seite die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt im Südosten Kasachstans am Fuße des Tian-Shan-Gebirges. Größter Wirtschaftszweig: Lebensmittelproduktion.

Olympia 2022: Die Wahl zwischen zwei autoritären Regimen

Doch so unterschiedlich diese beiden Städte sind, gibt es eine Gemeinsamkeit, die dafür gesorgt hatte, dass bei der Abstimmung über Olympia 2022 von den neun ursprünglichen Bewerbungen nur noch diese zwei übrig blieben: Beide Städte liegen in autoritär regierten Ländern.

Denn zuvor hatten nach und nach die aussichtsreichsten Städte ihre Bewerbungen zurückgezogen. In den meisten Fällen war es die Bevölkerung, die sich gegen die Bestimmungen und Verträge, die das IOC von den austragenden Städten und Gemeinden fordert, gestellt hatten. In Volksentscheiden fiel eine Bewerbung nach der anderen.

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Volksentscheid verhinderte Münchner Bewerbung

St. Moritz, Krakau, Stockholm, Oslo - und auch die Münchner Bewerbung waren am Willen der Wählerinnen und Wähler gescheitert. Neben dem Naturschutz waren die "Knebelverträge des IOC", wie es die Kampagne gegen die Olympiabewerbung ausgedrückt hatte, eines der Hauptargumente gegen München 2022 gewesen. Eine Argumentation, die es ähnlich auch in den anderen Städten gegeben hatte.  

Zu den Bedingungen des IOC zählte, dass der Stadtrat einen Vertrag ohne Kenntnis des späteren Vertragsinhalts und damit das Eingehen der entsprechenden Verpflichtungen unterzeichnen musste.

Zudem hätte es für das IOC massive Steuererleichterungen gegeben, während der Gastgeber einen Großteil des finanziellen Risikos getragen hätte. Alle vier Ausrichtergemeinden (München, Berchtesgadener Land, Traunstein und Garmisch-Partenkirchen) hatten letztlich gegen die Bewerbung gestimmt.

Peking: Winterspiele ohne Schnee?

Weil Barcelona mit Alpin-Wettbewerben in den Pyrenäen laut des damaligen Bürgermeisters Gelder für die Finanzierung der Spiele fehlte und Lemberg aufgrund der politischen Situation in der Ukraine keine Möglichkeit sah, Olympische Spiele auszurichten, blieben nur noch Peking und Almaty übrig. Das Konzept der Kasachen basierte auf einer Wintersportstruktur, die auch ohne die Spiele vorhanden war, guten Wetterbedingungen und kurzen Entfernungen zwischen den Sportveranstaltungen.

Peking lobte Spiele der Nachhaltigkeit aus. Zwar werden viele der Olympiaanlagen von den Sommerspielen 2008 auch 2022 wieder benutzt werden. Doch Schnee ist in der Region Zhangjiakou, wo ein Großteil der alpinen Wettbewerbe ausgetragen wird, eine Seltenheit. Zudem sind die Sportstätten 190 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Mangelnder Naturschutz und Menschenrechtsverletzungen

Schon damals wurde die Entscheidung für die chinesische Hauptstadt kritisiert. "Spiele der Heuchler", titelte die Süddeutsche Zeitung; "Olympia, eiskalt serviert", die Frankfurter Allgemeine Zeitung "A Winter Olympics without snow?" – Olympische Winterspiele ohne Schnee? hieß es bei der BBC.

Neben dem besonders harten Umgang mit politisch Andersdenkenden während der Spiele 2008 und mit Tibet wurden vor allen Dingen die Umweltverträglichkeit des Gastgebers kritisiert. Positiv wurde der erfolgreiche Umgang mit dem Smog-Problem vor Olympia 2008 erwähnt und ein Schnellzug, der die Athleten in 47 Minuten von Peking nach Zhangjiakou bringen soll.

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Politscher Boykott der Winterspiele

Doch die Verschärfung der Debatte, wie sie aktuell stattfindet, war damals noch nicht abzusehen. Besonders die vielfach belegten Berichte über Arbeits- und Umerziehungslager im Nordwesten Chinas haben noch einmal die Kritik an der Vergabe erneuert. Mittlerweile sprechen Experten und verschiedene Regierungen von einem Genozid, der in Xinjang an der muslimischen Bevölkerungsgruppe stattfindet.

Nachdem die USA einen politischen Boykott der Spiele angekündigt hatten, schlossen sich weitere Nationen an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bereits angekündigt, er werde während der Olympischen Spiele nicht nach China reisen.

Wäre Almaty die bessere Wahl gewesen?

Wie die Diskussion ausgefallen wäre, hätten sich 2015 drei Funktionäre bei der IOC-Abstimmung in Kuala Lumpur doch für Almaty entschieden? In der Rangliste zur Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" belegt Kasachstan Platz 157 von 180 und steht damit 20 Plätze vor China. Die Religions- und Versammlungsfreiheit wird vom Staat restriktiv gehandhabt. Zumindest die Fahrtwege wären kürzer gewesen.