Kamila Walijewa

Olympia | Doping Dopingfall Walijewa wird zur Hängepartie – dubioses Umfeld der Eiskunstläuferin

Stand: 11.02.2022 17:38 Uhr

Der Dopingfall um Eiskunstlauf-Wunderkind Walijewa wird vor dem CAS entschieden. Nach Sportschau-Informationen sind noch Hunderte Verdachtsfälle aus dem russischen Staatsdoping ungeklärt – auch im Wintersport.

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Nick Butler

Nun ist es offiziell: Eiskunstlauf-Wunderkind Kamila Walijewa ist nach einer positiven Probe in einen Dopingfall verwickelt – und Russland mal wieder in einen Skandal. Nachdem tagelang die Gerüchteküche gebrodelt hatte, bestätigte die während Olympia in Peking für Doping-Angelegenheiten zuständige Internationale Test-Agentur ITA am Freitagmorgen, dass die erst 15-jährige Russin am 25. Dezember bei den nationalen Meisterschaften in St. Petersburg mit dem verbotenen Herzmedikament Trimetazidin (TMZ) gedopt war.

Teamarzt mit Dopingvergangenheit

Recherchen der ARD-Dopingredaktion im Umfeld der jungen Eiskunstläuferin weckten zudem weitere Verdachtsmomente: So arbeitet für den russischen Eiskunstlaufverband ein Teamarzt mit einer einschlägigen Dopingvergangenheit.

Filipp Shvetskiy hatte vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 russischen Ruderern verbotene Infusionen verabreicht, war dafür zunächst vier Jahre gesperrt wurden, was später auf die Hälfte verkürzt worden war. Er hatte den Verstoß eingeräumt, angeblich vor allem, um seine Athleten zu schützen. Shvetskiy hatte Walijewas Team zuletzt regelmäßig begleitet.

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Und Walijewas Trainerin Eteri Tutberidze ist in der Szene für ihre harten Methoden berüchtigt. Russische Quellen aus dem Umfeld des nationalen Eiskunstlaufverbandes haben der Sportschau berichtet, dass bei Trainingslagern unter Leitung von Eteri Tutberidze Athleten Pillendosen bereitgestellt würden, angeblich mit Vitaminpräparaten.

Welche Medikamente aber genau in den Pillendosen seien, würden den Sportlerinnen nicht gesagt werden. Der Vorgang erinnert an Gepflogenheiten im DDR-Eiskunstlauf. Damals wurden ebenso angeblich Vitaminpräparate verabreicht. Später konnte belegt werden, dass es sich dabei häufig um Anabolika gehandelt hatte.

Mehr als 500 Verdachtsfälle

Und während der komplexe und emotional aufgeladene Fall Walijewa in Peking trotz der ersten offiziellen Klarstellungen endgültig zur Hängepartie wurde, gerieten "Team ROC" und einige Wintersportverbände durch Recherchen der ARD-Dopingredaktion noch zusätzlich unter Druck.

Aus einem vertraulichen Papier der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA von Oktober vergangenen Jahres, das der Sportschau vorliegt, geht hervor, dass mehr als 500 Dopingverdachtsfälle russischer Athletinnen und Athleten, die im Zusammenhang mit dem Staatsdopingskandal und seinen Folgen stehen, noch immer ungeklärt sind.

Aus dem Wintersport stammen insgesamt 50 Fälle. Ob und gegebenenfalls wie viele Peking-Fahrer betroffen sind, ist unklar. Auf eine entsprechende Sportschau-Anfrage gab das russische Olympische Komitee ebenso keine Antwort wie die RUSADA und viele Zuständige aus den betroffenen Wintersportverbänden – nur der Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF sowie der Biathlon-Weltverband IBU bestätigten die Zahlen für ihren Bereich.

Nach Sportschau-Informationen sind auf der Liste zwölf Fälle aus dem Bobsport aufgeführt, fünf aus dem Biathlon, sechs aus dem Skisport und 27 aus dem Eishockey. Aus den Sommersportarten sind Leichtathletik (141) und Gewichtheben (138) am meisten betroffen.

Zähe Aufarbeitung

Recherchen der ARD-Dopingredaktion hatten den russischen Staatsdoping-Skandal im Dezember 2014 ins Rollen gebracht, als erstmals massive Vorwürfe gegen Russlands Leichtathletik publik wurden.

Später kam heraus, dass die Gastgeber während der Winterspiele 2014 in Sotschi unter anderem mit Hilfe des Geheimdienstes FSB dopingverseuchte Urinproben russischer Sportler reihenweise gegen saubere austauschten.

Die Machenschaften setzten sich bis 2019 mit der Manipulation von Daten aus dem Moskauer Dopingkontrolllabor fort. Die WADA konnte viele der Manipulationen nachvollziehen, daraus ergaben sich Hunderte Verdachtsfälle – deren Aufarbeitung, wie nun klar wird, noch immer nicht ansatzweise abgeschlossen ist.

CAS entscheidet am Montag nach IOC-Einspruch

Dasselbe gilt auch für den Fall Walijewa. Die 15-Jährige war am 25. Dezember unter Aufsicht der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA positiv auf TMZ getestet worden. Kontrolliert wurde die Probe im WADA-Labor in Stockholm.

Erst am vergangenen Dienstag, einen Tag nach dem Olympiasieg des Team ROC mit der überragenden Walijewa, meldeten die Schweden das positive Ergebnis – woraufhin die RUSADA eine vorläufige Suspendierung aussprach.

Gegen diese wiederum legte Walijewa noch am Mittwoch Einspruch ein. Am selben Abend hob die RUSADA, die wegen des Zeitpunktes der Probeentnahme in St. Petersburg formell noch immer zuständig ist, aus bislang unbekannten Gründen die Suspendierung nach einer Anhörung wieder auf. Eine Begründung dafür soll die RUSADA nach Auskunft der ITA in Kürze liefern.

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Gegen diese Aufhebung der Suspendierung wiederum legte das Internationale Olympische Komitee Einspruch ein, der nun am Montag (14.02.2022) von der Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sport-Schiedsgerichtes CAS in Peking entschieden werden soll.

Nicht nur juristische Dimension

Mit dem Einspruch will das IOC wohl nicht nur erneuten Vorwürfen vorbeugen, es stünde der Sportgroßmacht Russland zu nahe. Es will auch ein schnelles, rechtskräftiges Urteil des höchsten Sportschiedsgerichtes herbeiführen, um zumindest vorläufig einen Schlussstrich unter den Fall ziehen zu können. Denn schon am kommenden Dienstag steht die Einzelkonkurrenz in Peking an, in die Walijewa als Topfavoritin gehen wird – oder eben gar nicht.

Fest steht: Der Fall hat nicht nur eine juristische Dimension, die klar zu sein scheint: TMZ steht seit 2014 auf der Dopingliste und ist sowohl im Wettkampf als auch im Training verboten.

Von einer Ausnahmegenehmigung (TUE) für Walijewa ist bislang nichts bekannt. Und da Athletinnen und Athleten unter dem Sportrechtsgrundsatz der Beweislastumkehr selbst für die Mittel verantwortlich sind, die in ihren Körpern gefunden werden, spricht vieles für eine Sperre von Walijewa.

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Ob es allerdings moralisch und ethisch gerechtfertigt ist, einer 15-Jährigen diese Verantwortung zu übertragen, ist mehr als fraglich. Und wenn nicht ihr, wem dann? Der CAS will am Montag ein Urteil vorlegen.

Bis zur Entscheidung wird der Druck gewaltig sein, denn der Fall ist jetzt schon ein riesiges Politikum. Ausgerechnet die USA würden das russische Gold erben, sollte dem Team ROC der Sieg aberkannt werden.

Susanne Lyons, Vorsitzende des Nationalen Olympischen und Paralympischen Komitees der USA, betonte bereits, dass für sie nicht weniger als die Integrität des Sports auf dem Spiel stehe.