Geher Evan Dunfee: "Athleten stehen nicht an erster Stelle"

Evan Dunfee

Interview mit kanadischem Geher

Geher Evan Dunfee: "Athleten stehen nicht an erster Stelle"

Der Kanadier Evan Dunfee gilt vor den Olympischen Spielen in Tokio als Medaillenkandidat im Gehen an den Start. Obwohl er die Risiken kennt, hat er sich bewusst zur Teilnahme entschieden. Mit dem Umgang und den Werten des IOC hadert er dennoch. Im Sportschau-Interview spricht er über die Sicherheit der Spieler, Heuchelei des IOC und seine Utopie von Olympia.

Sportschau: Herr Dunfee, die Olympischen Spiele in Tokio bringen wegen der Corona-Pandemie viele Risiken mit sich. Warum nehmen Sie diese in Kauf?

Evan Dunfee: Ich weiß nicht, ob die Spiele dieses Jahr überhaupt für irgendjemanden gut sind. Aber sie finden statt. Es wurde schon zu viel bewegt, als das sie jetzt noch gestoppt werden könnten. Ich habe mich persönlich dafür entschieden, die Risiken in Kauf zu nehmen. Aber für mich geht es jetzt darum, die Risiken so klein wie möglich zu halten. Vor allem für meine Familie und Freunde, wenn ich zurückkomme.

Sportschau: In den vergangenen Wochen gab es trotz aufwendiger Hygienekonzepte immer wieder Coronafälle bei Qualifikationen und Turnieren. Ist das IOC zu optimistisch, dass alles glatt läuft?

Dunfee: In dieser Pandemie kann sich vieles sehr schnell ändern. Es ist schwer zu sagen, wie die Welt während der Olympischen Spiele aussehen wird. Aber jetzt gerade sehe ich keinen Grund, dass die Olympische Blase mehr Erfolg haben wird als irgendeine andere bisher.

Sportschau: Vereinigungen wie Athleten Deutschland haben mit dafür gesorgt, dass die Spiele vergangenes Jahr verschoben wurden. Welchen Einfluss haben sie wirklich?

Evan Dunfee

Evan Dunfee, 30, ist ein kanadischer Geher. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro wurde er über 50 Kilometer Vierter und stellte dabei den kanadischen Rekord auf. In Tokio geht er wieder beim 50-Kilometer-Rennen an den Start.

Dunfee: Einer der stolzesten Momente für mich als Kanadier war nicht, als ich bei den Olympischen Spielen 2016 teilgenommen habe oder bei den Weltmeisterschaften auf dem Podest stand. Sondern, dass wir das erste Land waren, die ernsthafte Zweifel geäußert haben. Die gesagt haben, dass wir unsere Athletinnen und Athleten nicht schicken werden. Und dass meine Teamkolleginnen und Teamkollegen alle hinter dieser Entscheidung standen. Das war ein gutes Beispiel, weil wir danach den Dominoeffekt gesehen haben, der das IOC letztendlich zu einer Entscheidung gezwungen hat, die sie so noch nicht treffen wollten. Also ja, ich glaube, dass solche Vereinigungen von Sportlerinnen und Sportlern etwas bewegen können. Davon brauchen wir mehr.

Sportschau: Das IOC betont immer wieder, wie wichtig die Sportler sind. Wieviel kommt davon bei Ihnen an?

Dunfee:Von allem, was ich weiß, stehen die Athleten nicht an erster Stelle. Die Athleten sind das Produkt. Sie bringen das Geld. Die Spiele in Tokio und Peking und der Umgang mit den Sportlerinnen und Sportlern wird zeigen, welchen Stellenwert wir wirklich haben.

Sportschau: Mit der sogenannten "Regel 50" verbietet das IOC den Sportlerinnen und Sportlern, sich im Umfeld der Olympischen Spiele politisch zu äußern. Offiziell, um den Fokus auf den Sport zu lenken. Wie bewerten Sie diese Vorgabe?

Dunfee: Auf der einen Seite sollen wir uns nicht politisch engagieren oder protestieren. Aber auf der anderen Seite sagt das IOC: Schaut, wir verbinden Korea. Das ist Heuchelei. Das zeigt wieder, dass die Sportlerinnen und Sportler nur zur Unterhaltung da sind.

Im Schattenreich der Ringe - das IOC und die Menschenrechte Sportschau 02.05.2021 33:38 Min. Verfügbar bis 02.05.2022 Das Erste

Sportschau: Der Präsident des IOC, Thomas Bach, wurde jüngst mit nur einer Gegenstimme wiedergewählt. Wie war Ihre Reaktion?

Dunfee: Es ist eben die Thomas Bach-Show, bei der der Vorstand auch noch ein bisschen Input gibt. Alle anderen haben eigentlich nichts zu sagen. Es ist eine Farce. Und das steht im kompletten Kontrast zu deren Werten von Good Governance und Transparenz. Darüber kann man eigentlich nur lachen. Weil man sonst weinen müsste.

Sportschau: Wie schafft man es unter solchen Umständen noch an die Werte von Olympia zu glauben?

Dunfee: Ich muss damit leben, dass ich die Olympischen Ringe auf meiner Wade tätowiert habe. Ein großer Teil von mir glaubt an die Werte von Olympia. Es war sehr schwer, das in den vergangenen Jahren rational zu betrachten. Ich habe Olympia für mich selber immer zu einer kleinen Utopie gemacht. Das muss ich aber von all dem unterscheiden, was ich beim IOC sehe. Ich weiß, dass meine Utopie niemals Realität wird.

Stand: 01.05.2021, 18:18

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